Ballsaison der Witzfiguren

28. Februar 2011, 18:11
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In heiklen Fällen kann es eine Weile dauern, bis man sich in der "Presse" zur Erkenntnis der Wahrheit durcharbeitet

In heiklen Fällen kann es eine Weile dauern, bis man sich in der "Presse" zur Erkenntnis der Wahrheit durcharbeitet. Aber dann - oho! In der Causa zu Guttenberg eierte zunächst der Wissenschaftsredakteur des Blattes um den Unterschied zwischen einer Dissertation und einem Besinnungsaufsatz à la Gymnasium und fand, dass der Minister pragmatisch gesehen richtig gehandelt habe, eine solche Geringschätzung aber letztlich doch nicht einreißen dürfe. Unschärfen dieser Art erforderten ein Eingreifen des Chefredakteurs, der aus seiner höheren Warte in zu Guttenberg nicht nur problemlos ein Symptom für eine Systemerosion erkannte, sondern auch ein Objekt der Rache der grauen Mäuse und der linken Korrektheitsfadiane, denen dessen unerklärlicher und selbstverständlich auch unerträglicher Erfolg als Politiker nicht so sehr ins Auge sticht wie der deutschen "Bild" oder der hiesigen "Presse".

Unbefriedigt von den Deutungsversuchen seines Chefs machte sich nun ein dritter Redakteur ans Werk, für die gestrige Ausgabe die Affäre zu Guttenberg in noch größere historisch-moralische Zusammenhänge einzuordnen. Die Welt will betrogen werden, konstatierte er. Walter Mayer, Lance Armstrong, Karl Theodor zu Guttenberg, Karl-Heinz Grasser. Das pervertierte Erfolgsstreben hat viele Namen.

Ob es angemessen ist, den Versuch, durch Anfertigung einer Dissertation zu akademischen Würden zu gelangen, als pervertiertes Erfolgsstreben zu bezeichnen, mögen die vielen Perversen beurteilen, denen dies gelungen ist, ohne unliebsames Aufsehen in jenem Teil der Welt zu erregen, der nicht betrogen werden will.

Soweit das pervertierte Erfolgsstreben den Namen Grasser trägt, musste es sich letztlich auf weniger akademischen Feldern austoben, weil rechtzeitig bekannt wurde, dass der pervertierte Erfolgsstreber seinen Doktorvater 2003 zum Generalrat der Nationalbank und zum Leiter der Steuerreformkommission bestellt hatte. Das erschien daraufhin selbst ihm ein wenig zu pervers, obwohl er bei dem von ihm gewählten Thema "Die Senkung der Abgabenquote auf 40% bis zum Jahr 2010" nur aus dem Kapitel Finanzen der damaligen Regierungserklärung hätte abzuschreiben brauchen, was kaum ein Plagiat, im Hinblick auf die Realität aber eine Perversion gewesen wäre.

Des dritten Beiträgers Besinnungsaufsatz á la Gymnasium ging aber unter dem Titel Der Selbstbetrug der Witzfiguren von einem moralphilosophischen Ansatz aus, wonach der Betrüger unser Mitleid verdient, weil er sich vor allem selbst beschädigt. Denn noch schlimmer als der Betrug wiegt der Selbstbetrug. Der wirkt noch nach, wenn der Betrug schon längst enttarnt und geahndet ist. Worin die Wirkung des Betrugs liegt, ist klar, worin die des Selbstbetrugs liegen soll, weniger. Es sei denn, man hat Höheres im Auge als ephemere akademische Würden. Denn letztlich bleibt vom einstigen Ruhm der Mayers, Grassers und zu Guttenbergs nichts übrig als ein paar bemitleidenswerte Witzfiguren. Was leicht windschief formuliert ist, aber selbst dann wahr bleibt, wäre ihr Erfolgsstreben etwas weniger pervertiert ausgefallen.

Nicht in der "Presse"-Liste der pervertierten Erfolgsstreber aufzuscheinen, wird den Wiener Baumeister ins Herz treffen. Wie sehr er sich das verdient hätte, beweist die Art, in der er mit seiner neuesten Einladung den Seriositätsanspruch von "News" untergräbt. Endlich war es so weit, diesmal war die Redaktion fest entschlossen, ihn mit Verachtung zu strafen. Nur nicht der - ein fast einhelliges Stöhnen in unserer Redaktionskonferenz. Nicht schon wieder dieser unsägliche Richard Lugner mit dem galoppierenden Verlust seines - ohnehin stets äußerst gering bemessenen - Geschmacks und der permanenten Unterbietung seines - ohnehin schon immer tiefen - Niveaus.

Doch wieder einmal wurden die Bemühungen von "News" um die Hebung von Geschmack und Niveau sabotiert. Wie das? Doch als selbst "La Stampa" die Meldung über Lugners diesjährigen Opernball-Gast Karima el Mahroug alias Ruby Rubacuori groß rapportierte, war klar: Der Baumeister hatte es wieder einmal geschafft. Und jetzt ist also "La Stampa" im fernen Turin schuld daran, dass "News" gezwungen war, Lugner mit dem Berlusconi-Callgirl nicht nur auf der Titelseite zu servieren, sondern auf einer Sechs-Seiten-Strecke im Inneren breitzutreten - hoffentlich zum letzten Mal. Da kann man bei "La Stampa" nur lachen. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 1.3.2011)

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    Karl-Theodor zu Guttenberg

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