Plagiatsaffäre

Wissenschaft fürchtet schlechtes Beispiel Guttenbergs

27. Februar 2011, 16:23

Deutsche Forschungsgemeinschaft: Kein Kavaliersdelikt

Berlin - Deutsche Spitzenwissenschaftler und der Deutsche Kulturrat fürchten durch die Affäre um den deutschen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) negative Wirkungen auf Wissenschaft und Achtung des geistigen Eigentums. Plagiate seien kein Kavaliersdelikt, mahnte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).

Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, forderte Merkel auf, "deutlich zu sagen, dass Raubkopieren auch weiterhin kein Kavaliersdelikt ist, egal ob sie an ihrem raubkopierenden Bundesverteidigungsminister festhält oder nicht". Zimmermann äußerte am Sonntag in Berlin die Befürchtung, "dass durch ein schlechtes Vorbild illegales Kopieren noch hoffähiger gemacht wird".

"Keine Kavaliersdelikt"

Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Matthias Kleiner, warnte davor, Plagiate in der Wissenschaft als Kavaliersdelikt zu verharmlosen. Geistiges Eigentum in der Wissenschaft sei genauso wertvoll wie materielles Eigentum, sagte Kleiner dem Berliner "Tagesspiegel" vom Samstag. Der frühere DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker sagte dem "Spiegel", Guttenberg stehe wissenschaftlich "für immer am Pranger".

Der Bayreuther Jura-Professor Oliver Lepsius, der den Lehrstuhl von Guttenbergs inzwischen emeritierten Doktorvater übernommen hat, sagte der "Süddeutschen Zeitung" vom Samstag: "Wir sind einem Betrüger aufgesessen". Guttenbergs Aussage, er habe in seiner Doktorarbeit ohne Vorsatz falsch zitiert, ließ der Jurist nicht gelten. "Der Minister leidet unter Realitätsverlust", sagte Lepsius der "SZ". "Er kompiliert planmäßig und systematisch Plagiate, und er behauptet, nicht zu wissen, was er tut. Hier liegt die politische Dimension des Skandals."

Guttenberg wurde von der Universität Bayreuth sein Doktortitel in Jura aberkannt, weil er im großen Umfang falsch zitiert hat. Der Minister bestreitet eine vorsätzliche Täuschungsabsicht. Trotz der Vorwürfe sprach sich in mehreren Umfragen für "Focus" und "BamS" eine Mehrheit der Befragten gegen einen Rücktritt Guttenbergs von seinem Ministeramt aus. Forsa-Chef Güllner sagte dazu im Deutschlandradio, Guttenberg habe ein so großes Sympathiepolster, dass es erst langsam schmilzt. Inzwischen gebe es aber schon "deutliche Sympathie-Dellen, und ich denke, dass dieses Sympathiepolster schon langsam, aber eben erst langsam abschmelzen wird". (red/APA)

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23 Postings
Der Gewissensbiß
00
Diese Art von Dreistigkeit dürfte weiter verbreitet sein als OttoNormal denkt!

Da meine ich gar nicht die sehr begrenzte Weisheit der Parlamentarier in Summa (nicht cum laute - mit der Klampfe begleitet).

Es wird plagiatiert was das Zeug hält - jede gute Idee des politischen Konkurrenten wird gestohlen - das gehört zum Ritual.

Fürchtegott Dreist
01
28.2.2011, 12:47

Wenn schon ein Gutenberg bei der Erfindung des Buchdrucks ganz vorne dabei war,
dann ist es nur stimmig, dass ein Guttenberg an prominenter Stelle beim Abschreiben aus Büchern mit dabei ist.
Also ICH würd' den Herrn SOFORT zum Wissenschaftminister bestellen, aber die Deutschen wollen halt nicht gerne von uns Ösis lernen

Fritz Meyer
04
28.2.2011, 10:50
Was macht eigentlich der deutsche Bundespräsident?

Wurde der vom Erdboden verschluckt?

Oder hält er jetzt brav den Mund, weil auch bei ihm das Gewissen mit dem Parteibücherl vertauscht wurden?

So wie bei der Bildungsministerin Schavan, die sich lieber hinter Platitüden versteckt und damit im Endeffekt schon genauso rücktrittwürdig wie der Herr Baron von und zu "Googleberg" ist.

Nur ist die im Gegensatz eine richtige Wissenschaftlerin und sollte auch wissen, wie unfair ein solcher Betrug gegenüber den Ehrlichen ist. Und wie gross die Schande, wenn Doktorväter und Institute ganz offensichtlich beide Augen zudrücken, damit Parteispezis und Spender auch weiterhin grosszügig bleiben.

Genom
41
28.2.2011, 10:29
Nun, wer noch nie abgeschrieben oder Ideen geklaut hat darf Steine werfen.

Kollegen brüsteln sich mit Ideen, die ich ihnen vor einer Stunde mühsam erklärte.

Das Problem, die Hälfte wurde nicht verstanden - Angeber, aber keine Plagitateure.

Der zu Gutte hat ja abschreiben lassen, meine Vermutung.

Thank God I'm A Country Boy
02

Das ist ne Doktorarbeit, nicht die Mathehausübung.

Ich beschwere mich ja auch, wenn ein Einbrecher meine Wohnung ausräumt, auch wenn ich schon mal die Sonntagszeitung gestohlen hab.

jMor
 
12
28.2.2011, 10:17
Der Grund warum das Volk das ganze nicht so ernst nimmt und ihn trotzdem toll findet:

Der Großteil kann mit Doktorarbeiten e nix anfangen und findet das ganze unnötig und elitär.

