Wieder zu Hause

27. Februar 2011, 17:53
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Edwyn Collins' Biografie ist mit einem Welthit und zwei Schlaganfällen dramatisch - Nach 15 Jahren Pause gastierte der Schotte mit seiner Band am Wochenende in Wien und Graz - am Montag spielt er in Linz

Wien - Als sich Edwyn Collins während der ersten Zugabe erhob, war das ein kleiner Triumph. So wie in der Werbung: Was wären die großen Erfolge ohne die kleinen? Da stand er, grinste, tänzelte etwas ungelenk, winkte mit dem Stock und humpelte von der Bühne. Die Band spielte weiter. Mit seinem 1990er-Welthit A Girl Like You empfahl sich Edwyn Collins fürs Erste.

Da konnte man kaum nicht gerührt sein. Denn wohl jeder im Saal kannte die Geschichte dieses Säulenheiligen der britischen Independent-Szene. In den frühen 1980ern verzeichnete der heute 51-jährige Schotte mit der Band Orange Juice einige Hits, nach deren Ende ging er einer wenig erfolgreichen Solokarriere nach - bis er 1994 das Album Gorgeous George veröffentlichte.

Darauf befand sich A Girl Like You, das in den folgenden zwei Jahren in einem dutzend Hitparaden weltweit vorn zu finden war und aus dem sympathischen Underdog einen wohlhabenden sympathischen Underdog machte.

2005 erlitt Collins dann zwei Schlaganfälle hintereinander. Gelähmt und reduziert auf einen Wortschatz von vier Wörtern, kämpfte er sich mithilfe seiner Frau zurück in sein Leben. Er lernte wieder zu sprechen, wieder zu gehen, wieder Musik zu machen. 2007 stellte er ein Album fertig, das er vor den Schlaganfällen begonnen hatte, 2010 folgte mit Losing Sleep das eigentliche Comeback-Album.

Das Schöne daran war und ist: Man muss Collins Wiederkehr nicht aus Sentimentalität toll finden. Es ist seine Musik, die immer noch bestechend gut ist: ökonomisch, melodieverliebt, beseelt.

Und mittlerweile ist auch die pophistorische Wirkung Collins' gewürdigt und quasi amtlich bestätigt. Simon Reynolds Standard-Werk zur Post-Punk-Ära zitiert mit seinem Titel Rip It Up And Start Again einen Orange-Juice-Song, und Bands wie Franz Ferdinand wären ohne Orange Juice schwer vorstellbar.

Mit dieser Geschichte im Rücken ist Collins mitsamt seiner Familie zurzeit auf Europatour. Am Samstag spielte er im ausverkauften Porgy & Bess - und es war ein wenig wie im Titelsong seines 2007er-Albums: Home Again, das Collins gegen Ende sang, begleitet nur von einer akustischen Gitarre. Denn als die Welt an Collins kaum Interesse zeigte, gab es ausgerechnet in Wien eine ergebene Fan-Community, deren geistiges Oberhaupt - Werner Geier von der Ö3-Musicbox - immer wieder Collins-Konzerte einfädelte. Collins, ein Mann von Ehre, widmete Geier an diesem Abend den Song Make Me Feel Again.

Wieder zu Hause, bei einem Heimspiel in der Fremde, arbeitete Collins mit einer Band, die wie aus der Lumpensammlung der letzten 40 Jahre Popkultur entnommen wirkte: Ein Gitarrist sah aus wie Robinson (der vom Waterloo), einer wie Kurt Cobains Sohn und mit Paul Cook von den Sex Pistols saß eine Legende am Schlagzeug. Und vorn, den Hut in den Nacken geschoben: der Held des Abends. Dessen Zwischenansagen klangen zwar etwas eckig, aber wenn er sang und mit seiner Linken kleine Gesten von großer Dramatik vollführte, wirkte er wie ein Fisch im Wasser - obwohl seine Rechte gelähmt ist.

Doch Zeit für so etwas wie Mitleid gab's nicht. Die Band holzte durch Songs wie Humble oder What Is My Role vom jüngsten Longplayer, ohne deren Feinheiten zu vernachlässigen. Keyboards trugen an den richtigen Stellen Soul auf - oder nahmen sich zurück, wenn es um feingliedrige Stücke wie Don't Shilly Shally oder Wheels Of Love ging.

Zeitlose Qualität

Diese alten Lieder illustrierten neben den neuen die Qualität Collins': Sie klingen heute noch so modern wie vor 25 Jahren. Es sind intelligente und witzige Popsongs; so strapazierfähig, dass auch ein mitunter kläglicher Chorgesang der Band ihnen nichts anhaben konnte. Außerdem: Perfektion ist für Perfektionisten, aber Collins ist ein Soul-Man, weshalb der Show mitunter kleine Gospel-Momente innewohnten, in der Präsentation von Collins genauso wie in Stücken wie Over The Hill.

Over The Hill, das ist eine Autobiografie in drei Minuten, die den unbeugsamen Optimismus Collins' ebenso verdeutlicht wie sein Wissen um die eigene Unzulänglichkeit. Lakonisch, dennoch auf dem Punkt. Dazu eine Melodie für die Ewigkeit - ein Traum. (Karl Fluch, 28. Februar 2011)

Edwyn Collins live: 28. 2. Linz, Posthof 20 Uhr.

  • Nach über 15 Jahren wieder in Wien, bei einem Heimspiel in der Fremde:
Edwyn Collins und seine Band begeisterten am Samstag im ausverkauften
Porgy & Bess.
    foto: standard/robert newald

    Nach über 15 Jahren wieder in Wien, bei einem Heimspiel in der Fremde: Edwyn Collins und seine Band begeisterten am Samstag im ausverkauften Porgy & Bess.

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