"Wenn du zu lustig bist, springst du nicht weit genug"

28. Februar 2011, 17:05
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Ernst Vettori, der Sportdirektor der österreichischen Skispringer, freut sich eher still über Medaillen. Für Selbstläufer hält der Absamer die WM­Triumphe nicht. Den Eindruck der Überheblichkeit will er unbedingt vermeiden

STANDARD: Hatte Österreich schon einmal einen nordischen Sportdirektor, der, wie Sie am vergangenen Samstag, bei Weltmeisterschaften Gold, Silber und Bronze an einem Tag mitverantwortete?

Vettori: Keine Ahnung, aber die Erfolge haben doch mit mir am wenigsten zu tun. Das waren die Athleten, die Trainer. Ich schau nur, dass die Voraussetzungen passen. Die Medaillen machen andere. Und ich freue mich dann mit.

STANDARD:  Vor allem die Erfolge der Skispringer wirken mittlerweile wie selbstverständlich. Sind die Mannschaftsbewerbe nicht Selbstläufer?

Vettori: Selbstverständlich ist gar nichts. Sie müssen jeden Tag aufs Neue schauen, dass sie ihren Level halten. Es geht um Kleinigkeiten. Auf der Normalschanze war der Aufsprung glatt. Da kann schnell etwas passieren, wie man bei Schlierenzauers Problemen gesehen hat. Die Konkurrenz ist hochwertig, man kann sich keine Unsicherheit leisten.

STANDARD:  Es ist nichts passiert, die Mannschaft ist seit 2005 bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen ungeschlagen. Birgt das nicht die Gefahr, dass, wenn die jetzige Generation nachlässt, ein Loch entsteht, wie es die Alpinen zum Beispiel nach Hermann Maier und Stephan Eberharter hatten?

Vettori: Man kann nicht ständig wie am laufenden Band Ausnahmekönner herausbringen. Aber die Breite ist da, es gibt eine Fluktuation. Vor zwei Jahren in Liberec war Wolfgang Loitzl groß da und hat die Medaillen geholt, jetzt sind wieder die anderen stärker. Und ein oder zwei sind immer auf dem Sprung. Man nehme nur Manuel Fettner, der in dieser Saison so gut wie noch nie springt.

STANDARD:  Wie kommt es dazu?

Vettori: Da wurde eine Struktur aufgebaut, die ihresgleichen sucht. Über alle Kader bis hin zu den Spitzenleuten mit ihren Betreuern. Die gegenwärtige Mannschaft ist mit Ausnahme von Andreas Widhölzl, der zurückgetreten ist, seit Olympia in Turin 2006 nahezu unverändert.

STANDARD:  Ist es auch eine Frage des Geldes? Haben die anderen Nationen da Nachteile?

Vettori: Deutschland und Norwegen investieren ähnliche Summen. Und Finnland hat sicher auch nicht nachgelassen. Aber wenn du einen Wind hast wie Anssi Koivuranta im Teambewerb auf der Normalschanze, nützt das alles nichts. Die Finnen waren nach ihrem ersten Springer schon geschlagen.

STANDARD:  Österreichs Skisprung könnte bei dieser WM alle Goldmedaillen holen. Drei von fünf sind schon abgehakt. Das hat es auch noch nie gegeben.

Vettori: Der Käse ist noch längst nicht gegessen. Wer weiß, was auf der Großschanze passiert? Das ist kein Selbstläufer, wie man in Vancouver gesehen hat. Die Träume sind nicht andere geworden. Wir wollen auch nicht den Eindruck der Überheblichkeit erwecken. Überheblich sind unsere Springer nämlich ganz und gar nicht.

STANDARD:  Thomas Morgenstern ist 24 Jahre alt. Muss er nicht irgendwann die Erfolge satthaben?

Vettori: Das müsste man ihn selber fragen. Ich weiß nicht, wie sein Plan aussieht. Ich würde die Erfolge sicher nicht sattkriegen. Er kann noch viele Jahre gewinnen.

STANDARD:  Auch wegen des Geldes?

Vettori: Ich weiß, dass das keine Rolle spielt, wenn du oben stehst. Nachher natürlich, das Skispringen ist ja ein Beruf.

STANDARD:  War es früher lustiger?

Vettori: Sie sind heute schon sehr professionell, aber am Grundcharakter hat sich nichts geändert. Wenn du zu lustig bist, springst du nicht weit genug. Wenn du Weltmeister werden willst, kannst du dir während der Saison unprofessionelles Verhalten nicht leisten. (Sigi Lützow, DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 1. März 2011)

ERNST VETTORI (46), 1992 Olympiasieger auf der Normalschanze und 1991 Teamweltmeister, gewann zweimal die Vierschanzentournee und feierte 15 Weltcupsiege. Der Tiroler ist seit März 2010 Nachfolger von Anton Innauer als Sportdirektor für Sprunglauf und nordische Kombination im ÖSV.

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    Der Käse ist noch längst nicht gegessen. Wer weiß, was auf der Großschanze alles passiert?

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