Am Rubykon

27. Februar 2011, 20:51
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Inwiefern stellt die Einladung einer Sexarbeiterin zum Opernball eigentlich einen Skandal dar?

Donnerstag ist es so weit: Das "zweite nationale Kulturereignis neben dem Neujahrskonzert" steht an. Was Die Presse als hehre Hüterin der Hochkultur darunter versteht? Tatsächlich: den Opernball.

Die Stargäste des angeblichen "Künstlerballs" - TV-Darsteller, Ex-Fußballer, Boulevard-Verleger und andere debütierende Almdudler - werden wohl trotz der Begleitung des Baumeisters erscheinen. Walzerseligkeit unter Protest, sozusagen. Anzunehmen ist auch, dass sie das Dekolleté von Silvio Berlusconis liebstem Escortgirl aufmerksam beäugen werden: Man will ja informiert sein, wenn endlich einmal echt etwas los ist.

Bloß: Inwiefern stellt die Einladung einer Sexarbeiterin zum Opernball eigentlich einen Skandal dar? Noch dazu, da die Damenspende heuer ganz offiziell ein Unterhöschen beinhalten wird: Die Republik schenkt aus der untersten Schublade - aber die Dirne, über die Berlusconi wirklich stolpern könnte, soll für die Veranstaltung nicht fein genug sein?

Wobei: Im Grunde ist Richard Lugners Coup pure, hohe Kunst. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Polizei alle Hände voll zu tun hatte, einen Haufen Anarchisten vom Sturm auf den Ball der Republik abzuhalten. Wie man es richtig macht, wie man dem Staat den Spiegel vorhält und ihn so nachhaltig zersetzt, zeigt Lugner als Anarchist im Frack vor. Dass er sich dessen nicht bewusst ist, schmälert seine Leistung nicht wirklich. (Severin Corti, DER STANDARD, Printausgabe, 28.2.2011)

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    Die Republik schenkt aus der untersten Schublade - aber die Dirne, über die Berlusconi wirklich stolpern könnte, soll für die Veranstaltung nicht fein genug sein?

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