US-Wissenschaften spekulieren, man könnte Gentherapie gegen Alkoholismus entwickeln - Wiener Hirnforscher ist skeptisch
Wien - US-Wissenschafter haben herausgefunden, dass die Unterdrückung bestimmter Rezeptoren im Gehirn den
Alkolholkonsum von Ratten, die aufgrund ihrer genetischen Disposition zum
Komatrinken neigen, deutlich reduziert.
"Es gibt die verschiedensten Tiermodelle zur Untersuchung der
Alkoholabhängigkeit. Eines davon ist das von Ratten, welche Alkohol als Getränk
präferieren. Sie ziehen den Alkohol dem Wasser vor", sagte Werner Sieghart vom
Hirnforschungszentrum der MedUni Wien. Der Spezialist für
Rezeptorforschung hat an der Studie von US-Wissenschaftern der University of
Maryland School of Medicine mitgearbeitet, die am Montag in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlicht wurde.
Die Fachleute visierten bei ihren Arbeiten die Mandelkerne (Amygdala) im
Gehirn der Versuchstiere an. Diese Gehirnstrukturen sind wesentlich an
emotionalen Abläufen beteiligt. Die Wissenschafter brachten dort einen Vektor
mit RNA-Stücken ein, welche selektiv den GABAA-alpha-2-Rezeptor unterdrückten.
Das führte zu einer geringeren Dichte dieser Rezeptoren und auch zur Hemmung
eines für das Immunsystem wichtigen Rezeptors (Toll-like Rezeptor 4 - TLR4).
Maßnahme verliert an Wirkung
Das Fazit, so die Autoren: Die Infusion des RNA-Konstrukts in die
Gehirnregion reduzierte den Alkoholkonsum der Ratten deutlich. Am stärksten war
das an den Tagen drei bis sechs nach dem Eingriff der Fall. Nach 14 Tagen hörte
die Wirkung wieder auf. Die Ratten zeigten wieder dieselbe Vorliebe für Alkohol
wie vorher.
Die Autoren stellen in der Arbeit, die in der Zeitschrift der Nationalen
Akademie der Wissenschaften der USA veröffentlicht wurde, die Hypothese auf, man
könnte vielleicht eine Gentherapie gegen Komatrinken entwickeln. Hier ist Werner
Sieghart skeptisch: "Man weiß nicht, was das noch alles bewirken könnte. An den
GABA-Rezeptoren 'dreht' man nicht so einfach. Die sind wesentlich für Furcht und
Angst und andere wichtige Emotionen." Ein wichtiges Resultat sei aber, dass man
erstmals einen Zusammenhang zwischen Suchtverhalten und dem Immunsystem
(Toll-like Rezeptor 4) entdeckt habe, der auch für die durch übermäßigen
Alkoholkonsum ausgelösten Hirnschäden verantwortlich sein könnte. (red/APA)