Opernball mit ohne Lugner

28. Februar 2011, 13:18
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Opernball-Notizen ohne den Baumeister sind so, als beschriebe man das Meer – ohne über Wasser, Fische und Salz zu sprechen

Über den Opernball zu schreiben, ohne den Baumeister zu erwähnen, ist so, als beschreibe man das Meer - ohne über Wasser, Fische und Salz zu sprechen

Der Plan war, in der Woche vor dem Opernball etwas Einschlägiges zu bringen. Hintergründig. Vielleicht auch gemein. G´fernst - aber eben ohne den unvermeidlichen Baumeister. Nur war das lange bevor Bunga Bunga aus der Kiste sprang und zuwege brachte, was zuletzt nur Paris Hilton geschafft hatte: Die großen Edelfedern griffen das Thema auf. Und niemand merkte, dass hier galt, was sonst nur bei Fußball und Skifahren gültig ist: Man konnte voraussetzen. Jeder wusste, worum und um wen es ging.

Egal. Opernball ohne. Ein Dilemma: "Beschreibe das Meer - aber red nicht von Wasser, Wellen und Salz." Schwierig? Möglich. Bloß: Jener Satz über den Ball, den mir eine Ex-Opernballorganisatorin in der Zeit des Wahlscheibentelefons gesagt hatte, ist leider immer noch nicht zitierbar. Denn ihr Nachsatz "wenn Sie das schreiben, verklage ich Sie und den Falter" war unmissverständlich. (Damals hatte der Unvermeidliche noch echten Hollywoodglanz angekarrt. Heute bringt er mit seinen Kaufgästen die unzitierbare Ein-Satz-Opernballanalyse auf den Punkt.)

Sogar Ballmacher

Mist, ich schreibe ja doch über ihn. Sorry. Aber wenn ich eh schon dabei bin: Vor einem halben Jahr fragte mich eine Kollegin von einem deutschen Kulturmagazin, wie es "dieser Clown schaffe, neben seinen Proll-Auftritten so etwas Edles wie den Opernball zu organisieren". Ich war fassungslos. Noch fassungsloser war ich, als mir vorige Woche eine der Organisatorinnen des Balles sagte, sie höre das nicht zum ersten Mal - jedoch selten von Gossip-Medien: Die wüssten Bescheid - im Gegensatz zum "Niveau", das immer nur halb hinzusehen wage. So. Schluss mit ihm.

Das Dilemma mit "Ball ohne" ist nicht neu. Es betrifft die ganze Branche. Als Ball ist der Opernball nämlich im Kern halt doch immer gleich. Daran ändern auch Desi Treichl-Stürgkhs Layout-Feilereien wenig. Dass Donnerstagabend fast alle Zeitungen große Ballreportagen bringen, passt dazu. Denn sollte bei der Eröffnung nicht der Luster von der Decke knallen, werden diese Skyrunner-Visualisierungen stimmen: Generalprobe plus Pressekonferenz-Infos plus PR-Aussendungen (die Oper selbst schickt keine Namen) sind die halbe Miete. Der Rest ist der Textbaustein „Opernball". Alle Jahre wieder. Die Hülsen passen, Fotos gehen sich aus. Freitagfrüh liest Österreich wie der Ball war - freilich ohne jene Würze, um die es geht: Die Muppetshow-Ballsaal-Wortspenden und die Frack-und-Kamera-Lawinen rund um die Logen. Wer walzt wen wo platt - wer darf wo nicht rein - wer ... und so weiter. Immer ähnlich, aber nur hier möglich.

Schwierige Variationen

Das Spannendste ist daher der Versuch, das immer Gleiche anders zu zeigen. Ein Klassiker ist der (jedes Jahr von Privatsendern neu erfundene) Versuch, sich ohne Ticket ins Haus zu schummeln. Oder DebütantInnen zu begleiten. Der Standard darf sich brüsten, in den vergangenen Jahren tatsächlich Blickwinkel gefunden zu haben, die noch nicht zu Tode gefeatured worden sind. Wir präsentieren das als Service im Interesse der Leser - aber es ist auch Selbsthilfe. "Täglich grüßt das Murmeltier"-Journalismus nervt. Wer langweilt sich schon gern bei der Arbeit?

