Starke Frauen hat das Land

27. Februar 2011, 18:51

Was den Sieg einer Torfrau aus Innsbruck auf der Sprungschanze von Oslo nicht nur in sportlicher Hinsicht so besonders macht: Daniela Iraschkos WM-Gold am Holmenkollen hat neue Maßstäbe für den Begriff "Normalität" gesetzt.

Daniela Iraschko, die Torfrau des österreichischen Fußball-Vizemeisters Wacker Innsbruck, gewann am vergangenen Freitag bei der nordischen WM in Oslo eine Goldmedaille im Skispringen. Unter widrigen Wetterbedingungen setzte sie zwei Sprünge von jeweils 97 Metern in die Sprungbahn. - Gut für den Medaillenspiegel. Aber war da nicht noch etwas?

Zum einen: Die Übertragung im österreichischen Fernsehen war geprägt von männlichen Kommentatoren, aber wenig Peinlichkeiten. Nur einmal fand es der Co-Kommentator notwendig, auf die "hübschen Mädchen" hinzuweisen. Ansonsten stand deren Leistung im Zentrum professioneller Analysen. Man hatte insgesamt den Eindruck, dass hier in der Tat etwas Außergewöhnliches stattfindet. Selbst erfahrene, abgebrühte Bakken-Veteranen, wie ÖSV Springerchef Ernst Vettori oder der immer ehrliche Andi Goldberger zeigten sich ob des Erfolges dieser außergewöhnlichen Frau und Athletin nahezu gerührt.

Dazu kamen die im besten Sinne erfrischend naiv wirkenden Interviews, die Stellungnahmen der bewegten Eltern, der Papa mit altvaterischer, absolut logofreier Siebzigerjahre-Skihaube, freudig erregt, garantiert ungebrieft von irgendwelchen Sportpsychologen oder Mediencoaches ... und dann natürlich Daniela Iraschko selbst, aufgewühlt und fahrig, die kurz nach dem Sieg erklärt: "Und jetzt werd i schaun, dass i gsund werd, und dann Fußball spielen gehen". - Wohltuend authentische Bilder, unkalkulierte Aussagen,

All dies ließ einige Momente lang die Idee von einem anderen Sport aufblitzen, einem Sport, den Pierre de Coubertin, der große Ideengeber und Modernisierer der europäischen Bewegungskultur gegen Ende des 19. Jahrhunderts vielleicht im Sinn gehabt haben mag: Sport als pure unspekulative Freude an der Bewegung, an der fair erbrachten Leistung, am Dasein schlechthin - und damit auch Lichtjahre von dem entfernt, was eine andere ehemalige Ikone des männlichen nordischen Sports zurzeit repräsentiert. Walter Mayer nämlich, einstiger Wasa-Lauf-Sieger, Spitzentrainer, Grundsteinleger des österreichischen Langlaufwunders, Besessener des schönen Ausdauersports, der, mittlerweile verzweifelt und aufgedunsen wirkend, demnächst zusammen mit seinem einstigen Paradeathleten Michael Botwinow, ganz andere Kämpfe in einer ganz anderen Arena - dem Gerichtssaal - auszufechten hat.

Prinzip der Vielseitigkeit

Ein letzter Punkt: Spitzenleistungen gleich in zwei Disziplinen (Fußball und Skispringen) - auch damit verweist Daniela Iraschko ins 19. Jahrhundert, in die Zeit Coubertins zurück. In eine Zeit, in der es durchaus noch üblich war, in mehreren Sportarten gute Leistung anzustreben. Adolf Schmal (1872-1919) etwa, der viel zu wenig bekannte österreichische Radsportler, gewann bei den ersten Olympischen Spielen in Athen gleich drei Medaillen und ging auch im Säbelfechten an den Start. Oder Karl Schäfer: Der geniale Eiskunstläufer (1909-1976) gewann sieben WM-Titel und zweimal Olympiagold - und schaffte quasi nebenbei sieben österreichische Meistertitel im Brustschwimmen.

