Bedenkliche Schiele-Blätter

1. März 2011, 17:27

Leopold Museum: Ungenügende Provenienzforschung

Wien/London - Rund 15 Millionen Euro ließ sich das Leopold-Museum die Einigung mit den Erben nach Lea Bondi-Jaray und Heimkehr des Bildnis Wally kosten. Die Rückzahlung des Kredits (Raiffeisenbank) soll über den Verkauf einiger Arbeiten aus dem Bestand erfolgen. Rechtlich sei das auf Basis eines Gutachtens zulässig, sofern es um solche Werke geht, die den substanziellen Kern der Sammlung nicht gefährden bzw. deren daraus erzielter Erlös ebendiesen erhalten würden. Noch vor seinem Tod Ende Juni 2010 hatte Rudolf Leopold ein Verzeichnis erstellt, gereiht nach Verzichtbarem und nur in der Not Veräußerbarem, zehn Arbeiten auf Papier von Egon Schiele insgesamt. Welche das sind, darum herrscht Geheimnistuerei auf hohem Niveau.

Die den Auktionshäusern Christie's und Sotheby's Anfang Dezember 2010 vorgelegte Liste - Sohn Diethard Leopold will diese weder bestätigen, noch in Abrede stellen - umfasste ein Mehrfaches, konkret 41 Blätter. Eine erste Einschätzung seitens der Auktionshäuser war das Ziel der Leopold Museums Privatstiftung. Und eine solche bekam man, allerdings nicht nur den monetären Wert betreffend. Vielmehr trafen die Restitutionsabteilungen in London eine erste Auslese.

Dem Standard vorliegenden Informationen zufolge gelten lediglich sieben Arbeiten als völlig unbedenklich und benötige die Mehrheit genauere Provenienzforschung. Die bisherige sei zu ungenügend, um eine Versteigerung überhaupt in Erwägung zu ziehen. Dem Vernehmen nach wurden die Recherchen seitens der Auktionshäuser mittlerweile eingestellt.

Einige Blätter erhielten jedenfalls das Siegel "problematisch": Dazu gehört Inv. Nr. 1395 bzw. Liegende mit erhobenem rechten Bein (1914), die Rudolf Leopold 1987 in der Galerie Kornfeld (Bern/CH) ersteigerte. Die Zeichnung stammt aus den Besitz des nach Dachau deportierten Kabarettisten Fritz Grünbaum, ist auf "Lost Art" registriert und ein theoretischer Restitutionskandidat.

Weiters Inv. Nr. 2346, Liegender Knabenakt: Leopold erwarb diese Gouache von Christiane Gabriel-Polsterer, eine Nichte des 1945 verstorbenen Rudolf Polsterer. Unter welchen Umständen der nach dem Anschluss mit dem NS-Regime kollaborierende Industrielle in den Besitz dieser Arbeit von Egon Schiele kam, ist unbekannt. Aktenkundig ist jedoch, dass die Familie Polsterer - Rudolfs jüngerer Bruder Alfred war NSDAP-Mitglied - 1940 über die Arisierung in den Besitz des Nestroyhofs in Wien kam.

Das von den Erben der ursprünglichen Besitzerin Anna Stein 1950 beantragte Rückstellungsverfahren endete 1951 mit einem außergerichtlichen Vergleich, der lediglich eine Abgeltung der Verfahrenskosten an die Antragssteller in der Höhe von 3500 Schilling umfasste.  (Olga Kronsteiner/DER STANDARD, Printausgabe, 2. 3. 2011)

"Noch in einem sehr frühen Stadium"

Das Leopold Museum reagierte am Mittwoch auf den Artikel. Grundsätzlich sehe man es sehr kritisch, dass über einzelne Werke diskutiert wird, bevor entschieden ist, welche Zeichnungen zum Verkauf kommen sollen und an welches Auktionshaus man sich wenden werde. Die kolportierten Listen, so Stiftungs-Vorstand Diethard Leopold in einem Statement, "existieren derzeit weder in dieser Form noch sind vergleichbare Listen Grundlage der geplanten Verkäufe".

