Wieso Istanbul?

28. Februar 2011, 20:20
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Ein Semester lang werde ich wöchentlich an dieser Stelle aus Istanbul bloggen. Wieso aber habe ich mich für die Stadt am Bosporus entschieden? Mit dieser Frage wurde ich oft konfrontiert. Ich würde doch die Kultur schon kennen, ebenso das Land. Sollte ein Auslandssemester nicht mehr ein Abenteuer sein? Nun, mir fiel die Wahl eigentlich leicht.

Obwohl ich diese Metropole bis jetzt nur einige Stunden als Tourist kennen gelernt habe, gibt es eine besondere Verbindung zu Istanbul. Es ist die Stadt, in der meine Eltern studiert haben und in der sie sich bei zahllosen Demonstrationen für eine bessere Welt eingesetzt haben. Und es ist die Stadt, aus der sie letzten Endes flüchten mussten.

Ende der 1970er Jahre kam es in der Türkei immer wieder zu großen Unruhen. Auslöser waren etwa Wirtschaftsflauten, soziale Probleme, sowie politische Instabilität. Die Gewalt zwischen linken und rechten Gruppen eskalierte immer wieder, und mittendrinn waren auch meine Eltern.

Meine Mutter, erzählte mir etwa von ihrer Freundin , die einmal im Geschäft eines Freundes war. Sie wollte sich mit ihm treffen und ins Kino gehen, als zwei bewaffnete Männer bei der Tür herein kamen. Sie redeten nicht. Sie schossen nur in die Menge und verschwanden wieder. Ihre Freundin ging in Deckung, die Frau hinter ihr wurde getroffen. Sie war sofort tot. Ihr Freund starb wenig später in ihren Armen. Meine Mutter war damals so alt, wie ich jetzt.

Am 12. September 1980 kam es dann zum Militärputsch und die Lage spitzte sich zu. Von einem Tag auf den anderen wurden weite Teile einer Studierendengeneration wegen ihrer politischen Überzeugung verfolgt. Auch meine Eltern waren davon betroffen. Freunde von ihnen wurden Nachts von der Polizei abgeholt. Sie sahen sie nie wieder. Andere wurden tot auf der Straße gefunden. Dennoch blieben sie im Land. Sie wollten nicht flüchten. Sie setzten sich weiter für eine Sache ein, von der sie überzeugt waren.

Sieben Jahre lebten sie auf der Flucht im eigenen Land. Für das Drucken und Veröffentlichen von "unerwünschten" Zeitungen und Flugblättern drohten schon bis zu 40 Jahre Haft. Ebenso, wenn man politische Reden gehalten hätte. Etliche AkademikerInnen, SchriftstellerInnen und KünstlerInnen mussten immer wieder umziehen, Ausweise fälschen und sich versteckt halten.

Als sich die Situation weiter verschlimmerte, blieb als Alternative nur noch die Flucht ins Ausland. Anfangs haben sie versucht, in die Türkei zurückzukehren. Allerdings konnten sie erst Jahre später als Touristen wieder einreisen, als sie sich in Wien längst eingelebt hatten. Nun kehre ich an ihrer Stelle zurück, an die selbe Universität, an der auch sie studiert haben. Wenn auch nur für ein Semester.

Von der Familiennostalgie einmal abgesehen habe ich aber auch noch ganz persönliche Gründe. Mein Leben lang habe ich gelernt, was es heißt als Türke gesehen zu werden. Das fängt bei einem freundlichen Lächeln an, weil man eine "kulturelle Bereicherung“ darstellt. Und hört bei offener Diskriminierung auf.

Eigentlich ist es ganz einfach. Wenn man ständig Türke, Ausländer und sonst wie genannt wird, dann möchte man irgendwann auch wissen, wie es denn so ist, in der Türkei. Abseits vom Sommerurlaub am Strand und ein paar Tagen bei den Verwandten hier und da.

Mittlerweile haben sich sogar Netzwerke von türkischstämmigen Deutschen und Österreichern gebildet, die in die Türkei ausgewandert sind. Sie waren es leid "Menschen mit Migrationshintergrund" zu sein. Ich wandere zwar nicht aus, aber verstehen kann ich sie schon. Ich wäre auch lieber nur ein Mensch. Ob das in Istanbul so sein wird, wird sich zeigen. (Yilmaz Gülüm, 28. Februar 2011, daStandard.at)

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