Harte Erziehung

Die Aufzucht von Sieger-Nachwuchs

Albert Wunsch, 2. März 2011, 11:23

Wenn körperlich-seelische Blessuren beim Drillen von Superkindern täglich neu zu Kollateralschäden führen

Was führt dazu, dass ein als Buch erschienener Erziehungsbericht einer chinesischstämmigen US-amerikanischen Yale-Professorin weltweit einen Hype auszulösen scheint und das Blut in Wallungen bringt? Er muss auf eine latente innere Unruhe, Unsicherheit oder gar Angst gestoßen sein, sonst wäre dies nicht erklärbar.

Amy Chua stellt als Tigermama eine fernöstlich als erfolgreich betrachtete Drill-Erziehung einer westlichen durch Weichheit, Inkonsequenz und Unterforderung geprägten pädagogischen Praxis gegenüber. Ein Kurzschluss-Resümee: Wer nicht von China überrannt werden will, muss deren Erziehungssystem übernehmen. Damit befinden wir uns im Zentrum der Gefahr, dieses Buch als Sieger-Macher-Strategie zur Überwindung unseres allerorts festzustellenden geballten Unvermögens im Umgang mit Kindern aufzugreifen.

Eine Zeugnis-Note sagt nur etwas über Fachwissen aus

Aber wollen nicht (fast) alle ihre Kinder als Sieger sehen, den Erfolg fördern? Dies wird meist so sein. Nur ist dann vorab zu klären, was als Erfolg oder Sieg betrachtet wird. Sonst kommen wir dem "gut gemeinten Besten" fürs Kind nicht näher. So fühlte sich Napoleon z.B. noch kurz vor Moskau als großer Sieger und sah den Zaren schon zu seinen Füßen. Aber nur wenige Tage später stand er am Abgrund seines Erfolgs, zeigte sich das Desaster seines Größenwahns.

Was kann dies möglichen Amy-Chua-Fans sagen? Dass eine Zeugnis-Note maximal das Ergebnis fachlichen Wissens bzw. Könnens widerspiegelt. Sicher mag eine "summa cum laude"-Urkunde sich innerhalb einer Bewerbung oder überm Schreibtisch gut machen. Aber welchen Wert fürs Leben drückt sie aus? Wozu führt dieses Zertifikat exzellenter Fachlichkeit? Wird er oder sie zum grandiosen oder verbissenen Forscher? Wird eine demokratische oder faschistische politische Karriere angestrebt? Soll es um die Leitung in einem Unternehmen gehen oder führt's zum Anheuern bei der Mafia? Und in welchem Umfang wird dabei das bisher kennengelernte Steuerungsinstrument zwischen "kleinem Zuckerbrot und großer Peitsche" das Handeln prägen?

Drei Lehren aus dem Chua-Hype

Kein Super-Examen sagt etwas über die Voraussetzungen zu einem eigenständigen, selbst verantworteten und zufriedenen Leben aus. Dazu wären andere Fähigkeiten zu entwickeln. Denn um ein erfüllendes Leben in Beruf, Partnerschaft, Familie und Freundeskreis zu führen, sind reichlich liebevoll-kontinuierliche Beziehungserfahrungen und ermutigende Zuwendungen notwendig. Je unsicherer die Zukunft ist, umso umfangreicher muss die Mitgift an Empathie, Fleiß, Durchhaltevermögen und Kompromissfähigkeit sein. Kinder brauchen die Erfahrung, dass Anstrengungen (nicht aufoktroyierte), Durststrecken und Rückschläge genauso wie Freude oder auch Langeweile zum Leben gehören. Ihnen ist zu vermitteln, dass neben emotional-sozialer Kompetenz auch fachliches Wissen und praktisches Können notwendig sind. Kurz: Es geht um das Erlernen eines erfolgreichen Lebens.

Wer also das Erziehungsversuch-Buch von Amy Chua richtig liest, kann ihm drei wichtige Botschaften entnehmen.

Erstens: Bei einem per Druck und Unterwerfung aufgewachsenen Menschen wird nicht Ausgeglichenheit und Liebenswürdigkeit, sondern Aggression und Gewalt wachsen.

Zweitens: Jedes Überstülpen von eigenen Vorstellungen wird einem Kind mit seinen ganz spezifischen Anlagen und Entwicklungsbedürfnissen nie gerecht.

