Bohrkerne zeigen: Lokale Faktoren für langfristige Zyklen bedeutsamer als gedacht
Bremerhaven/London - Der Wechsel von Warm- und Kaltzeiten auf der Nordhalbkugel hat die Antarktis und insbesondere die dortige Eismenge möglicherweise weniger beeinflusst als gedacht. Langfristige Temperaturschwankungen in der Antarktis könnten auch durch lokale Klimaveränderungen auf der Südhalbkugel ausgelöst worden sein, schreiben drei Forscher des Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (AWI) im britischen Fachjournal "Nature" nach der Analyse von Eisbohrkernen.
Bei ihrer neuen Beurteilung betrachteten die drei Wissenschafter erstmals den besonders starken Einfluss der Wintertemperaturen auf das Klimageschehen in der Antarktis. Dieser ist deutlich größer als jener der Sommertemperaturen in der Region. "Im Ergebnis ist zu sehen, dass dieser Einfluss genauso als Ursache angesehen werden kann wie der bis jetzt vermutete Zusammenhang zwischen Norden und Süden", sagte der Physiker Martin Werner. Und bevor's im Forum wieder rauscht: Die Klimaveränderungen, mit denen sich die Wissenschafter beschäftigten,
vollzogen sich in einem Zyklus von zehntausenden oder sogar hunderttausenden Jahren. Mit dem aktuellen, wahrscheinlich vom Menschen
verursachten, Klimawandel hätten diese Veränderungen nichts zu tun, betonte
AWI-Sprecher Ralf Röchert.
Umdenken
Auf der Basis von Berechnungen des serbischen Mathematikers Milutin Mlankovic hatten die meisten Wissenschafter bisher vermutet, dass Veränderungen in der Sonneneinstrahlung im Norden nahezu parallel Klimaveränderungen im Süden auslösten. Dem Norden wurde der Erdkugel-umspannende Einfluss wegen seiner größeren Landmassen zugeschrieben. Zahlreiche Klimarekonstruktionen auf der Basis von Eisbohrkernen, Meeressedimenten und anderen "Klimaarchiven" schienen diese Theorie zu stützen.
Allerdings gab es bisher keine physikalische Erklärung, wie der Zusammenhang funktionieren könnte. Die neuen Erkenntnisse stellten die alten Ansichten zwar nicht völlig infrage. "Wir haben aber ein kräftiges Indiz gefunden, dass man früher einfach falsch gedacht hat", sagte Werner. (APA/red)