Die Zahl der Unternehmensgründungen von Klein- und Mittelbetrieben steigt, die der Pleiten auch - zum Glück
Beginnen wir bei den Galliern. Der Druide Miraculix verstand es prächtig, seinen Zaubertrank zu mixen. Doch nicht nur das Rezept, auch das richtige Händchen, die richtige Dosierung, eine ordentliche Portion Augenmaß und Weitsicht führten zum gewünschten Ergebnis. Nicht ganz unähnlich verhält es sich mit Unternehmensgründern: Man nehme: Eine Idee, ausreichend Mut, ein kräftiges Maß an Barmitteln und einige Ressourcen, auch ein Businessplan kann nicht schaden - exakt 29.221 Unternehmen wurden so oder so ähnlich im Jahr 2010 gegründet, um 1,1 Prozent mehr als im Jahr davor.
Klein- und Mittelunternehmen (KMU) machen in Österreich fast 98 Prozent aller Betriebe aus. Grund dafür sind unter anderem Umwälzungen und Veränderungen in der Wirtschaft in den letzten ein, zwei Jahrzehnten. Staatsbetriebe lagerten Bereiche aus, Konglomerate wurden zerschlagen, die Technologien veränderten sich enorm, der Wettbewerb nahm spätestens mit dem EU-Beitritt zu. Doch nichts ist so rosig wie es klingt, denn im langjährigen Schnitt überleben nach Angaben der Wirtschaftskammer (WKÖ) nur 76 Prozent die ersten drei Jahre, nach fünf Jahren sind bereits ein knappes Drittel wieder verschwunden.
Peter Voithofer, Geschäftsführer der KMU Forschung Austria, relativiert auf Anfrage und will lieber von "Bestandsquote" sprechen. "Besteht ein Unternehmen nicht mehr, heißt das nicht zwangsläufig, dass es tot ist." Ein Firmengründer könne beispielsweise eine Zeitlang auf Projektbasis bei einem anderen Unternehmen angestellt sein, selbstständige und unselbstständige Tätigkeit wechselten dann einander ab. Tatsache bleibt allerdings, dass die Zahl der Insolvenzen zunimmt, Fallstricke für Unternehmen lauern überall.
Zeit, Plan und Markt
Prinzipiell sei Gründen in Österreich keine große Affäre, gehe sehr rasch und relativ unkompliziert, so ein WKÖ-Sprecher zu derStandard.at. Doch Ruck-Zuck-Aktionen erweisen sich mitunter als tödlich. Banal, aber oft nicht ausreichend beachtet, wird in der Gründungsphase der Zeit- und Planungsfaktor. Wichtig dabei: sich keinesfalls in eine Unternehmensgründung hineindrängen zu lassen. Voithofer: "Die erste brennende Frage muss sein: In welcher Branche möchte ich mich selbstständig machen? Wo ist der Markt?" Die persönlichen Voraussetzungen in fachlicher und branchenseitiger Hinsicht müssen abgeklopft werden, sowie die eigenen wirtschaftlichen und kaufmännischen Kenntnisse, ebenso die optimale Rechtsform - Stichwort: Besicherung und Kapitalaufbringung. Da das Startkapital zu Anfang meist überschaubar ist, ist ein Business-Plan für die weitere Zukunft unerlässlich. Bei der Erstellung helfen gesetzliche wie auch freiwillige Interessensvertretungen oder Förderbanken.
Die meisten finden sich in der Gewerbe-Branche, in der Hauptsache für persönliche Dienstleistungen, wie Energetik- oder Einrichtungsberater. Danach folgen Unternehmensberater und EDV-Dienstleister. Werbung und Marktkommunikation schließen gleich an, dann der Direktvertrieb (Handelsagent, Warenpräsentator und dergleichen). Schließlich die Finanzdienstleister, die Gastronomie, der Reinigungsbereich und das Bauhilfsgewerbe. Auch unter den Top-Ten: der Handel, zumeist der im Internet.
Durststrecke
Bleibt noch der Mut zum Risiko. Hans-Georg Kantner, Insolvenzexperte beim Kreditschutzverband 1870 (KSV): "Wenn Sie Glasknochen haben, werden Sie wahrscheinlich aufs Schifahren verzichten. Bei normaler Gesundheit nicht. Aber Sie könnten ein paar blaue Flecken riskieren." Nach der Durststrecke des Jahres 2009, als rund 7.000 Unternehmen in die Zahlungsunfähigkeit schlitterten, machte sich laut einer aktuellen globalen Insolvenzanalyse der zum Allianz-Konzern gehörenden Euler-Hermes-Gruppe in Österreich der Konjunkturaufschwung bemerkbar. 2010 gingen die Insolvenzen laut Studie um 7,6 Prozent auf 6.376 Fälle zurück.
