Alte Weggefährten brechen im derStandard.at-Gespräch den Stab über den Ex-Finanzminister
Villach - Mit 25 Jahren Landeshauptmann-Stellvertreter in Kärnten, dann mit 31 Finanzminister. Heute, mit 42 Jahren, hat Karl-Heinz Grasser auch in der Kärntner Politik keine Freunde mehr. Beim Villacher Fasching - wo einst auch Grasser gern gesehen war - fragte derStandard.at ehemalige Parteifreunde und Widersacher, wie sich ihre Beziehung zum gefallenen Sunnyboy veränderte.
Der Kärntner Ober-Freiheitliche Uwe Scheuch sagt zu derStandard.at: "Das Verhältnis zum Karl-Heinz Grasser war bei uns schon sehr lange sehr getrübt, weil er damals den Freiheitlichen den Rücken gekehrt hat." Scheuch, dem derzeit selbst eine Anklage ins Haus steht, erinnert an die Nationalratswahl 2002, als Grasser ins Schüssel-Team wechselte: "Er ist über Nacht zur ÖVP gegangen und hat ein Spitzenamt angetreten. Also mein Mitleid hält sich in Grenzen." Eine Rückkehr in die Landespolitik unter blauer Fahne kann sich Grasser wohl aus dem Kopf schlagen. "Ich weine ihm nicht nach", sagt Scheuch. "Der Karl-Heinz Grasser ist seinen Weg gegangen und er soll ihn auch weitergehen. Das ist sein Kapitel."
Verlorene Bodenhaftung
Auch BZÖ-Obmann Josef Bucher lässt keine Milde walten, obwohl er in gemeinsamen FPÖ-Tagen als politischer Freund Grassers galt. "Er ist halt über seine eigenen Füße gestolpert. Der Hochmut hat ihn zu Fall gebracht."
Nicht erst die jüngeren Enthüllungen enttäuschten ihn. "Wir haben seit März 2003 keine freundschaftlichen Kontakte mehr", erzählt Bucher gegenüber derStandard.at. "Das hat sich damals schon abgezeichnet, dass er mit den Beinen nicht mehr fest auf dem Boden steht." Das sei aber nur seine persönliche Meinung, denn: "Grasser war nie BZÖ, sondern ÖVP."
Zirkus Grasser
Der Kärntner ÖVP-Chef Josef Martinz meint hingegen: "Richtig bei der ÖVP war er ja nie, er war für die ÖVP in seiner Funktion ein erfolgreicher Finanzminister." Auf Diskussionen über ein Comeback will Martinz sich nicht einlassen - es gebe heute in der Volkspartei ja "neue Leute". Ansonsten hört man von Martinz auch auf Nachfrage kein kritisches Wort. Grassers Auftritt vor dem Hypo-U-Ausschuss im Kärntner Landtag vergangene Woche habe er nur "in Überschriften" verfolgt. "Der Zirkus Grasser gastierte in Klagenfurt", sagt er lapidar.
Aber steht Grasser nicht für schwere moralische Verfehlungen? Martinz sagt dazu diplomatisch: "Wenn Sie in der Politik stehen, sind Sie immer die Zielscheibe von allen möglichen Diskussionen und er natürlich prononciert, weil er einfach ein Darling der Nation war."
"Dreimal überlegen, ob man Foto mit Grasser will"
Wesentlich direkter antwortet der Kärntner SPÖ-Chef Peter Kaiser: "Vom Liebling der Schwiegermütter und der Society ist er zu jemandem geworden, bei dem man sich dreimal überlegt, ob man mit ihm fotografiert werden will." Als Grasser vor einer Woche im U-Ausschuss im Landtag aussagte, "haben immer noch ein paar Leute auf ihn gewartet, um sich in seinem Licht zu sonnen, aber keine Leute, die ich sehr ernst nehme".
Und auch der Villacher Bürgermeister Helmut Manzenreiter (SPÖ), beim berüchtigten Fernsehfasching traditionell Gastgeber von Politikern und Prominenten, urteilt hart über den Ex-Minister: "Mein Liebling war er nie", kritisiert das Stadtoberhaupt die Privatisierung der Buwog-Wohnungen. "Mich hat er nie fasziniert." Er vermutet, dass die Faszination nun auch bei anderen schwindet. "Ich glaube, dass auch diese Sommer-Schick-Micki-Szene zu ihm weitgehend auf Distanz geht. Das scheint zu gefährlich zu sein, weil man den Ausgang nicht kennt."
Demonstrative Zerwürfnisse
Artur Worseg, in der Wiener wie in der Kärntner Haute-Volée zuhause, meint zu Grasser: "So aus der Gesellschaft kenne ich ihn natürlich. Es ist ein jämmerliches Schauspiel, das er da abzieht. Aber er macht das so geschickt: Ich bin überzeugt, dass er mit dieser Strategie durchkommen wird."
Kritik übt der Schönheitschirurg auch an jenen Prominenten, die ihm nun öffentlich das Du-Wort entziehen, wie dem PR-Berater Peter Rosam. "Diese Netzwerker, wie sie sich alle nennen, sind riesengroße Opportunisten. 2000 haben sie ihn super gefunden, weil er Finanzminister war und man von ihm profitieren konnte." Was Worseg nicht an Kritik an Grasser hindert: "Für mich als Bürger ist jemand, der die Partei wechselt, grundsätzlich ein Verräter."
"Hat Freunde nicht mehr gekannt"
Zumindest bei Bucher war Grassers spontaner Wechsel in Schüssels Schoß im Jahr 2002, um Finanzminister zu bleiben, nicht entscheidend für den Bruch. "Das hat gar nichts damit zu tun, sondern damit, dass er persönlich viele Freunde nicht mehr gekannt hat." (Lukas Kapeller, derStandard.at, 2.3.2011)