"Wir wollen den Glamour von Wikileaks nicht mehr"

27. Februar 2011, 18:22
73 Postings

Wikileaks brachte der Welt mehr Transparenz - Openleaks wird dennoch anders, sagt Daniel Domscheit-Berg

Standard: Sie waren die zweite Hälfte von Wikileaks, bis Sie im Streit mit Julian Assange absprangen. Vermissen Sie Wikileaks?

Domscheit-Berg: Nein, das kann man so nicht sagen. Ich denke gerne an die alte Zeit, als es noch gut und transparent bei Wikileaks ablief. Aber jetzt bin ich sehr mit meinem neuen Projekt Openleaks beschäftigt, das bald startet.

Standard: Was soll der Unterschied zu Wikileaks sein?

Domscheit-Berg: Wir wollen nicht mehr selbst publizieren und wollen auch all den Glamour von Wikileaks, für den Julian stand, nicht mehr. Wir konzentrieren uns nur darauf, eine Technologie bereitzustellen, mit der Quellen und Dokumente anonym und sicher an Medien oder nichtstaatliche Organisationen weitergegeben werden können. Diese können dann das Material veröffentlichen. Wir sind nur neutrale Mittelsmänner, wenn man so will eigentlich nicht mehr als ein Service-Provider.

Standard: Wozu braucht man Openleaks dann? Informanten könnten sich gleich an Medien oder Amnesty International wenden.

Domscheit-Berg: Nur wir können sicherstellen, dass für die Quellen absolute Anonymität gewährleistet wird. Das unterscheidet uns auch von Wikileaks: Wir wollen nicht mehr Schlagzeilen produzieren als die Dokumente selbst.

Standard: Was bleibt für Sie von Wikileaks, von der Grundidee?

Domscheit-Berg: Das größte Verdienst von Wikileaks und auch Julian ist, dass ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von mehr Transparenz in der Welt geschaffen wurde. Dieses Bewusstsein kommt heute über die 20-Uhr-Nachrichten in die Wohnzimmer der Menschen. Transparenz wird immer wichtiger.

Standard: Julian Assange wird nun in Schweden der Prozess gemacht, es geht um den Vorwurf der Vergewaltigung. Verfolgen Sie das?

Domscheit-Berg: Ich verfolge es beiläufig. Ich habe ihm immer gesagt, er solle sich dem Ganzen stellen und es hinter sich bringen. Aber davon wollte er zunächst nichts wissen. In Wirklichkeit kann er froh sein, nach Schweden zu kommen.

Standard: Wie meinen Sie das?

Domscheit-Berg: Wenn er an die USA ausgeliefert werden sollte, müssten jetzt schon England und Schweden zustimmen. Das macht es schwieriger. Wenn ihm in den USA wegen seiner publizistischen Tätigkeit bei Wikileaks der Prozess gemacht wird, dann wäre das ein verheerendes Signal für die Pressefreiheit und würde das Vertrauen in Medien erschüttern.

Standard: Als Sie Wikileaks verließen, nahmen Sie Dokumente mit, die der Plattform anvertraut worden waren. Wo sind die jetzt?

Domscheit-Berg: Sie sind an einem sicheren Ort, bei Wikileaks waren sie es nicht. Wir können jederzeit eine Übergabe machen. (Birgit Baumann, DER STANDARD/Printausgabe, 27.2.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Daniel Domscheit-Berg (32) ist Informatiker und baute Wikileaks mit auf. Von 2009-2010 war er neben Julian Assange Sprecher der Plattform. Darüber und den Bruch schrieb er "Inside Wikileaks". Domscheit-Berg lebt in Berlin, heute nimmt er ab 19.30 Uhr am Standard-Montagsgespräch im Haus der Musik, Seilerstätte 30, 1010 Wien, teil.

Share if you care.