Vor drei Jahren war ich daher Ball-Kellner. ("He, Rottenberg, falsches Mascherl!" - "Nö, ich hackel hier." - "Zahlt der Standard SO schlecht?" - *grins* - "Oh Shit, ich geh' seit 15 Jahren auf den Ball und weiß nimmer, was ich schreiben soll. Und du ... Saukerl!") Vor zwei Jahren war ich Frau Desis Begleiter durch die Oper ("Mein Job: Ich grüße jeden so, als würde ich ihn kennen. Du achtest auf den Heinzl: Wenn der kommt, biegen wir ab. Irgendwohin.") Im Vorjahr war ich Pfosten im lebenden Lakaien-Zaun. Ein echter Nahkampf-Job. Heuer? Wir überlegen noch. Obwohl es einfach wäre, Quote und Zugriffe zu maximieren. Aber das brächte den Unvermeidlichen ins Spiel.

Demo

Das Einzige, was vielleicht ansatzweise so viele Klicks und Postings wie die Kombination des Unvermeidlichen mit Berlusconis Spielgefährtin generieren würde, wäre wohl eine knackige Opernballdemo. Bloß: Die gibt es schon lange nicht mehr. Wozu auch? In der Zeit der Wahlscheibentelefone war ich ja selbst noch auf der Straße gestanden. Und hatte Vermummte interviewt, die aus einer ebenso engen wie ironiefreien Welt gegen die Oper als Symbol von Prunk & Protz anrannten: Man müsse den Ball "angreifen", um die Eitelkeit, Arroganz und metastasierende Selbstherrlichkeit der Herrschenden ... Blablabla .

Doch alles was die Revolution zustande brachte, waren ein paar brennende Mistkübel, Katz-und-Maus-Knüppeloperetten und - hernach - lautstarkes (und doch irgendwie befriedigtes) Gewinsel über die "menschenverachtende Fascho-Brutalität des Schweinesystems". So selbstgerecht und arrogant wie dieses Gesudere habe ich die Angehörigen der Opernball-Kaste übrigens nie reden hören.

Österreichische Wandlungsfähigkeit

Im Vorjahr sah ich dann ein paar Ex-Demonstranten am Ball. In Kleid und Frack. Einer trug Orden. Das Wiedersehen war ihnen nicht einmal peinlich. Die Zeiten hätten sich eben geändert. Irgendwann werde man auch erwachsen. Und gegen den Baumeister zu demonstrieren, wäre ja wohl nur lächerlich. Schwuppdiwupp war der Unvermeidliche Thema.

So Unrecht hatten die Altautonomen damit aber nicht. Bloß übersahen sie eines: Richard Lugner selbst IST längst die Opernballdemo. Er ist - ohne es zu wollen oder zu wissen - hier der Hofnarr. Und er macht seinen Job am Ball von Jahr zu Jahr besser. Sein Auftreten, sein Hintergrund, seine Sprache, seine Sippschaft und seine Gäste - was heißt: seine bloße Anwesenheit treibt genau jenes "Establishment" zur Weißglut, dem das schwarze Blöcklein den Spiegel nie auch nur in Steinwurfweite hinzuhalten schaffte. Dass weder Lugner noch die durch ihn, diesen unfreiwilligen Buffo, Persiflierten das auch nur ansatzweise mitbekommen, steht auf einem anderen Blatt. Und ist eigentlich schade.
(Thomas Rottenberg, derStandard.at, 28.2.2011)

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    Ob der Unvermeidliche auch heuer wieder fast alles - also auch die Debütantinnen - überschattet?

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