Von Kebab-Vorurteilen und Wurstsemmel-Rassismus

28. Februar 2011, 10:38
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Im Rahmen des Creative Muslim Contest waren muslimische Jugendliche aufgerufen, ihre Sichtweisen der "Integration" kreativ umzusetzen

"Für mich gilt der Grundsatz: Teilnehmen an Wettbewerben zum Thema Integration, um irgendwann nicht mehr an Wettbewerben zum Thema Integration teilnehmen zu müssen". Dies ist ein bezeichnender Auszug aus dem, von Marawan Mansour eingereichten Siegerwerk in der Kategorie "Text".

Aus etwa 60 Einsendungen kürte die prominent besetzte Jury - darunter Simon Inou, Gründer von M-Media, Sängerin und Autorin Hülya Kandemir, Fernsehmoderatorin Arabella Kiesbauer, Grafiker und Fotograf Fatih Öztürk sowie Kabarettist Dirk Stermann - jeweils ein Projekt in den Kategorien Text, Bild, Musik, Video und Alternativ zum Sieger.

Der Saal im Etap Veranstaltungszentrum am Abend des 26. Februar ist bis auf den letzten Stuhl besetzt. Etwa 500 Gäste sind eingetroffen, um der Abschlussveranstaltung des Creative Muslim Contests 2011 beizuwohnen. "Die Idee zum Kreativprojekt entstand etwa vor einem Jahr, als die Integrationsdebatte in Österreich wieder aufloderte. Wir wollten Jugendlichen eine Chance geben, selbst zu sprechen und auf eine konstruktive Art und Weise ihre Sichtweise und Ideen zum Thema Integration zu präsentieren", erklärt Saime Öztürk, eine der OrganisatorInnen des Projekts der Muslimischen Jugend Österreich (MJÖ). Die zentrale Frage war: Was bedeutet es für Dich, in Österreich zu Hause zu sein?

"Ich will an der Gesellschaft teilnehmen!"

"Für junge Menschen, die entweder in Österreich geboren oder aufgewachsen sind, ist die Forderung nach Integration oder der Begriff selbst schon sehr diffus. Wird Integration an Faktoren wie einem Pass oder der Sprache festgemacht, fragen sich viele: Wo soll ich mich denn noch integrieren? Ich möchte an der Gesellschaft teilnehmen! Gerade aber auf kreativer Ebene können Jugendliche sehr viel schaffen, weshalb für uns die Rahmenbedingungen zur künstlerischen Freiheit so flexibel wie möglich gesetzt waren", so Saime Öztürk.

Fanatisch auf der Suche nach Integration

Süreyya Kocca, Gewinnerin in der Kategorie "Alternativ", kreierte eine digitale Bildergeschichte über ein kleines Mädchen, das beinahe besessen "auf der Suche nach Integration" ist. Sie versucht Integration zu trinken, zu essen, sie zu fangen. Bis sie merkt, dass der richtige Weg über das Erlernen der Sprache (in der Zeichnung humoristisch mit einem "oida" dargestellt) und die soziale Interaktion mit den Mitmenschen führt. Die 19-Jährige ist mit ihrer Familie vor einem Jahr aus Deutschland nach Wien gezogen, da die Mutter in Österreich eine Stelle als Erzieherin fand, die ihr das Tragen des Kopftuchs erlaubt. "Generell ist die Atmosphäre für muslimische Bürger hier viel entspannter als in Deutschland", sagt Süreyya und erklärt, dass sich die gesamte Familie sehr wohl in Wien fühlt.

Land der Töchter und Söhne

Durch den Kreativwettbewerb sollen Jugendliche selbst zu Wort kommen, denn die so genannten "Integrationsprobleme" treffen für sie nicht mehr in dem Maße zu wie für ihre, vor Jahrzehnten eingewanderten Eltern oder Großeltern. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und der Problematik ist also gefragt. Öztürk spricht die nächste Entwicklungsstufe nach der Integration an: "Was kommt danach? Ich kann mich nicht ewig mit meiner Herkunft beschäftigen." Ein Identitätsproblem entsteht erst, wenn die Herkunft zum alleinigen und dominanten Wesensmerkmal eines Individuums wird.

Die Wurzeln seien ohne Frage von großer Bedeutung, aber wenn Migranten und Migrantinnen der ersten Generation sich inzwischen in Österreich zuhause fühlen, wie sieht es dann erst in ihren Töchtern und Söhnen aus? Österreich als Heimat großer Töchter und Söhne wird auch in der 2010 neuinterpretierten Bundeshymne besungen. Diese hat die 19-Jährige Nurdan Şimşek für ihr persönliches Statement in einen Rap gepackt. Mit ihrem Beitrag "Landesrap" heimste sie den ersten Preis in der Kategorie "Musik" ein.

