Oscar-Notiz: Paddy Chayefsky

Bert Rebhandl, 28. Februar 2011, 12:49

Vor 35 Jahren hatte schon einmal ein Autor einen Academy Award für einen Film bekommen, der das Wort Network im Titel hatte - Von Bert Rebhandl

Es war ein beiläufiger historischer Verweis, mit dem Aaron Sorkin im Rahmen der Gala 2011 den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch für The Social Network entgegennahm: Vor 35 (genau genommen 34) Jahren hatte mit Paddy Chayefsky schon einmal ein Autor einen Academy Award für einen Film bekommen, der das Wort Network im Titel hatte. Es war auch das einzige Wort im Titel: "Network" von Sidney Lumet war 1977 einer der großen Filme der Saison und spielte eine zentrale Rolle bei den Academy Awards dieses Jahres. Die wichtigste Szene betraf den Oscar für Peter Finch, der wenige Wochen davor, am 14. Jänner, im Alter von 60 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben war. An seiner Stelle wurde Chayefsky auf die Bühne gerufen, der die Statue aber nicht in Empfang nehmen wollte, sondern auf die Witwe verwies, die selbst im Saal war: Mavis "Eletha" Finch, geborene Barrett, mit der Finch seit 1966 in Jamaica gelebt hatte. Der Auftritt der dunkelhäutigen Ehefrau lässt auch heute noch erahnen, wie schwer Hollywood sich lange Zeit mit "people of color" getan hat - sie war ja eigentlich die legitime Erbin von Finch, und Chayefsky lässt deutlich erkennen, dass er die professionelle Hollywood-Lösung, den Preis lieber an einen Kollegen zu geben, nicht billigte. Interessant an dieser ganzen Szene, die eine Menge Filmgeschichte en miniature enthält, ist natürlich auch, wer damals neben Finch nominiert gewesen war: Robert DeNiro, der bei der Gala nicht persönlich erschien war, für "Taxi Driver", und Sylvester Stallone für "Rocky".

 

 Die Verleihung der Oscars für das beste Drehbuch an Chayefsky persönlich ist im Netz leider nicht überliefert. Es gibt jedoch Material, in dem man einen guten Eindruck von ihm bekommen kann. In den folgenden beiden Ausschnitten ist er in der Talkshow von Dinah Shore zu sehen, wie er Promotion für Network macht - ein Intellektueller in einem Medium, von dem er sich innerlich längst verabschiedet hatte.

 

 Und dann gibt es auch noch eine kurze Sequenz, in der Sidney Lumet für den Sender TCM den Film "Network" einleitete, und in der er auch ausdrücklich über Chayefsky spricht.

Chayefsky, der in den 1950er und 1960er Jahren vor allem für dass Fernsehen gearbeitet hatte, war mit dem Film "The Hospital" (1971) bekannt geworden, zu dem er selbst die einleitende Sequenz gesprochen hatte - eine Satire auf das Gesundheitswesen, die wie eine groteske fiktionale Verdichtung eines Films von Frederick Wiseman wirkt (gekreuzt mit einem Roman von Arthur Hailey).

Die Szene deutet an (wie auch eine Bemerkung über Mary Tyler Moore in dem Gespräch mit Dina Shore), dass Chayefsky unter den heutigen Bedingungen des "fiction television" mit den vielen originären Serien, aber auch in der Sitcomwelt, vermutlich wieder an das Fernsehen hätte annähern können. Aber dazu war er eine Generation zu früh dran. Er starb 1981 im Alter von 58 Jahren in New York. Aaron Sorkin hat ihn für einen Augenblick wieder ins Gedächtnis gerufen und damit der Oscar-Zeremonie eine unvermutete historische Tiefenschärfe gegeben.

CARGO - Film Medien Kultur ist ein Magazin und eine Website. derStandard.at/Kultur bringt in unregelmäßiger Folge Beiträge aus der Cargo-Redaktion.

  • Aktuelle Ausgabe: Cargo #13

    TitelbildCARGO ist eine eine in Berlin erscheinende Vierteljahreszeitschrift und ein Onlinemagazin zu den Themen Film, Medien und Kultur. derStandard.at/Kultur präsentiert in unregelmäßiger Folge Beiträge von CARGO.

    • 30.4.2012, 17:01
      Bert Rebhandl

      Pfeil und Bogen [20]

      TitelbildStarnotiz: Jennifer Lawrence hat es innerhalb von ein paar Filmen geschafft, aus dem Independent-Bereich in den Mainstream vorzudringen

    • 10.4.2012, 12:39
      Bert Rebhandl

      Kunst des Teilens

      TitelbildEin Hinweis auf vier Filme, die helfen können, den westafrikanischen Subsahara-Staat Mali besser zu verstehen

    • 27.3.2012, 14:01
      Bert Rebhandl

      Chanson und Risiken [15]

      TitelbildDie fünfte Staffel von "Mad Men" hat begonnen - Von Bert Rebhandl

    • 21.3.2012, 17:15
      Bert Rebhandl

      Quatschkoje [38]

      TitelbildWas war der wichtigste amerikanische Film der 80er-Jahre? Von Bert Rebhandl

    • 13.3.2012, 11:38
      Simon Rothöhler

      Späte Erleuchtung [14]

      TitelbildJulianne Moore is Sarah Palin: «Game Change» - Von Simon Rothöhler

    • 15.2.2012, 13:34
      Bert Rebhandl

      Die Mumie [14]

      TitelbildMeryl Streep spielt Margaret Thatcher - Von Bert Rebhandl

    • 2.2.2012, 10:55
      Simon Rothöhler

      Südstaatengeschichten

      TitelbildEin Gespräch mit dem US-Dokumentarfilmemacher Ross McElwee - Von Simon Rothöhler

Toby Dammit
 
00
28.2.2011, 16:06
Hierzulande ist der Film MARTY (1955)

zwar nicht ganz so bekannt wie in den USA, dennoch ist das der Film, für den Paddy Chayefsky seinen ersten Oscar erhalten hat. Außerdem gingen noch drei weitere an MARTY (bester Film, bester Hauptdarsteller...), sowie die Goldene Palme in Cannes!

Keinen Oscar und auch keine Palme gab es für THE AMERICANIZATION OF EMILY (1964, deutscher Titel: Nur für Offiziere), aber dafür streut der Regisseur Arthur Hiller dem Herrn Chayefsky und seinem Drehbuch im Audio-Kommentar der amerikanischen DVD-Ausgabe mehrmals *reichlich* Rosen.

THE HOSPITAL (wieder von Arthur Hiller inszeniert) kann zwar mit George C. Scott und Diana Rigg in den Hauptrollen protzen, dennoch nützt er sich mMn schneller ab als EMILY oder NETWORK.

So, genug kluggesch***en... ;-)

hans graucher
00
28.2.2011, 13:15

Interessante Story.

Bei allem Respekt gegenüber Chayefsky, Peter Finch und Sydney Lumet. Network ist ein hervorragender Film aber die Nichtberücksichtgung von Taxi Driver und insbesondere von DeNiro in der Hauptrolle, gehört zu den größeren der vielen Fehler in der Historie dieser Preisverleihung

schurlibub
00
28.2.2011, 20:16

De Niro... ach was! Wie konnte man Rocky übergehen?

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.