Morgenstern und der goldene Schweif

27. Februar 2011, 18:13
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Nach zwei WM-Triumphen innert 24 Stunden, nach Gold im Solo und im Team, ist Thomas Morgenstern medaillenmäßig der erfolgreichste Skispringer, den Österreich je gesehen hat.

Oslo - Die Feierlichkeiten waren dem Ereignis unangemessen kurz ausgefallen. Das Fässchen gesponsertes Bier im Hotel der Österreicher blieb halb voll nach Thomas Morgensterns Triumph auf der Normalschanze und der Silbernen von Andreas Kofler. Es wäre sicher auch dann nicht geleert worden, wenn Gregor Schlierenzauer, der enttäuschte Achtplatzierte, im Gegensatz zu Sportminister Norbert Darabos mitangestoßen hätte. Das wollte der 21-Jährige, der zudem unmittelbar nach dem Springen als einziger nichts zu sagen gewusst hatte, aber nicht.

Dabei, glaubt man Norwegens Trainer Mika Kojonkoski, hat gerade der Stubaier viel beigetragen zum ÖSV-Doppelsieg auf dem Midtstuenbakken. 110 Meter hatte Schlierenzauer im Probedurchgang vorgelegt, angeblich auch beflügelt durch einen zu großen Anzug. Das wäre prinzipiell nicht verboten, aber doch immerhin nach Kojonkoskis Dafürhalten ein fragwürdiger Trick gewesen, um die besorgten Verantwortlichen zur extremen Anlaufverkürzung für die Konkurrenz selbst zu verleiten. Und - das lehrt das Einmaleins der Skispringerei - je kürzer der Anlauf, desto eher gewinnen, zumal bei schwierigen Bedingungen, die Favoriten. ÖSV-Sportdirektor Ernst Vettori stritt seine Mitwisserschaft ab. Die von Kojonkoski lancierte Geschichte sei "ja auch egal".

Legende Morgenstern

Wohl wahr, denn wer sonst als Thomas Morgenstern hätte gewinnen sollen am Samstag? Der Kärntner hat in dieser Saison schon die Vierschanzentournee und den Weltcup eingesackt. Sein allererstes Einzelgold bei Weltmeisterschaften vervollständigte den Grand Slam, der noch keinem Skispringer gelungen ist. Und der 24-Jährige gesellte sich auch zu den Legenden Matti Nykänen, Jens Weißflog und Espen Bredesen, die allesamt für sich selbst Weltmeister, Tournee-, Weltcup- und Olympiasieger waren. "Hört sich schön an", sagte Morgenstern bei Nennung dieser Namen.

"Schön", "ehrenvoll", "wunderbar" waren für ihn auch die Akklamationen der Zuseher, die Gratulation und die Plauderei mit dem König, die Siegerehrung vor 50.000 Entfesselten gewesen.

Um das alles genießen zu können, habe auch die größte Karriere-Enttäuschung nachträglich Sinn gemacht. Der Sturz im zweiten Durchgang des Normalschanzenbewerbes anlässlich der WM in Liberec 2009 ist gleichsam im Finish auf dem Holmenkollen mitgeflogen. Morgenstern hat während der wenige Sekunden dauernden Luftfahrt daran gedacht und eine sichere Landung zu Gold vorgezogen. Gereicht hat es leicht, 9,1 Punkte Vorsprung sind auf der Normalschanze eine Welt.

Ein Universum legten die Österreicher am Sonntag zwischen sich und die Konkurrenz. Schlierenzauer (zweimal in Sturzgefahr), Martin Koch, Kofler und Morgenstern gewannen als Team auf der Normalschanze 25 Punkte vor dem norwegischen und 57,3 Zähler vor dem deutschen Quartett.

Morgenstern zog dank des insgesamt siebenten Team-WM-Goldes für Österreich mit Wolfgang Loitzl, dem bisher erfolgreichsten ÖSV-Nordischen bei Weltmeisterschaften gleich (sechsmal Gold, einmal Bronze). Der steirische Weltmeister von Liberec, an der Titelverteidigung grandios gescheitert, wird am Holmenkollen nicht mehr zum Zug kommen, während Morgenstern auf der Großschanze zwei weitere Chancen hat. Was bleibt jetzt noch zu gewinnen, ward er gefragt. "Der Alpencup fehlt mir noch", antwortete Morgenstern keck. "Aber dafür bin ich leider schon zu alt."(DER STANDARD Printausgabe, 28.2.2011)

  • Die ÖSV-Springer wurden ihrer Favoritenrolle gerecht.
    foto: der standard/gindl

    Die ÖSV-Springer wurden ihrer Favoritenrolle gerecht.

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