Nachlese

Raketen, Fallout, Populuxe ... und die Russen

H C L , 4. März 2011, 01:05
  • Artikelbild
    vergrößern 600x400
    foto: reuters/tobias schwarz

    Womit alles anfing: eine V2 Rakete im Museum von Peenemünde

  • Artikelbild
    foto: ap/nasa

    Walt Disney umfasst ein V2-Modell, Wernher von Braun setzt ein Verkäuferlächeln auf: Wir schreiben 1954.

     

  • Artikelbild
    foto: prelinger-collection

    Aus "About Fallout", sinngemäß: Falls die US-Großstädte mit Atombomben eingedeckt werden, bewirken die Winde natürlich viel an strahlendem Fallout, ...

  • Artikelbild
    foto: prelinger-collection

    ... was gemäß des Filmes jedoch eine kontrollierbare Gefährdung darstellt, wenn man nicht darauf vergisst, sich etwa beim Heimkommen den radioaktiven Fallout von der Hutkrempe zu klopfen ...

  • Artikelbild
    foto: prelinger-collection

    ... und die Ehegattin im Bunker die Kartoffeln sorgfältig wäscht und schält.

     

     

     

     

  • Artikelbild
    foto: ap/nasa

    Thematisch etwas anders gelagerte Si-Fi: Bruce Dern in seinem Orbit-Gewächshaus in der recht hippiesken Öko-Utopie "Silent Running" (1972), am  Sonntag 6.3.  18:30 gezeigt mit George Lucas' frühem Kurzfilm "Electronic Labyrinth: THX-1138 4EB" (1967), ...

  • Artikelbild
    foto: filmmuseum

    ... und  die viel bewunderte  Jules-Verne-Verfilmung "Vynález zkázy" ("Die Erfindung des Verderbens", 1958) des tschechischen Tricktechnik-Innovators Karel Zeman (Samstag 5. 3. 16:30).

Vorträge und ein paar Tube-Tipps zur Science-Fiction-Film-Reihe

About Fallout wäre eigentlich ein höchst langatmig und mit eher holpernden Grafiken servierter knapp halbstündiger Dokumentarfilm, diente seine Behäbigkeit einst nicht einem speziellen Zweck: Parallel zur Entwicklung der Wasserstoffbombe um 1960 entstanden, sollte er die US-Bevölkerung Step-by-Step darüber instruieren, dass es nicht den Untergang der US-Zivilisation bedeutet, wenn alle ihre Metropolen durch sowjetische Nuklearattacken ausradiert wären, man müsse nur mit dem radioaktiven Fallout umzugehen wissen.

Ein am Sandstrand spielendes kleines Mädchen dient zur Illustrierung, dass man ohnedies der natürlichen Strahlung ausgesetzt wäre, und anhand einer langen Einstellung auf eine Kartoffel schälende Hausfrau wird erläutert, ab wann nach dem Knall man das wieder problemarm dürfte, denn auf die Dosis kommt's ja an. Schließlich könne man ja zwei Wochen schon wieder für kurze Erledigungen aus dem Bunker, und jene Agrarflächen, die für Kartoffeln noch zu sehr strahlen, könne man ja für Baumwolle verwenden.

About Fallout, entstanden auf Auftrag des Office of Civil Defense des US-Verteidigungsministeriums, kann online gesehen werden - unter archive.org/details/AboutFal1963. Er ist Teil der via Archive.org öffentlich zugänglichen sogenannten Prelinger-Collection von alten US-Lehr- und Industriefilmen, auch der schräge Klassiker des "Was tun bei einem Atomschlag?"-Genres, Duck and Cover (1951, archive.org/details/DuckandC1951) findet sich dort.

Von Peenemünde ...

Und About Fallout war Abschlussbeispiel eines Vortrags am vergangenen Freitag im Rahmen der  bis 10. März laufenden Reihe zum hybriden Filmgenre der "Science Fiction" im Österreichischen Filmmuseum, die programmatisch wissenschaftsnahe bleibt und Fantasy weitgehend ausklammert: jene der Weltallkrieger und Planetenkolonisierer einerseits, die im Gefolge von Lucas' Star Wars zu ihrem Höhenflug eben in jener Zeit abhob, als man selbst eine Reise zum Mars komplett ausklammerte; wie jene Fantasy der Computer-Geeks, die à la Matrix ein Computerspiel so real empfinden wie das analoge Leben. Auch das Paranoia- und Propaganda-Kino der Kalten Krieger bleibt minimiert, zu deren Ideologie gibt es Vorträge, wie eben jenen, der betitelt war mit "Der Fallout ist dein Freund: Peenemünde. Pynchon. Paranoia. Prelinger".