2011 soll sich dieser Trend mit minus 7,3 Prozent weiter fortsetzen, so die Prognose. Kantner dagegen rechnet damit, dass die Insolvenzzahlen der Konjunkturerholung zumindest 2011 noch hinterherhinken werden. Einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftskrise und Anstieg an Insolvenzen bei den KMUs sieht er nicht. Im Gegenteil: "KMUs sind risikoärmer, krisenfester, und wenn sie einmal ins Trudeln geraten, sind sie auch bereit, einiges ins Unternehmen zu stecken - manchmal auch zu viel, was wohl mit dem sanierungsfreudigen Insolvenzrecht in Österreich zu tun hat."
Hauptursachen der Insolvenz
80 Prozent der Insolvenzen sind laut KSV auf persönliches Versagen zurückzuführen, 42 Prozent davon auf betriebsinterne Fehler, 15 Prozent auf Fahrlässigkeit, 14 Prozent auf Kapitalmangel und neun Prozent auf persönliches Verschulden. Letzteres betrifft überhöhte Entnahmen, Spekulationen, Vernachlässigung und betrügerische Handlungen - Dinge also, die dem Unternehmer selbst vorzuwerfen sind. Fahrlässigkeit und Blauäugigkeit stehen außerhalb des straf- oder schadensersatzrechlichen Rahmens, vielmehr versteht man darunter unternehmerischen Leichtsinn; "Einlassungsfahrlässigkeit" beispielsweise, sprich: Jemand gründet ein Unternehmen ohne oder mit zu wenig Erfahrung. Kantner: "Chef sein hat Vorteile, beinhaltet aber auch eine Menge an Verantwortung und Obligenheiten, die einzuhalten sind."
Kantner greift zu einem bildhaften Vergleich: "Der Chef eines Unternehmens ist wie ein Kapitän auf einem Schiff: Er ist für alles verantwortlich, was passiert, und - ebenso wichtig - was nicht passiert. Er trägt die Verantwortung, hat die Organisationshoheit. Er ist es, der entscheidet, wer eingestellt wird, wie viele Leute für ihn arbeiten, welche Ausbildung diese haben, er setzt die Regeln fest. Ein Unternehmen ist keine demokratische Veranstaltung, sondern eine hierarchische Organisation. Für betriebsinternen Schiffbruch müssen Unternehmer und Management gerade stehen."
Im Turbo gegen den Eisberg
Die Achillesferse der KMU ist nach Angaben Kantners der häufig fehlende Weitblick. KMU befassen sich zu wenig mit den großen, langfristigen Entwicklungen. "Man kann Manager grob in drei Kategorien einteilen: Diejenigen, die hinter den Horizont blicken und aktiv an der Zukunft arbeiten, jene, die sich zumindest überlegen, wie die Zukunft sein könnte, und jene - leider sehr zahlreich - , die weder das eine noch das andere tun. Somit sind viele Insolvenzen zwar extern verursacht, kommen aber nicht unerwartet." Ein gutes Beispiel dafür ist der Weg Österreichs in die EU: Das Beitrittsansuchen wurde Mitte der 1980er-Jahre eingereicht, nach Abarbeitung der Fünf-Jahres-Agenda und dem Eintritt zum Europäischen Wirtschaftsraum gab es eine veritable Insolvenzwelle in den Bereichen Spedition (unter anderem Grenzabfertigung), Frächter, Nahrungsmittelgrunderzeugung oder Bäckereien. Viele Betriebe waren schlicht nicht ausreichend vorbereitet auf die neue Wettbewerbssituation. "Es gab sozusagen eine Eisbergwarnung, und der Kapitän traf die Entscheidung, mit voller Geschwindigkeit zu fahren. Eine grobe Fahrlässigkeit, die Geschwindigkeit nicht zu drosseln, sondern zu erhöhen", so Kantner.
Dynamik, Wettbewerb und Entwicklung nehmen weiter rasant zu. "Unternehmen werden künftig immer mehr an ihre betriebswirtschaftlichen Grenzen 'fahren' müssen. Der Wettbewerb wird schärfer und somit steigt die Zahl der Insolvenzen", so Kantner weiter. Österreichs Insolvenzentwicklung ist bereits auf dritthöchstem Niveau in Europa. Ein Faktum, dem Kantner aber auch durchaus Positives abgewinnen kann: "Die Zahl der Insolvenzen ist ein Spiegel der Dynamik in der Wirtschaft. In einem Land ohne Pleiten gibt es auch keine Entwicklung. Je mehr Pleiten, desto dynamischer die Wirtschaft." (Sigrid Schamall, derStandard.at, 2.3.2011)