Am Sonntag riefen vorerst anonyme Oppositionelle die Chinesen zum zweiten Mal auf, im Zeichen des Jasmin durch 23 chinesische Städte zu flanieren - Die Sicherheitsbehörden reagierten mit aller Härte
Im Liang-Ma Blumengroßmarkt werden selbst im Winter Orchideen aus allen
Teilen Chinas verkauft. Jasmin-Sträucher aber sind nicht im Angebot.
Nordchina liebt die duftenden Blüten weniger als der Süden. "Wir haben
dafür keine Nachfrage. Erst ab Mai kriegen wir die Blüten", sagen die
Verkäuferinnen. "In Peking ist die Zeit noch nicht für sie da."
Politisch hat "Jasmin" dagegen Hochsaison. Der Begriff ist im Internet
zur von den arabischen Revolutionen übernommenen Chiffre für Forderungen
von Bürgerrechtlern nach politischen Reformen geworden. Anonyme Aufrufe
an die Öffentlichkeit über Mikroblogs und die chinesische US-Website
Boxun.com, sich Sonntagnachmittag zum Jasmin-Stelldichein einzufinden,
versetzen Pekings Polizei in nervösen Ausnahmezustand. Dabei steht nur
Harmloses in den neuen Blogs, von denen immer noch keiner weiß, wer sie
geschrieben hat, so wie schon am Sonntag davor. Alle sollen sich im
Zeichen des Jasmin auf dem Platz vor der McDonald's-Filiale in der
Haupteinkaufstraße Wang Fujing einfinden.
Diesmal haben die Behörden aber vorgesorgt. Die U-Bahn-Stationen wimmeln
vor Polizisten. Hundertschaften haben sich über die Fußgängerzone der
Wang Fuqing verteilt. Zufällig musste die Stadt auch noch den Platz vor
dem Schnellimbiss wegen dringender Rohrarbeiten mit einer großen
Baustelle versperren.
Zwei deutsche TV-Teams werden vorübergehend festgesetzt, damit sie nicht
filmen können. Pekinger Journalisten, darunter auch der
Standard-Korrespondent, werden schon auf den Zugangsstraßen gestoppt.
Ihre Personalien werden aufgenommen und sie werden gewarnt, auf der
Wang-Fujing-Straße Passanten zu interviewen. Am Tag zuvor hatte die
Polizei Journalisten einbestellt, um ihnen diese Botschaft zu
vermitteln: Sie dürften niemanden fragen, der ihnen nicht vorab
Genehmigung erteilt hat.
Eine Woche vor Beginn des Volkskongresses liegen die Nerven in Peking
blank. Die Partei mobilisiert Polizisten im ganzen Land, nachdem im
Internet diesen Sonntag Jasmin-Treffpunkte in 23 Städten genannt wurden.
Eine Woche davor, am 20. Februar, waren es erst 13 Städte gewesen.
Sonntag nahmen die Behörden in Schanghai und Peking sechs Personen fest.
Verschleppte Anwälte wie Teng Biao, Tang Jitian oder Jiang Tianyong
blieben verschwunden. Chinas höchster Sicherheitspolitiker Zhou Yongkang
befahl nach dem ersten Jasmin-Aufruf "Konflikte im Keim aufzulösen."
Selbst die erste Zeile eines populären Volkslieds ist seither
unerwünscht: "Hao Yi Duo Mo Li Hua, Oh schöner Jasmin". (Johnny Erling aus Peking, STANDARD-Printausgabe, 28.02.2011)