Eine Niere für die Reise ins Hoffnungsland Serbien

28. Februar 2011, 17:52
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Immer mehr Flüchtlinge versuchen, über Serbien nach Westeuropa zu gelangen. Doch es gibt nur ein einziges Asylwerberheim

Zudem ist das Land bereits durch serbischstämmige Flüchtlinge überfordert.

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Seit Jahrzehnten verirrt sich kaum ein Ausländer nach Banja Koviljaca im Westen Serbiens. Um so ungewöhnlicher sind viele Passanten auf den verschneiten Straßen des heruntergekommenen Kurortes: Dunkelhäutige junge Männer, Frauen in arabischer Tracht, afrikanische Kinder. "Das sind unsere Asylanten", sagt ein Einheimischer. Die Beziehung zur Bevölkerung sei gut, es habe nie Probleme gegeben. Der Grund, warum die Fremden hier sind: In Banja Koviljaca befindet sich das einzige Asylwerberheim Serbiens.

Am Abend sind die zwei Internetcafés im Ort voll. An den Computern sitzen vorwiegend junge Männer. Sie skypen oder schauen Google-Landkarten an. Wenn man genauer hinschaut, erkennt man die Grenzgebiete zwischen Serbien, Ungarn und Kroatien, von wo Routen Richtung Westeuropa führen. "Sie wollen alle weg von hier", sagt der Kellner.

Das Heim hat nur 84 Betten, der Andrang ist viel größer. Wer Geld hat, mietet ein Zimmer in einem der menschenleeren Hotels.

Viele können sich das jedoch nicht leisten. Ein verlassenes Haus ist voller Müll. Man sieht jedoch, dass dort Menschen leben. In einem eiskalten Raum sitzen auf alten Matratzen und Kisten einige Flüchtlinge. Etwa dreißig leben hier. Manche waren schon im Heim, beim Versuch, nach Ungarn zu kommen, wurden sie aber erwischt und nach Serbien zurückgebracht. Im Heim dürfen sie laut Gesetz dann nicht mehr wohnen.

Vor der Grenze ausgesetzt

Der Palästinenser Ahmed krempelt sein Hemd hoch und zeigt eine Narbe. "Ich habe in Syrien meine Niere für 5000 Dollar verkauft, um nach Europa zu kommen", erzählt er. Ein Schmuggler habe das Geld genommen und versprochen, ihn nach Ungarn zu bringen, ihn jedoch vor der Grenze auf der serbischen Seite sich selbst überlassen.

In einem Lokal sitzt eine Gruppe aus Afghanistan. "Warum wir geflüchtet sind? Braucht man da einen besonderen Grund, schaut ihr überhaupt Fernsehen?", sagt der junge Resa. Er versucht schon zum vierten Mal, nach Westeuropa zu kommen, stets ist er aber zurück nach Griechenland deportiert worden.

"Der Andrang von Asylanten nach Serbien steigt von Jahr zu Jahr", sagt Rados Djuroviæ, der Direktor des Zentrums für den Schutz von Asylbewerbern. Im Vorjahr seien offiziell in Serbien 522 Asylanträge gestellt worden, zehnmal mehr als im Jahr 2008.

14 Prozent seien unbegleitete Minderjährige

Inoffiziell gingen durch Serbien illegal mindestens vier- bis fünfmal mehr Menschen. Rund 14 Prozent der registrierten Asylanten in Serbien seien unbegleitete Minderjährige. Heuer befürchtet Djuroviæ einen rasanten Anstieg, dem Serbien nicht gewachsen sein werde - schließlich gibt es be- reits hunderttausende serbische Flüchtlingen aus Kroatien und dem Kosovo.

Serbien befindet sich auf der "Asien-Transversale", die vom Nahen Osten über die Türkei nach Europa führt und auf der Migranten aus Äthiopien, Somalia und anderen afrikanischen Staaten unterwegs seien. Bereits vor dem Ausbruch der Krise in Nordafrika wurden 48.000 Asylanträge in Griechenland gestellt, bis zu 54.000 Menschen befanden sich auf der Warteliste. Und tausende von ihnen werden wegen der aussichtslosen Lage in Griechenland wohl nach Banja Koviljaca kommen. Auch Resa hat nicht aufgegeben. Und wird einen fünften Versuch starten. (Andrej Ivanji aus Belgrad, DER STANDARD-Printausgabe, 1.3.2011)

  • Eiskalte Abbruchhäuser sind für viele Flüchtlinge in Serbien die einzige Zufluchtsstätte. Das Land wird für illegal Einreisende in den Westen immer beliebter - Infrastruktur ist aber nicht vorhanden.
    foto: standard/ivanji

    Eiskalte Abbruchhäuser sind für viele Flüchtlinge in Serbien die einzige Zufluchtsstätte. Das Land wird für illegal Einreisende in den Westen immer beliebter - Infrastruktur ist aber nicht vorhanden.

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