Vortragender war Christoph Huber, Co-Kurator der Reihe, bekanntlich Filmkritiker der Presse und, weniger bekannt, diplomierter technischer Physiker. Er widmete sich den Querverbindungen von High-Tech und filmischer Vermittlung im Rahmen der NATO, schwerpunktmäßig dem durch die "Operation Paperclip" samt seinem NS-Raketenforscherteam aus Peenemünde in die USA geholten Wernher von Braun und seiner darauf folgenden PR-Strategie für seine Mission "Man Will Conquer Space Soon!", so eine Artikelserie. Ein Zeitungsartikel über von Braun führte zum ersten Weltraum-Mission-Film Destination Moon (1950, im Filmmuseum gezeigt), dessen (auch dezidiert politische) Dialogzeilen erstaunlich einflussreich wurden - doch so glatt lief alles nicht.

Längere Zeit wollte die US-Militär- und Forscherhierarchie nämlich mit dem Konstrukteur der auf London niedergeprasselten V2-Raketen nicht überwältigend viel zu tun haben, und so schloss von Braun Allianzen, erst mit dem Collier's Weekly Magazin, dann mit Walt Disney, selbst ein rechter Recke mit Hang zu feudalherrschaftlichen Strukturen. Gemeinsam entwickelten sie von Brauns Verteidigungsstrategie weiter, hin zu einem Wissenschaftlerbild, welches aus großen Buben besteht, die bloß weitäugig mit ihren Baukästen spielen (von Brauns erste Raketen hießen ja Max und Moritz) und alle moralischen Fragen der Regierung und den (Militär-)Geheimdiensten überlassen: eine Nicht-Ethik, die etwa in den Biowissenschaften oder der Informatik immer noch beliebte Verbreitung findet - und konträr zu jener europäischen Einstellung steht, die zumindest bis vor einige Zeit ein "Philosophicum" als Pflichtfach für Naturwissenschaftler kannte. Ausgangs der 1950er Jahre jedenfalls, mitten in der westlichen "Wirtschaftswunder"-Gesellschaft, liebte es der Mittelstand, wenn sich erwachsene Männer künstlich "unschuldig" kindlich gaben, der Erfolg der Allianz war retrospektiv gesehen kein Wunder.

... über Popoluxe ...

Zwar hatte von Braun keinen Erfolg dabei, für sein Buch Project MARS: A Technical Tale einen Verleger zu finden; es ging erst 2006 in Druck und ist, so Christoph Huber, eine äußerst dröge Angelegenheit - von ein paar zitierenswert schrägen Statements abgesehen, die sich freilich auch in den gemeinsam mit Disney entwickelten Filmen finden. Und diese drei Filme, die sich ab Mitte der 50er als überwältigende TV-Blockbuster erwiesen, sind via Youtube überliefert. Man nehme sich also ein wenig Zeit, genieße das Handwerk von Disneys Cartoon-Fabrik, von Brauns Akzent und bei den Spielszenen die stilistischen Vorbildfunktion für spätere Space Operas - und frage sich wie bei About Fallout und parallel mit den jeweiligen Poster, wo die Grenze zwischen Fakten und Hanebüchenem liegen. 

 "Man in Space" (1955)

"Man and the Moon" (1955)

"Mars & Beyond" (1957)

Und auch ein zweites Phänomen der Weltraum-Euphorie und der zugehörigen Filme jener Jahre kam zur Sprache, jenes des daran angelehnten "Populuxe"-Designs. Auch bekannt als "Googie" oder "Doo-Wop", ist dies kein Begriff altehrwürdiger eurozentrischer Stilgeschichte, aber letztlich jedem sofort eingängig, der die flamboyanteren Seiten des Fifties-Design zeitgenössisch beschreiben möchte, etwa die TV-Serie The Jetsons kennt und der seit den 1980ern immer wieder mal aufblühenden Mode des "Retro-Futurismus" nachspüren möchte - siehe den einschlägigen Wikipedia-Eintrag. Ein "Populuxe"-Klassiker wäre die 1965 eingeführte "Lava Lampe", einen netten Eindruck gibt auch ein üppiger Auto-Werbespot aus dem Jahr 1960, A Wonderful New World of Fords, bei dem u.a. der "Ford Galaxie" vorgestellt wurde (archive.org/details/Wonderfu1960).

