Wut auf Maliki einigt Iraker

27. Februar 2011, 17:50
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Tote bei Protesten gegen gewählten Ministerpräsidenten

Bagdad/Wien - "Zuerst haben die Leute gegen Korruption und Misswirtschaft demonstriert", schreibt die Menschenrechtsaktivistin Shirouk al-Abayachi aus Bagdad dem Standard, "aber jetzt richten sie sich direkt gegen Maliki" - den irakischen Premier, der aus freien Wahlen vor einem Jahr zwar nicht als Sieger, aber als knapper Zweiter hervorgegangen ist und im Dezember eine Regierung bildete (die allerdings noch immer nicht ganz fertig ist).

Theoretisch haben ja die Iraker politisch bereits alles, worum die anderen in der arabischen Welt noch kämpfen. Dennoch haben mit dem Umsturz in Tunesien sofort auch hier Demonstrationen eingesetzt und eine blutige Wende genommen. Laut Abayachi wurden an diesem Wochenende zwanzig Demonstranten erschossen - die offizielle Zahl liegt natürlich tiefer. Gleich in mehreren Städten wurde protestiert, wobei Demonstranten auch versuchten, offizielle Gebäude zu stürmen.

Die Regierungskritiker sind deshalb so sehr gegen Nuri al-Maliki persönlich aufgebracht, weil er am Donnerstag in einer Rede die regelmäßigen Demos und den "Tag des Zorns" am Freitag als von Baathisten (die Anhänger der Partei des hingerichteten Diktators Saddam Hussein) und Al-Kaida organisiert bezeichnet hatte. Der Schiit Maliki, der in seiner zweiten Amtszeit ist, lässt öfters autokratische Züge aufblitzen. Er regiert gerne an Institutionen vorbei und hält eine eigene Miliz.

Maliki versuchte die Demonstrationen am Freitag durch ein totales Fahrverbot zu verhindern, wobei ihm zur Enttäuschung vieler Ayatollah Ali Sistani, die auch von vielen Säkularen respektierte höchste schiitische Instanz im Irak, zu Hilfe eilte und gegen die Proteste sprach. Dennoch gingen gerade sozial schwache Schiiten auf die Straßen, viele nahmen dafür stundenlange Fußmärsche nach Bagdad in Kauf.

Aber auch im kurdischen Nordirak - der nach 2003 viel ruhiger und erfolgreicher war als der Restirak - gingen die Menschen auf die Straße, besonders im von der PUK (Patriotische Union Kurdistans) von Staatspräsident Jalal Talabani regierten Suleymaniya. Auch in Kurdistan gibt es mehrere Tote.

Der Schock sitzt tief, dass es im befreiten Irak so weit kommen konnte. Die gute Seite, sagt Abayachi, ist, dass "wir seit Freitag wieder Iraker sind, und nicht mehr Schiiten, Sunniten und Kurden". (Gudrun Harrer, STANDARD-Printausgabe, 28.02.2011)

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