Kongresswirtschaft will sich neu erfinden

27. Februar 2011, 18:57
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Weil die Finanz immer weniger Kongress-Spesen anerkennt, werden die Veranstaltungen tendenziell immer kürzer

Konferenzzentren müssen sich immer mehr einfallen lassen, um ihre Räume zu füllen.

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Wien - In der internationalen Tagungs- und Kongressbranche werden die Karten neu gemischt. Da sich immer mehr Städte in das einträgliche Geschäft mit Kongresstouristen einklinken, hat sich das Platzangebot europaweit zuletzt vervielfacht. Weil auch mehr gespart wird, ist nun Feuer am Dach.

Arbeitsgruppe soll helfen

"Alle, die in der Branche tätig sind, sollten sich an einen Tisch setzen und überlegen, wie man auf die Veränderungen reagieren kann", sagte der Chef von Österreichs größtem Konferenzzentrum, Thomas Rupperti vom Austria Center Vienna, dem STANDARD.

Vorbild könnte Berlin sein. Dort wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet. Unter Vorsitz von Bürgermeister Klaus Wowereit werden Ideen zur Weiterentwicklung des Kongressstandortes Berlin gesammelt. Die Hotellerie ist genauso dabei wie Flughafen, Verkehrsbetriebe und Kongresswirtschaft. Rupperti: "So etwas fehlt bei uns."

Initiativ werden müsste das Vienna Convention Bureau, eine Abteilung des Wien Tourismus zur Anwerbung von Kongressen. Die Hälfte der in Österreich ausgerichteten Tagungen und Fachkongresse findet in Wien statt.

Trend zur Kompaktheit

Büroleiter Christian Mutschlechner sieht keine Notwendigkeit für Veränderungen: "So wie wir in Wien derzeit aufgestellt sind, beneiden uns viele. Kongressveranstalter sagen, wenn wir in Wien angefragt haben, können wir das abhaken, es funktioniert."

Dass die Kongresse tendenziell kürzer und kompakter werden, bestreitet Mutschlechner nicht. "Touristische Rahmenprogramme werden zusammengestrichen, der Fokus liegt noch stärker als früher auf Fort- und Weiterbildung."

"Italien etwa verlangt einen elektronischen Nachweis über besuchte Vorträge, andernfalls werden Auslagen steuerlich nicht anerkannt", sagte Rupperti. Auch Sponsorengelder würden spärlicher fließen, Kongressteilnehmer müssten einen immer größeren Teil der Kosten selbst tragen.

Kein Platz für Parlamentarier

Ein Kongressgast gibt nach einer Erhebung aus dem Vorjahr im Schnitt 450 Euro pro Tag aus, ein Tourist nur rund 280 Euro.

Laut vorläufigen Zahlen war 2010 ein schwächeres Kongressjahr als 2009. Mutschlechner: "Wir hatten Glück, dass einige große Kongresse langfristig gebucht waren. So hat die Wirtschaftskrise weniger durchgeschlagen."

Als "unrealistisch" bezeichnete Mutschlechner Ideen, das Parlament könne während des Umbaus 2014 bis 2017 in ein Kongress- oder Messezentrum ausweichen: "Das abzulösen, was in der Zeit bereits gebucht ist, wäre Wahnsinn."

Im Austria Center, das in 17 Sälen bis zu 15.000 Personen gleichzeitig beherbergen kann, rechnet man heuer mit einer besseren Auslastung als noch 2010. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.2.2011)

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    Österreichs größtes Konferenzzentrum, das Austria Center Vienna (ACV), rechnet heuer mit einer besseren Auslastung als 2010.

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