Grammelschmalzbrot
90
28.2.2011, 08:31
Ich verstehe schon weshalb man um diese Geschichte nicht soviel aufhebens machen sollte ...

... den wenn man alle Dr. -Arbeiten mal genauer unter die Lupe nehmen würde, würden wir unser blaues Wunder erleben!

;-)

RS69
 
01

Das würde dann die anderen aufwerten - keine schlechte Idee.

Thank God I'm A Country Boy
01

Und.. selbst wenn, was ich zu bezweifeln wage, was ändert das dran, dass Herr Guttenberg ein Betrüger ist?

Grammelschmalzbrot
00
Das bedeutet eigentlich nur das er kein Einzelfall in der akademischen Gemeinschaft ist

Ich selber habe schon erlebt das Dissertationen und Diplomarbeiten fast eins zu eins kopiert wurden.

Ron Rik
10
28.2.2011, 00:10
Schon Gutenberg kopierte und das nannte man dann Druck ...

und Guttenberg tat doch nur das selbe ... Hätte er alle Referenzen angeführt - kein Problem. Für einen Doktortitel sollte man grundlegend Neues präsentieren, ach nein, dafür gibts ja schon einen Nobelpreis! Was Guttenberg gemacht hat, war dumm - wie sich die Wissenschaft mit fremden Federn schmückt, ist lächerlich. So könnte ich für jedes Gebiet eine korrekte Doktorarbeit verfassen, wenn ich mich ausreichend einlese und dann zu einem Thema die beste Synthese aus gekennzeichneten Zitaten zusammentrage.

Nick Tameer
01

Gutenberg hätte sich aber aus gutem Grund davor gehütet, zu behaupten, er hätte die Bibel selbst geschrieben.

MIP1
01
28.2.2011, 11:06

Wenn Sie mit einer Zitatensammlung durchkommen wollen, müssen Sie sich die richtige Flasche als Betreuer suchen.

Zur Abschreckung von möglichen Nachahmungstätern bietet sich eine Liste von Sanktionen an: Zum Beispiel studienrechtliche Beschränkungen (dann wird's schwer, das Doktorat nachzuholen), strafrechtliche Sanktionen (ungefähr entsprechend einem schweren gewerbsmäßigen Betrug), Strafgebühren (wegen der Aufwendungen, die die Universität gehabt hat). Wenn das an ein paar Fällen exemplarisch durchgezogen wird, wird es wohl wirken.

.MS.
02
28.2.2011, 10:13
"Hätte er alle Referenzen angeführt - kein Problem"

Wer behauptet denn das? Hätte er das getan wäre die Arbeit nicht angenommen worden, weil sie beinahe eine reine Zitat-Sammlung ist. Und das genügt eben nicht den Ansprüchen einer wissenschaftlichen Arbeit.

BK W. Shoyssel
02
28.2.2011, 00:47

stimmt nicht ganz: eine Doktorarbeit muss schon ein bisschen mehr sein, als die Aneinanderreihung von Zitaten. Auch bei korrekter Zitierweise langt's wahrscheinlich nichz. Was bleibt denn von Guttenbergs (Writer) Arbeit nach Abzug von Inhaltsangabe, Anhängen und Zitaten noch viel übrig?

Anna Bolena
01
27.2.2011, 21:47
Hiezu ein sehr interessanter Artikel:

http://www.spiegel.de/politik/d... 09,00.html

BioLex .
00
27.2.2011, 20:21

schade dass seine Defensio wahrscheinlich nicht aufgezeichnet wurde (weiß jemand mehr?)

und warum hat er sich auch nicht mit dem Dr. h. c. zufriedengegeben?

Zamperl
00
28.2.2011, 15:03
Doctor honoraris causa oder Doctor humoris causa?

double standard
02
27.2.2011, 17:44

guttenberg ist ja sowas wie ein ritter und ein delikt dass ein ritter begeht ist per definition ein kavaliersdelikt

Herr Plumm
05
27.2.2011, 17:14

es soll ja leute geben die in 3-6 monaten eine diss in fächern wie wirtschaft oder juss machen... fragt sich da eigentlich keiner, ob da alles mit rechten dingen zugegangen ist?

dr. kokos
 
01
27.2.2011, 21:28

im zeitalter vor dem internet war es sicherlich einfacher, plagiate in wiss. arbeiten zu verstecken, weil eine lückenlose kontrolle durch den betreuer zuviel aufwand gewesen wäre. heute sollte man allerdings alle arbeiten auf plagiate überprüfen, der fall guttenberg hat uns gezeigt, wie schnell das gehen kann. und man sollte das durchaus auch auf vergangene arbeiten ausdehnen, zumindest auf jene von noch lebenden personen. und dann nach kräften akad. grade aberkennen, damit hier ein wiss. selbstreinigungsprozess und eine generalprävention durchgeführt wird!

Optimistin1951
01
28.2.2011, 06:49

An der Universität Wien werden seit Sommer 2008 alle wissenschaftlichen Arbeiten (Diplom-, masterarbeit, Dissertation) einer Plagiatsprüfung unterzogen.

KleinerDrache80
01
28.2.2011, 13:06
Ja,

das Problem stellt die bescheidene Trefferquote dieser Überprüfungen dar. Positiv ist natürlich, dass die Motivation bei Studierenden steigt, selbst zu schreiben - sei's auch nur aus Angst, sonst erwischt werden zu können.

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