Leopold Museum: Ungenügende Provenienzforschung
Wien/London - Rund 15 Millionen Euro ließ sich das Leopold-Museum die Einigung mit den Erben nach Lea Bondi-Jaray und Heimkehr des Bildnis Wally kosten. Die Rückzahlung des Kredits (Raiffeisenbank) soll über den Verkauf einiger Arbeiten aus dem Bestand erfolgen. Rechtlich sei das auf Basis eines Gutachtens zulässig, sofern es um solche Werke geht, die den substanziellen Kern der Sammlung nicht gefährden bzw. deren daraus erzielter Erlös ebendiesen erhalten würden. Noch vor seinem Tod Ende Juni 2010 hatte Rudolf Leopold ein Verzeichnis erstellt, gereiht nach Verzichtbarem und nur in der Not Veräußerbarem, zehn Arbeiten auf Papier von Egon Schiele insgesamt. Welche das sind, darum herrscht Geheimnistuerei auf hohem Niveau.
Die den Auktionshäusern Christie's und Sotheby's Anfang Dezember 2010 vorgelegte Liste - Sohn Diethard Leopold will diese weder bestätigen, noch in Abrede stellen - umfasste ein Mehrfaches, konkret 41 Blätter. Eine erste Einschätzung seitens der Auktionshäuser war das Ziel der Leopold Museums Privatstiftung. Und eine solche bekam man, allerdings nicht nur den monetären Wert betreffend. Vielmehr trafen die Restitutionsabteilungen in London eine erste Auslese.
Dem Standard vorliegenden Informationen zufolge gelten lediglich sieben Arbeiten als völlig unbedenklich und benötige die Mehrheit genauere Provenienzforschung. Die bisherige sei zu ungenügend, um eine Versteigerung überhaupt in Erwägung zu ziehen. Dem Vernehmen nach wurden die Recherchen seitens der Auktionshäuser mittlerweile eingestellt.
Einige Blätter erhielten jedenfalls das Siegel "problematisch": Dazu gehört Inv. Nr. 1395 bzw. Liegende mit erhobenem rechten Bein (1914), die Rudolf Leopold 1987 in der Galerie Kornfeld (Bern/CH) ersteigerte. Die Zeichnung stammt aus den Besitz des nach Dachau deportierten Kabarettisten Fritz Grünbaum, ist auf "Lost Art" registriert und ein theoretischer Restitutionskandidat.
Weiters Inv. Nr. 2346, Liegender Knabenakt: Leopold erwarb diese Gouache von Christiane Gabriel-Polsterer, eine Nichte des 1945 verstorbenen Rudolf Polsterer. Unter welchen Umständen der nach dem Anschluss mit dem NS-Regime kollaborierende Industrielle in den Besitz dieser Arbeit von Egon Schiele kam, ist unbekannt. Aktenkundig ist jedoch, dass die Familie Polsterer - Rudolfs jüngerer Bruder Alfred war NSDAP-Mitglied - 1940 über die Arisierung in den Besitz des Nestroyhofs in Wien kam.
Das von den Erben der ursprünglichen Besitzerin Anna Stein 1950 beantragte Rückstellungsverfahren endete 1951 mit einem außergerichtlichen Vergleich, der lediglich eine Abgeltung der Verfahrenskosten an die Antragssteller in der Höhe von 3500 Schilling umfasste. (Olga Kronsteiner/DER STANDARD, Printausgabe, 2. 3. 2011)
"Noch in einem sehr frühen Stadium"
Das Leopold Museum reagierte am Mittwoch auf den Artikel. Grundsätzlich sehe man es sehr kritisch, dass über einzelne Werke diskutiert wird, bevor entschieden ist, welche Zeichnungen zum Verkauf kommen sollen und an welches Auktionshaus man sich wenden werde. Die kolportierten Listen, so Stiftungs-Vorstand Diethard Leopold in einem Statement, "existieren derzeit weder in dieser Form noch sind vergleichbare Listen Grundlage der geplanten Verkäufe".
Über die Zeichnung "Liegende mit erhobenem rechten Bein" (1914) sagte Diethard Leopold, bei dieser sei "durch die Provenienzforschung von Frau Dr. Sonja Niederacher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen worden, das sie nicht aus dem Eigentum des nach Dachau deportierten Kabarettisten Fritz Grünbaum stammt". Der "Liegende Knabenakt" sei "noch nicht endgültig erforscht", schreibt Leopold: "Ob die Werke überhaupt belastet sind, ist noch unentschieden. Dass es aber bei Papierarbeiten von Schiele und anderen Künstlern in manchen Fällen selbst bei bester wissenschaftlicher Bearbeitung Lücken in der Provenienzgeschichte geben wird, die niemals geschlossen werden können, damit wird man leben müssen."
Im Leopold Museum betont man, dass man sich bei den Überlegungen, durch welche Verkäufe der "Wally"-Vergleich konkret zu finanzieren sei, noch in einem sehr frühen Stadium befinde. Der Kredit zur Finanzierung sei erst bis Sommer 2013 zu begleichen, obgleich man freilich eine frühere Lösung anstrebe. (APA)