Drittens: Ja, per Zwang kann Etliches erreicht werden, ob nun Sklaven Pyramiden bauten, die Untertanen autoritärer Herrscher deren Drecksarbeit verrichteten oder ein Kind Super-Geigerin wurde, aber es ist immer ein Angriff auf die Menschenwürde. (derStandard.at, 2.3. 2011)

Autor

Albert Wunsch, The European, lehrt u.a. an der Uni Düsseldorf, ist Verfasser von "Die Verwöhnungsfalle" und "Abschied von der Spaßpädagogik"

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 53
1 2
Archi
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an den verfasser des artikels:

es gilt schon ziemlich lange als unumstritten, dass die errichter der pyramiden KEINE sklaven waren... genauso wenig, wie die ruderer auf römischen oder frühgeschichtlichen kriegsgaleeren...

das ist zwar für das thema ihres beitrages nicht wirklich wichtig, aber es wäre schon, wenn sich autoren, die sich bestimmt als angehörige der intellektuellen elite empfinden, endlich aufhören würden, populistische und vor allem falsche vergleiche für die vermittlung der von ihnen vertretenen thesen heranzuziehen...

sabagrau
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Polarisierung tut gut!

Das Buch polarisiert, und das ist gut so. Denn plötzlich erinnern sich gerade diejenigen, die sonst die mangelnden Schulleistungen unserer Kinder bejammern, an das, was Erziehung, ganzheitlich gesehen, sein sollte.

Nur schade, dass das Aufzeigen der "wahren Werte" so sehr nach Scheinheiligkeit stinkt. Im täglichen Leben gehts nach wie vor um Erfolg, Macht, Geld - und Chuzpe.

Compound Interest Is Usury
02
wir brauchen wirtschaftswachstum

warum eigentlich?

um den zins der banken zu bedienen. ein sog. siegertyp ist also ein besserer zinsknecht, nichts weiter.

Sandkastenkanzler
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Danke für den Kommentar.

Das hat mit Erziehung nichts zu tun, das ist nichts anderes als militärischer Drill, wo Menschen "funktionieren" sollen, nicht eigenständig denken, und wo Menschen gebrochen werden, um aus ihnen "Instrumente" zu machen.

Dieser Drill ist kein Garant für Erfolg in Schule und Beruf, vom privaten Glück ganz abgesehen.

her wig
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Für's eigene Leben lernen vs. für die Eltern und Lehrer lernen

Das Thema ist irgendwie zeitlos gültig.

filosoph nix verbrennt
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Diszipin, Ausdauer, Wille!!!

Es ist schon komisch das grad die kinder und jugendlichen denen man schulisches versagen diagnostiziert, dann im skatepark mit einer Höllendisziplin, Ausdauer und willen zum erfolg neue tricks üben, inkl. freiwillige körperliche züchtigung (stürze, blaue flecken, blutige knie).

unser nachwuchs ist schon in ordnung, das system ist Verlierersystem - und was ist der sieger in einem verlierersystem wenn nicht der grösste verlierer

Dagmar Rehak Wien
 
05
brillant

für die drei Lehren

Ich frag mich bei jedeweden Erfolgsanwandlungen der Eltern, warum die damit nicht bei sich selber anfangen.

Archi
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na weil die es ja selber nicht geschafft haben, eh klar!! (behaupt ich mal, ohne nähere einblicke in das system familie zu haben)

Dagmar Rehak Wien
 
01

Klar, was sonst. Die Kinder müssen immer machen, was man selbst nicht geschafft hat, "damit sie es einmal besser haben im Leben".

FraF
01

Dieser Hinweis ist zwar nicht gerade originell, aber es lohnt sich absolut, einen Blick auf die Wikipedia-Zusammenfassung der Rezeption des Buchs zu werfen:

http://en.wikipedia.org/wiki/Batt... ger_Mother

Wie so oft bei einer Kontroverse sind die Dinge komplizierter, als sie auf den ersten Blick scheinen mögen. So hat das WSJ die provokantesten Passagen aus dem Buch abgedruckt (siehe mein letztes Posting für den Link), das außerdem keineswegs als Anleitung für Eltern gedacht ist, sondern vielmehr als Familienbiographie -- insofern greifen Kritik als auch Zustimmung nicht zu hundert Prozent. Laut Wikipedia ist Frau Chua von den Erziehungsprinzipien, die sie zu Beginn des Buchs vertritt, inzwischen abgewichen. ("Nachsichtiges"

FraF
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[Forts.]...Erziehen wird ihre Sache trotzdem nicht sein.)

sooo funny
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15.3.2011, 09:51
denke auch, dass

die gute frau eine enorme innere unsicherheit - die professorinnenwürde tut hier nichts zur sache - überdeckt. ihre tochter hat genau zwei möglichkeiten - sich von dem blöden regime, das ihre mutter aufgebaut hat loszusagen oder diesen krampf an ihre eigenen kinder bzw den partner weiterzugeben. der ehemann muss wohl von seiner schwerst gestörten superfrau abhängig sein, ansonsten kann ich mir seine zustimmung nicht erklären.

