Die Tricks bei der Teuerung

28. Februar 2011, 17:53
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Die Inflation ist angesichts steigender Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise wieder im Fokus. Was allerdings gemessen wird, wird nicht nur nach ökonomischen Kriterien bestimmt, sondern auch von der Politik

Glaube keine Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast." Ökonomen in China haben in den vergangenen Jahren eine gesunde Skepsis zu den offiziellen Statistiken entwickelt. Dabei wird keiner Maßzahl so sehr misstraut wie der Inflation. Erst im Jänner wurde von den leitenden Statistikern der Warenkorb umgestellt. Dieser soll die Waren- und Dienstleistungen des täglichen Gebrauchs abbilden. Doch ausgerechnet die steigenden Nahrungsmittelpreise wurden in ihrer Gewichtung reduziert. Die Inflation überraschte in Folge mit einem starken Abfall. So bleiben Experten wie Gao Shanwen, Chefökonom bei Essence Securities in Peking, skeptisch. Wenn die Teuerung weiter falle, sei der neue Warenkorb "wenig glaubwürdig".

Doch auch in Industriestaaten gibt es Kritik an der Inflationsmessung. So wird der wichtige Kostenfaktor Wohnen "sehr unterschiedlich gemessen", bestätigt Josef Auer, Direktor der volkswirtschaftlichen Abteilung der Statistik Austria. Das Problem wurde bislang umgangen: der harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) in Europa ignorierte bislang Wohnungseigentum. Doch Mieten sind im österreichischen Index lediglich mit vier Prozent enthalten.

Zudem sind die Immobilienbooms in Euro-Staaten wie Spanien oder Irland unter dem Radar der Europäischen Zentralbank geblieben. Daher waren es insbesondere auch die Vertreter der Währungshüter, die bei Sitzungen des europäischen Statistikamts, auf diese Reform drängten, Wohnen könnte ab 2012 rund fünf Prozentpunkte mehr im HVPI ausmachen.

Anpassung des Warenkorbs

Etwas anders als Eurostat misst die Statistik Austria die Inflation. Der Bereich "Wohnung, Wasser und Energie" wird deutlich höher bewertet, Restaurantbesuche und Hotels spielen dafür im heimischen Warenkorb eine geringere Rolle. Das sei vor Jahren politisch so festgelegt worden, sagt der Generaldirektor der Statistik Austria, Konrad Pesendorfer.

Dennoch wird auch der eigene Warenkorb regelmäßig angepasst, früher alle fünf Jahre, künftig wird das jährlich passieren. Hüttenkoks, Spannteppiche, Kaffeefiltertüten oder Farbnegativfilme wurden beispielsweise mit der Jänner-Ermittlung ausgeschieden, weil die Kunden diese Produkte nur mehr selten kaufen.

Umgekehrt wurden andere Konsumtrends aufgenommen: so finden sich im Warenkorb nun Navigationsgeräte, Frühstück im Kaffeehaus oder Schweinslungenbraten. Insgesamt sind 791 Produkte berücksichtigt. Die Preise werden in 4200 Geschäften in 20 Städten gemessen.

Doch die Änderungen an der Inflationsmessung könnten auch weiter gehen. An der US-Eliteuniversität Massachusetts Institute of Technology (MIT) läuft seit 2007 das "Billion Prices Project", das Projekt der Milliarden Preise. Eine Gruppe von Forschern sammelt dabei täglich von tausenden Online-Händlern weltweit Preise und misst damit die Inflation in Echtzeit. Auch der Internetgigant Google beschäftigt sich mit der Messung der Teuerung. Hal Varian, Chefökonom bei Google, und seine Kollegen arbeiten noch an dem täglich aktualisierten GPI, dem Google Price Index, und das Unternehmen wird demnächst entscheiden, ob der Index auch veröffentlicht wird. (Günther Oswald, Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.3.2011)

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