"Kanake mit Schnitzeldöner"

Auf der Bühne wird so mancher Gewinner und Gewinnerin unter tosendem Applaus von Gefühlen übermannt, während sie ihren Award und den gigantischen Scheck - mit Preisen wie iPhone, Laptop oder Digitalkamera - entgegennehmen und sich für die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren zu können, bedanken. So auch Marawan Mansour, der mit seiner Geschichte "Kanake mit Schnitzeldöner" den Bewerb im Genre "Text" für sich entschied. Die Geschichte handelt vom Ateliersbesitzer M., der mit der Skulptur "Kanake mit Schnitzeldöner" eine heftige Integrationsdebatte auf einer Vernissage entfachen möchte.

To bee integrated

Im Animationsfilm "To bee integrated" wird die Hauptrolle von einer ambitionierten Biene gespielt, die sich in einem Vier-Schritte-Programm die Skills zur Honigproduktion aneignet und so erfolgreich den Integrationsprozess im Bienenvolk absolviert. Der Grafikstudent Ömer Yürekli hat damit in die Kategorie "Video" für sich entschieden. "Das gesamte Projekt hat etwa zwei bis drei Monate gedauert, wobei ich erst einen Stil finden musste und das Generieren der Inhalte die meiste Arbeit ausmachte."

Keine Integration, sondern Inklusion

In der Kategorie "Bild" landete der Mediendesign-Student Serkan Zararsiz mit seinem Integrationsmarathon auf Platz eins. Er fotografierte mit einer 20 Jahre alten Kamera Menschen, deren Eltern nach Österreich eingewandert sind. Nach mehr als zwei Jahrzehnten hat sich, wie er in seinem Projekt beschreibt, die Lage nicht im Geringsten entspannt, worauf der 23-Jährige mit der Analog-Fotografie verweisen möchte. Diese soll eine Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart spannen. Seine Botschaft ist die Forderung, den spröden Begriff "Integration" hinter sich zu lassen und eine "Inklusion" der muslimischen Gesellschaft zu forcieren.

Gerade solche Projekte seien ein erster Schritt in Richtung eines gelungenen multikulturellen Zusammenlebens.

Großes Interesse macht den Bedarf sichtbar

Seit im Dezember 2010 die ersten Flyer und Plakate zum Wettbewerb von Vorarlberg bis ins Burgenland verteilt waren, und der Contest über Webseiten und soziale Plattformen wie Facebook beworben wurde, trudelten zahlreiche Emails und Briefe bei den OrganisatorInnen und MitarbeiterInnen des MJÖ ein. "Mithilfe eines entsprechenden medialen Echos werden die Jugendlichen nicht nur gefördert. Sie können außerdem aus eigener Kraft etwas Tolles schaffen, worauf sie stolz sind", macht Öztürk das Potenzial des Wettbewerbs deutlich: "Es entstand ein regelrechter Hype und wir merkten, der Bedarf bei den 13- bis 30-Jährigen ist enorm. Sie drängen regelrecht danach, zu Wort zu kommen."

Du Schmarotzer, ich Nazi?

Schlussendlich ist unabhängig von Genre und Ausdrucksform, eine Vielzahl an originellen Arbeiten entstanden. Wie zum Beispiel ein Foto, das auf humorvolle Art die verkorkste Kommunikation und Integrationsdebatte innerhalb der österreichischen Gesellschaft zeigt: Eine Wurstsemmel und ein Kebab sprechen gemeinsam das Wort "Integration" laut aus, während sich die Wurstsemmel jedoch "Schmarotzer" denkt und über dem Kebab das Wort "Nazi" in einer Comic-Gedankenwolke geschrieben steht. (Eva Zelechowski, 28. Februar 2011, daStandard.at)

Creative Muslim Contest

Die Gewinnerwerke der fünf Kategorien:

Kategorie: Text
Marawan Mansour, 21
Kanake mit Schnitzeldöner

Kategorie: Bild
Serkan Zararsiz, 22
Der Integrationsmarathon

Kategorie: Musik
Nurdan Şimşek, 19
CMC Landesrap

Kategorie: Video
Ömer Yürekli, 23
To bee integrated

Kategorie: Alternativ
Süreyya Koca, 19
Surysh's little integration story

  • Alle Nominierten des ersten Creative Muslim Contests.
    foto: eva zelechowski

    Alle Nominierten des ersten Creative Muslim Contests.

  • Auch Kulinaria sind nicht frei von Vorurteilen!
    foto: eva zelechowski

    Auch Kulinaria sind nicht frei von Vorurteilen!

  • Eines der eingereichten Projekte: Zehn Gebote - neu interpretiert.
    foto: eva zelechowski

    Eines der eingereichten Projekte: Zehn Gebote - neu interpretiert.

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