FraF
00

Hier ist der Link zum WSJ-Artikel von Amy Chua, der als Vorbote des Buchs bereits vieldiskutiert wurde:

http://online.wsj.com/article/S... 98754.html

Das ist eine faszinierend-erschreckende Lektüre, so etwa, wenn Frau Chua schildert, wie sie ihre Tochter zur Bewältigung eines Klavierstücks bringen will (letztendlich ist die Tortur erfolgreich):

"I rolled up my sleeves and went back to Lulu. I used every weapon and tactic I could think of. We worked right through dinner into the night, and I wouldn't let Lulu get up, not for water, not even to go to the bathroom. The house became a war zone, and I lost my voice yelling, but still there seemed to be only negative progress, and even I began to have doubts."

don't follow me!!!
00
I began to have doubts.....

eigentlich wirds erst dort interessant.
Ich habe schon solche Auffuehrungen von dressierten Kindern gehoert-ohne jeglichen Genuss fuer den Hoeren
(und selbstverstaenslich fuer den Schueler)
Eine gute Fusion aus chinesischen und westlichen Erfahrungen waere gefragt.

Linus Tintifax
01
hm, ich weiß nicht was ich bedenklicher finden soll

dass ein weiteres buch zur vorbereitenden erziehung für einen faschistischen staat verfasst wurde, oder dass dieses machwerk von einer professorin an einer amerikanischen elite-uni stammt.
einer höheren sache dienen zu wollen/müssen, endet meines wissens nach in der regel mit dem sturz in den abgrund. zumindest lehrt mich das die geschichte.

Steinbock1959
00

Da werden die wirklich wichtigen Werte angesprochen und durch Drill erreicht man so etwas sicher nicht.

WienerWasserWerke
10
Kann sich noch wer erinnern als wir von Japan überrollt wurden???

LOL

Was ist China auch?
Ein kleinlicher mieser Polizeistaat - mit einem riesigem Haufen selbst gemachter Problem - inkl. der Luft die sie atmen und dem Wasser das sie (nicht) trinken (können).

worry1
05
Ja genau endlich kommt von China die einzig richtige

Methode Kinder für die ÖVP-Klientel herzurichten.
Wir haben uns alle geirrt.
Kinder brauche statt Liebe, positive Motivation, ein wenig abgesicherte Freiheiten, Drohungen, Druck und wenn nötig natürlich Gewalt.
Denn nur mit Zucht und Ordnung marschieren wir für einen Manager, einen Politiker, einen Führer ... äh Moment hatten wir das nicht schon einmal???

sooo funny
00
15.3.2011, 09:55
statt "gewalt" würde ich "grenzen" bevorzugen

grenzen setzen ist das genaue gegenteil von gewaltausübung, die stets grenzverletzung ist und verheerendes in einem menschen anrichten kann

lessismore
02

Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

Linus Tintifax
00
wie wahr

und beängstigend...

mens sana in corpore sano
06
mit druck und drill kann man gut

kleine kinder verformen, die dann technisch perfekt ballett tanzen, gymnastik machen, schwimmen, tischtennis spielen etc.

aber selbstmord wegen der schule ist in europa kaum ein thema, in japan und china sehr wohl. ich bin mir nicht sicher, was ich besser finde ;-)

fakt ist aber auch: das was manche eltern mit ihren kindern machen ist keine erziehung. antiautoritäre und demokratische erziehung ist etwas anderes, als keinerlei grenzen setzen, nichts beibringen, alles dem kind überlassen. dafür gibt es auch einen namen: vernachlässigung.

Archi
00
"aber selbstmord wegen der schule ist in europa kaum ein thema, in japan und china sehr wohl. ich bin mir nicht sicher, was ich besser finde"

ich mir eigentlich schon...

jodaflo
 
00
ich frage mich wo die seid den 70 jahren trainierten superkinder bleiben, müssten die nicht schon längst regierungen und multinationale konzerne unterwandert haben?

"Kein Super-Examen sagt etwas über die Voraussetzungen zu einem eigenständigen, selbst verantworteten und zufriedenen Leben aus."

so ist es...

btw

http://www.zeit.de/2009/19/PD-Juul

pago1
00
leistungssport hat doch längst eine kranhafte entwicklunggenommen

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