Björgen hat den längeren Atem

27. Februar 2011, 18:36
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Die Norweger werden der Siege durch Marit Björgen nicht müde, aber auch nicht so richtig froh. Denn selbst die beste Langläuferin aller bisherigen Zeiten ist nicht flott genug, um fragwürdigen Ge­schicht­en enteilen zu können.

Die Fragen sind wohl berechtigt. Darf eine Frau, die offen eingesteht, dass sie ohne ein auf der Dopingliste stehendes Medikament nicht so erfolgreich wäre, zum Superstar der WM werden? Ja soll die nachweislich an Asthma Leidende überhaupt Spitzensport betreiben? Dies frugen die schwedischen Zeitungen Expressen und Aftonbladet ihre Leser, nachdem die Norwegerin Marit Björgens ihr zweites Langlaufgold am Holmenkollen geholt hatte. "Hetze gegen Gold-Marit", titelte daraufhin das norwegische Dagbladet.

Heute, nach den klassischen zehn Kilometern, wird Björgen ihre WM-Strichliste vermutlich zur Hälfte abgearbeitet haben. Die bisherigen Vorstellungen der 30-Jährigen aus Trondheim legten den Schluss nahe, dass sie tatsächlich als erste Langläuferin bei einem Großereignis alles gewinnt, was es zu gewinnen gibt.

Kein Wunder, dass die Konkurrenz stichelt, kein Wunder auch, dass die Norweger empört sind über die Diskussionen. Die Athletin selbst war gewappnet. Schon im Vorjahr, bei den Olympischen Spielen in Vancouver, war Björgens 2008 diagnostizierte Erkrankung und die im Jahr darauf durch den internationalen Skiverband (Fis) und die Welt Antidoping Agentur (Wada) genehmigte Einnahme des Medikaments Symbicort auf dem Tapet.

"Sie weiß, dass sie ohne Hilfsmittel nicht viel zu bieten hat", hatte die selbst wegen Dopings schon zwei Jahre gesperrt gewesene polnische Rivalin Justyna Kowalczyk über die dreimalige Olympiasiegerin gesagt. Vor der WM äußerte sich die Slowenin Petra Majdic ähnlich. "Kein Kommentar", entfuhr es Kowalczyk nach Rang zwei in der Doppelverfolgung am Samstag.

Der schwedische Mannschaftsarzt Magnus Dyborn soll inzwischen eingeräumt haben, dass die Hälfte seiner eigenen Athleten über ähnliche Ausnahmegenehmigungen verfügen. Asthma ist eine Massenerkrankung im Spitzensport, speziell im winterlichen Ausdauerbereich.

Nutzen ohne Schaden

Die Norweger argumentieren spitzfindig, dass die Einnahme von Symbicort Björgens Atemwege nur reinige, nicht aber erweitere, was dann als Doping anzusehen wäre. "Es würde ihr nicht nützen, wenn sie nicht krank wäre", sagte Björgens ehemaliger Coach Svein Tore Samdal.

Björgen selbst spricht lieber von ihrem immensen Trainingspensum, der perfekten psychischen und physischen Betreuung, der Unterstützung durch das Publikum und ihrer ausgefeilten Technik. Die preist auch der deutsche Bundestrainer Jochen Behle: "Sie ist die beste Langläuferin, die die Welt bisher gesehen hat." Besser noch als die Russin Jelena Välbe, die es in ihrer Karriere auf 14 Goldene bei Weltmeisterschaften und drei Olympiasiege brachte.

Und die Welt wird Björgen noch lange sehen. Sie habe ja durch ihre Erkrankung so viele mögliche Triumphe versäumt. Die WM 2013 in Val di Fiemme und Olympia 2014 in Sotschi will sie in jedem Fall noch mitnehmen. Erst dann gedenkt sie sich mit ihrem Partner Fred Börre Lundberg, Olympiasieger in der nordischen Kombination 1994, zurückziehen auf einen Bauernhof bei Trondheim. Bis dahin hat sie noch viele Diskussionen zu gewärtigen. (Sigi Lützow aus Oslo, DER STANDARD Printausgabe 28.02.2010)

 

  • Die natürlich großartige Marit Björgen liefert den Beweis, dass auch 
kranke Menschen vor Goldmedaillen nicht gefeit sind.
    foto: epa/grzegorz momot poland

    Die natürlich großartige Marit Björgen liefert den Beweis, dass auch kranke Menschen vor Goldmedaillen nicht gefeit sind.

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