"Bli bla blu" - und der "Freispruch" in der Schneekugel

27. Februar 2011, 18:35
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Aktionismus und skurrile Zwischenfälle im monatelangen Verhandlungsmarathon

"Je ne regrette rien", dröhnte es vom Vorplatz des Wiener Neustädter Landesgerichtes in den großen Schwurgerichtssaal. Und am nächsten, dem zweiten Verhandlungstag, legten die Demonstranten draußen noch mit "I want to break free" einen drauf.

Spätestens dann war klar, dass der "Tierschützerprozess" alles andere als eine normale Verhandlung werden würde. Doch das Gericht hatte sich ohnehin vorbereitet: einerseits mit erhöhten Sicherheitsmaßnahmen und strikt kontrollierten Platzkarten für die Zuhörer - und andererseits mit veganen Menüs in der Kantine.

Drinnen im Verhandlungssaal hatte Richterin Sonja Arleth zwar angekündigt, sie werde Aktionismus nicht zulassen - wenn Tierrechtsaktivisten monatelang vor Gericht stehen, kann das aber naturgemäß nicht lange halten. Schon bei der Abfrage der Generalien antwortete einer der Angeklagten auf die Frage nach den Namen der Eltern sponti-spontan mit: "Josef und Maria." Und als der Hauptangeklagte einmal den Eindruck hatte, die Vorsitzende sei unaufmerksam, ließ er in seine Aussage "Bli bla blu - ich glaub', Sie hör'n nicht zu" einfließen.

Vieles blieb auch lange unentdeckt - wie jene die Schneekugel, die tagelang auf dem Tischerl des Zeugenstands stand und in der "Freispruch" zu lesen war. Ein Antrag fiel hingegen gleich auf: Ein Angeklagter begehrte, seinen Hund in den Gerichtssaal mitnehmen zu dürfen, da "die Organisation eines Hundesitters für die Dauer des Verfahrens nicht praktikabel und auch nicht finanzierbar" sei. Was abgelehnt wurde.

Aufgefallen ist jüngst auch der Drittangeklagte, als er seine Haare grau angesprayt und aufgestellt hatte und so das Aussehen des umstrittenen linguistischen Gutachters Schweiger imitierte. Richterin Arleth ließ dies protokollieren, da diese "Form des prozessimmanenten Aktionismus" das Verfahren ins Lächerliche und Absurde dränge. Die Antwort des Drittangeklagten: "Ich glaub', das ist nicht mehr notwendig, das machen Sie schon selbst."

Haarig ging es im ersten Jahr des Tierschützerprozesses immer wieder zu - etwa bei der Aussage der verdeckten Ermittlerin "Danielle Durant", die nicht nur unter schwerem Polizeischutz im Nebenzimmer befragt wurde - sondern sich auch stets mit Perücke unkenntlich machte.

Der tagelange Streit um diese "kontradiktorische" Einvernahme eskalierte aber auch in einem ernsthaften Aktionismus: Als drei der Angeklagten unter Protest aus dem Saal stürmten, empörten sich ein paar Zuseher derart, dass sie von Polizeibeamten hinausgetragen werden mussten. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD; Printausgabe, 28.2.2011)

  • Zielgruppen-orientiertes Service in der Gerichtskantine: vegane Menüs für die Tierschützer.
    foto: standard/newald

    Zielgruppen-orientiertes Service in der Gerichtskantine: vegane Menüs für die Tierschützer.

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