Schlaue Hasen und Schlupflöcher

28. Februar 2011, 17:29
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In den letzten Tage wurde in China wieder mit Polizeigewalt gegen Oppositionelle und Journalisten vorgegangen

Ein Besuch beim Künstler Huang Yongyo, den seine Eule einst fast das Leben kostete.

Peking - Manche tragen Eulen nach Athen. Chinas vielseitigster, international geschätzter Künstler Huang Yongyu, der chinesische und westliche Malerei in seinem Stil verbindet, wählte für seine Eule einen anderen Weg. Er brachte zuerst Skizzen von dem weltbekannten Vogel, der in der Kulturrevolution zum Synonym für "schwarze bourgeoise Malerei" wurde, nach Italien. Mit befreundeten venezianischen Kunsthandwerkern in Murano verwandelte Huang eine Reihe seiner satirischen Tierzeichnungen in Glasskulpturen. Verschmitzt erzählt der 87-jährige Huang in seinem Atelierhaus 50 Kilometer vor Peking über die Europareise seiner Eule. "Ich habe sie wieder in die Hauptstadt zurückgebracht."

In den Rongbaozhai-Studios der Pekinger Antiquitätenstraße Liulichang sind die Tierfiguren aus Muranoglas über Chinas Frühlingsfest ausgestellt. Eine Videodokumentation zeigt, wie Huang sie herstellte. Die Vorlage für sie entstand 1973. Huang hatte sie damals mit einem zugekniffenen linken und einem offenen Auge für einen Freund gemalt.

Kulturrevolution

Das Original wäre heute ein unschätzbares Zeugnis für den Irrsinn, mit dem kulturrevolutionäre Politiker einst Chinas Maler verfolgten. Doch das Originalbild der Eule wurde nach Ende der Kritikausstellungen gestohlen. "Ich weiß, dass es heute in Hongkong in einer Privatsammlung versteckt ist." Der Besitzer traue sich nicht, die Eule zu zeigen, sagt Huang. "Es war typisch für die Zeit der Kulturrevolution. Erst ein Bild kritisieren und dann zur eigenen Bereicherung rauben."

Es war das achte Jahr in der 1966 entfesselten Kulturrevolution. Ihre brutalste Anfangsphase hatte Huang überlebt, der damals an Chinas Akademie der schönen Künste lehrte. Im Gespräch erinnert er sich: "Ich habe alles erlebt, wurde geprügelt, durch die Straßen paradiert und trug Schandhüte". Dann wurde er zur Landarbeit in eine Kaderschule nach Hebei verbannt. 1973 aber wurde er plötzlich nach Peking geholt. Der damalige Premier Tschou En-lai brauchte ihn und drei weitere Maler, um auf einem Wandbild den Jangtse-Strom für den Neubau des Peking-Hotels zu malen. Es sollte ein Blickfang für die nach China wieder zahlreich kommenden ausländischen Staatsgäste werden. Huang, der nach acht Jahren wieder malen durfte, wurde von einem Pekinger Freund gebeten, ein Bild für ihn privat zu zeichnen. Er malte mit Tusche seine Eule. Er erfuhr nicht, dass seine Zeichnung weiterwanderte und in einen aufwändigen Schanghaier Katalog chinesischer Malerei einging.

Tschous Gegner, eine mächtige Gruppe ultralinker Gefolgsleute um Maos Frau Jiang Qing darunter auch Propagandachef Yao Wenyuan, ließ das nicht ruhen. Sie wollten das angebliche Wiederaufleben einer "schwarzen bourgeoisen Malerei " geißeln, mit denen angebliche Feinde Maos das Ende seiner Kulturrevolution einläuten wollten. Der Schanghaier Katalog bot ihnen nun eine Steilvorlage für ihre Kritik. Der Autor Li Hui hat in seiner neuen Biografie Chuanji Huang Yongyu die Hintergründe des damaligen Ränkespiels ausgeleuchtet. Huang Yongzu will alles selbst noch einmal aufschreiben, was ihm in der Kulturrevolution widerfuhr.

Nie um Gnade bitten

Der 87-Jährige arbeitet an seinen Memoiren. Er zieht sich dafür ins Obergeschoß seines Ateliers zurück, wo der passionierte Raucher auch seine über 1000 Pfeifen aufbewahrt. "Sie sind das Einzige, was ich in der Kulturrevolution verstecken konnte. Alles andere wurde geraubt." Er hat früher erzählt, dass er im ersten Jahr der Kulturrevolution einmal 242-mal mit einem Ledergürtel ausgepeitscht wurde. Er habe seine Peiniger nicht angefleht, mit ihrem Schlagen aufzuhören. Als er gefragt wurde, wie er sich gegen seine Verfolger zur Wehr setze, antwortete er, seine einzige Form des Widerstands sei gewesen, sie niemals um Gnade zu bitten.

Der Schlüssel, um ihn zu verstehen, liege wohl in seiner Kindheit, scherzt er. Deshalb fange seine Biografie bei null an. Als er geboren wurde, schrie er nicht. Die Amme zwickte ihn. "Sie hat mich beinahe fallen lassen, als ich mit meinem ersten Ton nur laut lachte." Im riesigen Atelierhaus Huangs, zu dem ein Lotosteich gehört, hängt kein Bild seiner Eule.

Er hat nur eine Bronzestatue von ihr aufgestellt. Viele verstünden seine Eule nicht. "Wir können heute über vieles lachen, weil der Druck nachgelassen hat, weil wir zu essen haben und uns sicher fühlen." Die Zeiten blieben aber kompliziert. "Würde es sonst nötig sein, dass Maos Bild noch am Tiananmen-Tor hängt?". Huang hat für das chinesische Neujahr, dessen Symboltier der Hase ist, ein Frühlingsbild gemalt. Er hat dafür das Sprichwort verfremdet, dass ein schlauer Hase zum Überleben drei Schlupflöcher braucht. Bei Huang sitzen drei Hasen zusammen in nur einem Loch. "Wir brauchen heute nicht viele Plätze, um uns zu verstecken. Für Humor wird man nicht mehr verfolgt - auch nicht, wenn man Eulen zeichnet." (Johnny Erling, DER STANDARD - Printausgabe, 1. März 2011)

  • Huang Yongyo drückt es diplomatisch aus: "Wir brauchen heute nicht viele
 Plätze, um uns zu verstecken. Für Humor wird man heute nicht mehr 
verfolgt."
    foto: johnny erling

    Huang Yongyo drückt es diplomatisch aus: "Wir brauchen heute nicht viele Plätze, um uns zu verstecken. Für Humor wird man heute nicht mehr verfolgt."

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