Neuer UN-Report: Gesicherte Schätzungen nur für Leukämie und Schilddrüsen-Krebs möglich
Wien - Selbst 25 Jahre nach der Nuklearkatastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl
(Ukraine) bleibt die Zahl der Strahlungs-Opfer unklar. Auf Schätzungen, wie
viele zusätzliche Krebsfälle es durch die Katastrophe gegeben hat und auch noch
geben könnte, wollen sich Experten des UN Scientific Committee on the Effects of
Atomic Radiation (UNSCEAR) nicht generell einlassen. Am Montag wurde eine
Erweiterung eines laufenden Berichts über die Auswirkungen des Unfalls in Wien
präsentiert.
Der neue Bericht sei stark erweitert worden, sagte die Experten. So umfasse
er Daten von über 500.000 Arbeitern, die während und nach dem Unfall mit
vergleichsweise hohen Dosen an radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren. Ebenso
seien Daten über die radioaktive Belastung der Schilddrüsen von rund 100
Millionen Menschen in Weißrussland, Russland und der Ukraine verarbeitet worden.
28 unmittelbare Todesopfer
Für die Fachleute steht fest, dass es im Zuge des Unfalles zu 28
unmittelbaren Todesfällen gekommen ist. Weitere 19 der 134 Arbeiter, die nach
der Reaktorexplosion wegen des akuten Strahlungssyndroms behandelt worden waren,
seien bis 2006 gestorben. Allerdings seien diese Personen an verschiedenen
Ursachen gestorben.
Klare statistische Zusammenhänge für solche Menschen mit hohen radioaktiven
Belastungen gebe es bezüglich der Zunahme von Leukämie und Katarakten (Trübungen
der Augenlinse, Anm.). Für die Bevölkerung, die nur geringeren Dosen ausgesetzt
gewesen war, seien solche Zusammenhänge bisher kaum zu ziehen. Eine Ausnahme
machen dabei lediglich erhöhte Raten von Schilddrüsenkrebs bei Personen, die als
Kinder oder Jugendliche das Tschernobyl-Unglück erlebten. So habe es in
Weißrussland und der Ukraine von 1991 bis 2005 rund 6.000 Fälle von
Schilddrüsenkrebs gegeben, einen "erheblichen Anteil" davon führen die
Wissenschafter auf die Strahlung zurück. Der Konsum von verstrahlter Milch wird
als Hauptursache angesehen.
Streit um Schwellenwert
Auch wenn die Experten noch weitere Krebsfälle durch den Unfall "nicht
ausschließen können", so würden Daten und wissenschaftliche Erkenntnisse nicht
ausreichen, um sichere Aussagen treffen zu können. Sie verwiesen etwa auf den
bis heute schwelenden Streit unter Wissenschaftern, ob es bezüglich radioaktiver
Strahlung so etwas wie eine Schwellenwert für eine Schädigung gebe, oder ob die
Gefahr von Null weg mehr oder weniger kontinuierlich zunimmt. (red/APA)