Vielseitigkeit und Draufgängertum, das waren die Coubertin'schen Ideale des zeitgenössischen "sports-" und "gentleman". Coubertin selbst war ein Adeliger, ein Baron, der trotzdem das bürgerliche Ideal der Leistung ins Zentrum seines Lebensprojektes stellte: die Verwirklichung der Olympischen Spiele, die demnach primär als ein emanzipatorisches und pädagogisches Projekt gedacht waren.

Trotzdem sollten Frauen darin zunächst keine Rolle spielen. Coubertin war Zeit seines Lebens immer gegen die aktive Teilnahme von Frauen an olympischen Wettkämpfen. Frauensport sei "inesthétique" meinte er, konnte sich mit dieser Position jedoch nicht durchsetzen. Schon 1900 bei den Olympischen Spielen in Paris gingen erstmals Frauen an den Start. Gleichberechtigt waren sie damit aber noch lange nicht. Denn sogar noch letztes Jahr bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver wurde das Skispringen der Frauen - und das, obwohl das Leistungsniveau bereits zweifellos extrem hoch war - aus fadenscheinigen Gründen nicht zugelassen.

Vor diesem Hintergrund hat Daniela Iraschko somit viel mehr erreicht als einen später kaum mehr wahrgenommen Eintrag in irgendwelche, bloß der nationalistischen Repräsentation dienenden Siegerlisten. Sie hat das riskante, bisher mit vermeintlich männlichen Attributen, wie etwa Mut oder Selbstüberwindung, besetzte Skispringen ein für allemal nicht nur symbolisch sondern auch real umgedeutet und damit dem Begriff "normal" eine neue Dimension hinzugefügt. Iraschkos WM-Sieg hat einen neuen Maßstab für Normalität im Sport gesetzt, der über das Skispringen, ja über das eigentliche soziale Terrain des Sports hinaus- und in das "reale" Leben hineinreicht und uns für einen Augenblick erahnen lässt, was es mit der Idee von einer egalitären Gesellschaft auf sich hat.(Rudolf Müllner, DER STANDARD Printausgabe, 28.2.2011)

Rudolf Müllner ist Sport- und Kulturhistoriker an der Universität Wien.

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    13 Postings
    ehnie
    00
    28.2.2011, 17:52
    Auf geht`s Iraschko!

    Yeah!

    Eine Freude zu lesen.

    ravenna
    20
    28.2.2011, 17:18

    Erfolg in mehreren Sportarten sagt vor allem sehr viel über das Leistungsniveau in diesen Sportarten etwas aus: Frauenfussball und Frauenschispringen.

    Man stelle sich einen unserer männlichen Schispringer als Torwart einer Bundesliga-Mannschaft vor oder umgekehrt.....

    Zweitgeist
    01
    28.2.2011, 17:07

    stark = gut
    schwach = schlecht
    im sport und in der wirtschaft ist die welt noch in ordnung.

    lemming0815
    01
    28.2.2011, 11:55
    Sie hat das riskante, bisher mit [...] männlichen Attributen, wie etwa Mut oder Selbstüberwindung, besetzte Skispringen ein für allemal nicht nur symbolisch sondern auch real umgedeutet und damit dem Begriff "normal" eine neue Dimension hinzugefügt

    bei allem respekt vor der leistung - aber ihr persönlich ist das nicht zuzuschreiben; jede andere weltmeisterin an ihrer stelle (und eigentlich die meisten die mitgesprungen sind) hätte ähnliches geleistet

    Aguirre74
     
    110
    28.2.2011, 07:49

    Der Seitenhieb auf den schmutzigen "männlichen nordischen Sport" musste ja wieder kommen. Dass unsere nordischen Frauen nicht spritzen, das zeigen die Ergebnisse. Und dass Frauen, wenns ums Geld geht, nicht anders reagieren als Männer beweisen die gedopten Eisläuferinnen. Diese Scheinheiligkeit, wenns um Männer/Frauen geht kotzt mich schön langsam an. Wenns ums Geld geht, spätestens dann, sind beide Geschlechter gleich.

    sljudanka
    14
    28.2.2011, 12:48
    Stimmt nicht. Frauen sind viel geldzentrierter und viel mehr auf Geld aus als Männer.

