Slowakei: Pflicht-Englisch drängt Deutsch ins Abseits

28. Februar 2011, 18:37
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Schulreform bricht mit der Sprachentradition und erinnert Kritiker an kommunistische Zeiten

Nach langem Hin und Her steht fest: Englisch wird Pflichtfach an slowakischen Schulen. Die heftig diskutierte Reform des neuen Bildungsministers Eugen Jurzyca drohte bis zuletzt zu scheitern. Präsident Ivan Gasparovic verweigerte seine Unterschrift unter das Gesetz, die rechtsliberale Regierungskoalition schaffte es aber, das Veto zu durchbrechen. Das Gesetz tritt heute, am 1. März, in Kraft und wird ab dem nächsten Schuljahr wirksam.

Dass eine Reform des slowakischen Bildungssystems überfällig ist, bezweifelte in der Debatte niemand. Förderung der Kreativität statt Auswendiglernen wird in der Slowakei schon jahrelang gefordert. Englisch als Pflichtfach war aber nicht das, was viele erwarteten. Vor allem Deutschlehrer und Germanisten fühlten sich unmittelbar bedroht, fürchteten um ihre Arbeitsplätze, schrieben Protestbriefe. Teile der Gesellschaft machten auch sofort auf die sichtliche Parallele mit dem Pflicht-Russisch zu kommunistischen Zeiten aufmerksam. Auch die Botschafter Deutschlands, Österreichs, der Schweiz, aber auch Frankreichs protestierten gegen eine derartige "Herabstufung" anderer Fremdsprachen.

"Konkurrenzfähig sein"

Die Proteste nutzten aber nicht viel. Jurzyca ist von seiner Reform überzeugt: "Wenn wir konkurrenzfähig sein wollen, wenn wir wollen, dass unsere Kinder sich international auch als Experten durchsetzen können, ist es am besten, wenn alle ordentlich Englisch können. Die Kinder werden doch auch künftig noch eine zweite Fremdsprache wählen können."

Das möge zwar stimmen, kontert Helena Hanuljaková, bis vor kurzem Chefin des Verbandes der Deutschlehrer und Germanisten der Slowakei, aber: "Gegenwärtig sieht die Situation an Grundschulen im Land so aus, dass die Kinder ab der dritten Klasse die erste Fremdsprache lernen, die zweite kommt erst drei Jahre später hinzu und wird auch nur eine Stunde pro Woche unterrichtet, also absolut nicht ausreichend."

Schon jetzt gibt es nur noch wenige Schulen im Land, an denen Deutsch wirklich erste Fremdsprache ist. Immer mehr Deutschlehrer klagen, sie müssten sich entweder auf Englisch umstellen oder hätten keine Chance mehr auf eine Stelle. Dabei haben viele von ihnen einst die Kombination Deutsch-Russisch an der Hochschule studiert, genau wie sie selbst auch, so Hanuljaková - diese Investition geht jetzt verloren.

Deutsch hat zweifellos große Tradition in der Slowakei. Bratislava war schon im Mittelalter dreisprachig, die Bewohner des alten Preßburg sprachen Deutsch, Ungarisch und Slowakisch. Seinen Höhepunkt erreichte der Deutschunterricht in der Slowakei unter den Kommunisten. Damals war Deutsch neben dem Pflicht-Russisch die beliebteste Fremdsprache an den Schulen.

Mit der Wende änderte sich die Lage. "Zum ersten wurde Englisch zur lingua franca", meint Hanuljaková, "zum zweiten sind auch Träger der deutschen Sprache selbst schuld - sie benutzen im Ausland einfach Deutsch nicht so, wie es sich protokollarisch gehören würde, bis hin zu politischen Spitzen." Deutsche Firmen verlangten in Inseraten an erster Stelle Englisch: "Wenn sie nach China oder Japan kommen, dann sollen sie das ruhig tun, aber wenn sie in die Slowakei kommen, sollten sie doch wissen, dass es hier diese Tradition, Deutsch zu lernen und zu benutzen, gibt."

Dabei gehe es nicht nur um Deutsch: "Es geht um die Möglichkeit der Wahl, um Sprachenvielfalt, um die kulturelle Tradition dieses Landes", sagt Hanuljaková. (Renata Kubicová aus Bratislava, DER STANDARD, Printausgabe, 1.3.2011)

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