Über die Zeichnung "Liegende mit erhobenem rechten Bein" (1914) sagte Diethard Leopold, bei dieser sei "durch die Provenienzforschung von Frau Dr. Sonja Niederacher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen worden, das sie nicht aus dem Eigentum des nach Dachau deportierten Kabarettisten Fritz Grünbaum stammt". Der "Liegende Knabenakt" sei "noch nicht endgültig erforscht", schreibt Leopold: "Ob die Werke überhaupt belastet sind, ist noch unentschieden. Dass es aber bei Papierarbeiten von Schiele und anderen Künstlern in manchen Fällen selbst bei bester wissenschaftlicher Bearbeitung Lücken in der Provenienzgeschichte geben wird, die niemals geschlossen werden können, damit wird man leben müssen."

Im Leopold Museum betont man, dass man sich bei den Überlegungen, durch welche Verkäufe der "Wally"-Vergleich konkret zu finanzieren sei, noch in einem sehr frühen Stadium befinde. Der Kredit zur Finanzierung sei erst bis Sommer 2013 zu begleichen, obgleich man freilich eine frühere Lösung anstrebe. (APA)

 

Kommentar posten
23 Postings
xxx...yyy...
412
man wir das gefühl nicht los

dass hier die modernen wegelagerer unterwegs sind. wer kann heute nachweisen, dass leopold zum zeitpunkt des erwerbs gewusst hat, dass es sich um raubkunst handelt? ich halte das für schlicht unmöglich. noch dazu war schiele in der nachkriegszeit (als leopold seine sammlung zusammengetragen hat) eher ein hobby, jedenfalls aber kein kunst-blue-chip wie heute.

Kunstkenner
00
blue chip war schiele und klimt zu keiner zeit.

man hat halt die werke zu gewissen zeitpunkten besonders wohlfeil erwerben können.

Kunstkenner
33

Klimt und Schiele waren schon zu ihrer zeit gern gesammelte künstler. Die wundersame leopold entdeckung von völlig unbekannten oder vergessenen künstlern ist ein Märchen.

Sarang He
00
Klimt war auch in den 50-60ern relativ teuer

Schiele (insbesondere Blätter) hingegen war auch für normale Einkommen leistbar.

Für die internationale Bekanntwerden und den damit verbundenen immensen Preissteigerungen um den Faktor 1000-10.000 kann man Leopold immerhin als den "Hauptschuldigen" bezeichnen.

Geh!danke
12
Völliger Unsinn!

Wenn jemand hauptverantwortlich ist für die steigende internat. Bekanntheit Schieles, dann sind das (jüdische) Emigranten, die in New York die Werbetrommel rührten (Kallir & Co), aber sicher nicht Leopold. Außerdem war der "unbekannte" Schiele schon in den 50er Jahren und früher in Kunstbüchern publiziert worden.
Die Geschichte von den Leopold-Verdiensten wird von Journalisten, die voneinander abschreiben, gern gebracht, wahrer wird sie dadurch nicht!

Sarang He
10
Selbstverständlich war Schiele damals schon ein bekannter Künstler

nur war die Preise am Kunstmarkt allgemein noch nicht so aufgeblasen und seine Bilder nicht wirklich populär.

Und dass Leopold mit der so ziemlich größten Schiele-Sammlung nicht preisbildend gewesen sein soll, glaubst doch selbst nicht.

Isabelle Eberhardt
16
exzellente Provenienzforschung...

Wenn die Provenienforschung dazu geführt hat, nur solche Blätter zum Verkauf anzubieten, bei denen Lichtgestalten wie Kronsteiner und Trenkler bei aller Bosheit keinen Raum für Verdächtigungen mehr finden, dann hat sie ja ohnehin eine exzellente Leistung vollbracht.