... und Pynchon ...

Wenn man thematisch gen Osten blickt, ist die Online-Ausbeute viel dürftiger. Im Rahmen des Vortrags wurde anhand zweier Filmbeispiele darauf hingewiesen, wie sehr in der Medienrealität noch Strukturen von vor 1989 weiterleben. Ein Breitwandbeispiel ist ein Vorzeigewerk der DEFA-Studios aus dem Jahr 1967, Die gefrorenen Blitze, inszeniert vom in Ost-Berlin heimisch gewordenen Ungarn János Veiczi (1924–1987): ein Spielfilm anhand der Geschichte der NS-Raketenforschung in Peenemünde mit Betonung auf den Widerstand dagegen - und nicht zuletzt auf die Produktionsstätten im KZ Mittelbau-Dora, wo ein Drittel der 60.000 Zwangsarbeiter zu Tode kam, die V2 somit zur Waffe wurde, bei deren Produktion mehr Menschen umkamen als bei deren Einsatz.

In Teilen ist Die gefrorenen Blitze etwas Agit-Prop, in großen Teilen allerdings bloß dramatisierte Faktenaufbereitung. Aber: Zu hören, dass Wernher von Braun SS-Mitglied und in die Produktionsbedingungen eingeweiht war, war im Westen damals  komplett unerwünscht. Und obwohl ihn die DEFA-Produktion nur als "der Raketenbaron" umschrieb, traf den zweiteiligen 155-minütigen Film der Kalte Krieg voll: in der BRD nie gezeigt, im Rahmen des Festivals von Cannes nach Eklat und politischen Interventionen nur in einer arg verstümmelten Fassung zu sehen. Heute läuft er bisweilen als Ost-Klassiker im MDR und ist seit 2009 als DVD erhältlich - worauf die IMDb nicht hinweist.

Weniger schmissig denn erzählerisch experimentell kommt ein weiterer empfohlener Film zum Thema Peenemünde daher,  Prüfstand VII von Robert Bramkamp (2001/02, auch als DVD im Handel), immerhin das erste Mal, dass der mysteriöse US-Großautor Thomas Pynchon es zuließ, dass ein Roman von ihm, sein epischer  "Gravity's Rainbow" ("Die Enden der Parabel"),  in Teilen filmisch umgesetzt wurde. Der übernommene Paranoia-Geist führt zu einer übervollen Materialsammlung zur Raketengeschichte, die auch in einem gleichnamigen (z.Zt. vergriffenen) Buch verarbeitet wurde, zu Personal wie "Bianca, der Geist der Rakete", gespielt von Inga Busch, zu Auftritten wie von Go-Betweens-Sänger Robert Forster als Fährmann, zu sehen im Filmtrailer auf Youtube. Die beiden Webseiten zum Film Prüfstand VII - bramkamp.info/filme/pruefstand7-index.htm und vor allem www.pruefstand7.de - bieten weitere Kuriosa, etwa (unter "Downloads") den "Lieblingsfehlstart von Herr Profe" und den "Lieblingsfehlstart von Bianca" als kleine Clips zum Downloaden.

... in den wilden Osten

Auf die Konsum- und Youtube-Tipps folgt nun ein weiterer praktischer Hinweis: Hierzulande weitgehend unbekannt dürfte sein, dass das sowjetische Raumprogramm unter ihrem von Legenden umwobenen Chefkonstrukteur Sergej Koroljov auch von einer üppigen Produktion an Spielfilmen begleitet wurde. Ein weiterer, ebenfalls etwas  humoresk konzipierter Vortrag im Filmmuseum soll hier - am Freitag, 4.3., 18:00 -  Abhilfe schaffen: "Die schönen, roten Morgen" ist er betitelt und wird wie folgt angekündigt: "Ein Reise durch die Räume der sowjetischen Science-Fiction mit Kommandant Barbara Wurm und Adjudant Olaf Möller. Der Zielplanet ist das Populärfilmstudio, um dessen Produktionen über die Raumfahrt und das Leben morgen der Vortrag kreisen wird." (derStandard.at, 3.3.2011)

Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.