Atemloses Doppelleben auf zwei Bühnen

27. Februar 2011, 17:15
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Löhles "Unsicherheit der Sachlage" am Landestheater

St. Pölten - "Ich weiß nur, ich bin gefährlich, und sie müssen mir helfen, etwas dagegen zu unternehmen", sagt Jan C. Schmidt, der Mann, der vielleicht ein Terrorist ist. Mittendrin statt nur dabei erlebt er in Die Unsicherheit der Sachlage die Härte des Alltags. Bald fühlt er sich verantwortlich für Brände, Explosionen und Busunfälle. Nur: Niemand nimmt seine Geständnisse ernst. Nicht einmal die Polizei möchte etwas gegen die von Jan ausgehende Gefahr unternehmen.

Autor Philipp Löhle aus Ravensburg ist auf dem Weg nach oben, seit 2005 sein erstes Stück uraufgeführt wurde. Mit Die Unsicherheit der Sachlage ist ihm ein gut verdauliches Philosophiestück in Umgangssprache gelungen, das seit Samstag am Landestheater Niederösterreich zu sehen ist. In Steffen Jägers temporeicher und musiklastiger Inszenierung ist Timing alles. Er hat das Geschehen auf zwei von Sabine Freude gestaltete Bühnen verteilt, und wären da mehr als vier Schauspieler (Julia Schranz, Philipp Brammer, Oliver Rosskopf, Hendrik Winkler) - es entstünde ein heilloses Gewühle.

Doch nein: Der unverdeckte Wechsel von Rollen, Kleidung und Ort ist perfekt koordiniert. Anstatt der Guckkastenbühne, die einen vollendeten Ort vorgaukelt, ist die Szenerie hier Mittel zum Zweck: Beim Sprechen zieht sich Oliver Rosskopf um und hechtet los, um auf der anderen Seite seinen Einsatz als Tangotänzer nicht zu verpassen. Dass um die Theatertricks kein Hehl gemacht wird, ist anfangs erfrischend, allerdings bald zu viel des Guten: Als Björn und Robert mitten im Gespräch in Walkie-Talkies kichern, um die Ignoranz im provisorischen Polizeirevier auf der anderen Seite zu unterstreichen, wünscht man sich die Kontinuität zurück. Aber hier geht es ja gerade um die Unsicherheit, und die transportiert eine lose definierte Rollenverteilung optimal. Mit erstaunlicher Leichtigkeit fügt sich alles zusammen.

In der Pause wechseln die Zuschauer die Lager. Wer Angst hat, durch die Raumteilung etwas zu verpassen, sei hiermit beschwichtigt: Um auch noch mit der einfachsten Theatertradition zu brechen, geht das einstündige Stück zweimal über die Bühnen. Obwohl und gerade weil man immer Blicke durchs Glas erhascht, bewirkt die Doppelaufführung einen Aha-Effekt, anstatt zu langweilen. Am Schluss sitzen vier Jans auf der Bühne, mit Mütze und Wollpullover, und warten auf den großen Knall. Und nur der ist sicher. (Lisa Marie Arnold, DER STANDARD - Printausgabe, 28. Februar 2011)

Bis 16. März ist das Stück in der Theaterwerkstatt zu sehen.

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