Fritz Wunderlich
33

lesen sie die zwei letzten absätze noch einmal durch, vielleicht entdecken sie ihre fehlkalkulation selber

xxx...yyy...
14
Unter welchen Umständen der nach dem Anschluss mit dem NS-Regime kollaborierende Industrielle in den Besitz dieser Arbeit von Egon Schiele kam, ist unbekannt.

was heißt das jetzt? es fehlt jeglicher beweis dafür, dass dieses bild überhaupt arisiert wurde.

natürlich kann man von der arisierung des nestroyhofs ableiten das, aber sorry: das hat mit rechtsstaatlichkeit nichts zu tun.

Fritz Wunderlich
31

"(als leopold seine sammlung zusammengetragen hat) eher ein hobby, jedenfalls aber kein kunst-blue-chip wie heute."
was sie da schreiben, ist schon öfters widerlegt worden, und gehört zur apologetischen legendenbildung
1. warum hat die familie polsterer die zeichnung nicht am dachboden oder sonst wo verlegt, weggeschmissen, wenn schiele, wie sie und der "kontrahent1" nicht müde werden zu behaupten, kaum den schilling wert gewesen ist?
2. auch die geschichte rund um das belvedere beweist, dass mehrere in den 50ern an schiele-werte glaubten
http://derstandard.at/plink/129... 9/20092072

xxx...yyy...
12
es steht sogar im artikel, dass es keinen beleg für eine arisierung gibt.

damit muss man sich abfinden und nicht herum spekulieren.

gegen die sattheit
31
wer hat sich die provenienzen angeschaut?

war das der hauseigene provenienzforscehr, der ja sowieso alles als unbedenklich findet und bis heute der meinung ist, dass die "wally" kein raubkunstwerk war/ist???

sehr objektiv.....

Fritz Wunderlich
00

da das war nicht der punkt war, sondern der wert, geben sie mir implizit recht
danke

xxx...yyy...
00
?

ich glaub' sie kriegn da ein bisserl was durcheinander...

Fritz Wunderlich
00

auffallend, dass sie lieferungen von drohnen an libyen verteidigen
http://derstandard.at/plink/129... 5/20137841

Fritz Wunderlich
10

sie haben falsch geantwortet, das sollten sie mit sich ausmachen

Kontrahent1
12
Nun, es hat auch ein Putzfrau

im Museum in Wuppertal eine von Beuys mit Fett und Mullbinden 'geadelte' Badewanne gründlich gesäubert. Jede Menge Blätter sind im Reißwolf gelandet und nicht nur, als 'entartete Kunst'. Andrerseits gab es schon auch ein erotisches Interesse an diesen Blättern von Schiele, wodurch etliche in Verstecken die eher prüden 40er und 50er überdauerten. Offene Sammler waren eher selten.

Fritz Wunderlich
01

http://derstandard.at/plink/129... 9/20135723

da sie offenkundig familiär gefangen sind, verstehe ich ihren antiamerikanismus

Kontrahent1
00
Diese rührt aber eher

aus einem mehrjährigen dortigen Aufenthalt und der Tätigkeit für ein großes US-Unternehmen her. (Übrigens bin ich nicht grundsätzlich anti-amerikanisch sondern nur gegen die imperialistische Aussenpolitik. Das reicht schon.)

Fritz Wunderlich
00

wenn ich ihnen falsches unterstellt haben sollte, ziehe ich das selbstverständlich gerne und mit entschudigung zurück
mich machen nur ihre verweise auf ihren großvater etwas mißtrauisch, was persönlich nicht ihr problem sein sollte, aber quellenkritisch schon

gegen die sattheit
30
:-)

wenns nicht so traurig wär, wärs eh lächerlich.
Leute, die aufklärung fordern - so wie sie oder ich - sind selbst im standard online die minderheit udn werden geschmäht und mit roten stricherln abgestraft.

aber in dieser bananenrepublik wundert mich nichts mehr...

Haman Harascha
21
endlich

ob es dir gefällt oder nicht - bei dem thema kann ich dich nur voll unterstützen.

Fritz Wunderlich
30

ob es mir gefällt oder nicht
es ist auf jeden fall willkommen

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.