    Beweis: Frauen heiraten zu über 80% dem Gelde nach - es gibt nur wenige Frauen, die ihren Partner aus Gefühlen oder der Liebe wegen heiraten - sondern Frauen überlegen genau, WEN sie heiraten - aus materiellen Überlegungen!

    Männer dagegegen heiraten Frauen meist aus Liebe!!

    Die meisten Ärzte und Manager haben - materiell - schwächere Frauen - Ärztinnen und Managerinnen dagegen allermeist materiell zum. gleichwertige Männer!!

    Wieviel reiche und erfolgreiche Frauen gibt es ("Karrierefrau") die einen materiell unterlegenen Mann als Hausmann erhält?

    Das beweist: frauen sind materialistischer als MÄnner...

    super Typ
    10
    28.2.2011, 17:53

    Aber ist es nicht so, dass erfolgreiche Frauen durchaus Männer mit geringerem Einkommen heiraten würden, wenn es nicht die Männer wären, die damit nicht umgehen können, dass die Frau erfolgreicher ist als sie?

    ehnie
    10
    28.2.2011, 17:50

    Das Frauen materiell abgesicherte Männer heiraten (wollen) war die längste Zeit Überlebensstrategie.

    Ihre Aussage stimmt vom Statistischen her nicht ganz: seit dem letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts überwiegen die Liebesheiraten bei Frauen.

    Und erfolgreiche Frauen sind für Männer weniger attraktiv, deswegen haben sie oft gar keinen.

    salzmen1
    00
    wenn dem so ist,wie sie " schein 2 posten weshalb die Scheidungs und - Beziehungsraten??

    wieviel der frauen reichen scheidung ein bzw installieren scheidungen bevor sie sie einreichen ??

    % gefragt?

    die zahlen werden nicht mehr veröffentlicht,daß will schon was heißen!

    nennet man das objekttivität?
    ich verstehn schon, wer und welches frauenmagazin (einschließlich " welt der Frau " und deren management ), will sich mir so einen negativen besetzten thema beschäfftigen!

    Nur posetiv denken!

    als die männer die tabelle anführten wurde mit nacktem finger auf sie gezeiget!

    na schön die zeiten haben sich geändert!

    Diskriminierung, Ausgrenzung, gewalt an Männer auch wenn die Gewalt nur subtil is gibt es ja nicht, in femininen dominenen.

    ich wage zubehaupten;das weibliche geschlecht geht auf schächerer los!

    winterschläfer
    00
    28.2.2011, 16:30

    und wie belegen Sie Ihren Beweis?

    Shanajio
    01
    28.2.2011, 07:27
    Sport als pure unspekulative Freude an der Bewegung ...

    Genauso sollte es sein. Aber heutzutage träumen ja schon die 6jährigen Volkschulkicker von einem Millionenvertrag bei Real, Manu oder Bayern.

    Und zur Vielseitigkeit: In den US-Amerikanischen Colleges ist es durchaus üblich, dass sich ein Sportler einem Spring- und einem Fallsport widmet. D.h. auf den Colleges werden Meisterschaften in einem bestimmten Sport entweder nur in der Frühjahrs- oder Herbstsaison ausgespielt.

    Das wiederum ermöglicht Athleten, mehrere Sportarten auszuüben.

    Anders Dänken
     
    02
    27.2.2011, 21:50
    Sport statt nationaler "Sieg!"-Heuchelei

    Erfrischend un-kommerzialisierter Sport, erfrischende, sympathische Sportlerin, erfrischender, weil "anderer" Artikel - vielen Dank!

    "... bloß der nationalistischen Repräsentation dienenden Siegerlisten" - leider ist genau das der Fall.

    Ausgeflippter Lodenfreak
    12
    27.2.2011, 19:33

    Frauenschispringen ist halt noch Hobbysport und das wirkt sympathisch. Wenn der Sport breiter aufgestellt und die Dichte größer ist, wird das auch verschwinden, da mehr Geld und Professionalität zum Siegen notwendig sein wird.

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