"Unglaubwürdige" Beschwerden über Rassismus

27. Februar 2011, 09:40
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Warum manche Poster-Reaktionen und die von der US-Sängerin Angel Blue geschilderte Taxler-Beschimpfung gut ins Bild eines gesamteuropäischen Problems passen

Vergangene Woche wurde in diesem Blog ein Eintrag über eine gut qualifizierte Brasilianerin veröffentlicht, die - obwohl in einem mehrstufigen Auswahlverfahren als die Geeignetste identifiziert - in einem Wiener Unternehmensberatung einen Job am Empfang nicht bekam, weil sie "zu ausländisch" aussehe.

Dies wurde von einer Reihe Postern als unglaubwürdig abgetan. Ihnen sei hier ausgerichtet: Namen der Beteiligten - Personen wie Firma - sind der Redaktion bekannt, eine detaillierte Schilderung liegt vor. Die abgelehnte Jobbewerberin hatte eben Wert auf Wahrung ihrer Anonymität gelegt.

Doch die Reaktion "gut erfunden - stimmt nicht" ist leider keine Unbekannte, wenn es um Rassismus geht. Manchmal könnte man meinen, sie sei sogar mehrheitsfähig: Verbreitet unter Leuten, denen solche Schilderungen nicht ins Weltbild passen - die rassistische Zwischenfälle nicht so wichtig nehmen, das Diskutieren darüber als verzichtbar betrachten. Und anderen, die bei Schimpfereien auf Ausländer, Türken, Muslime, Frauen usw. in Öffis, an Wirts- und Kaffeehaustischen, beim Einkaufen, am Arbeitsplatz oder sonstwo die Ohren hochklappen: weil sie sich lieber erst gar nicht einmischen wollen. Und dann natürlich auch jenen, die in solchen Situationen mit stiller Genugtuung zuhören. Da rassistische Beschimpfung oder Ablehnung keine sichtbaren Spuren hinterlässt, ist die ganze Angelegenheit dann eben „nicht beweisbar".

Beweise für Angel Blue 

So wenig "beweisbar" wie das rassistische Wiener Nahtransport-Erlebnis, von dem die schwarze US-Sopranistin Angel Blue diese Woche berichtet hat; nähere Recherchen, um die Sache zu bestätigen oder auszuräumen, sind laut Wiener Taxiinnung ja nutzlos. Ein Fahrer im weißen Mercedes, so erzählte die Sängerin Medienvertretern, habe sie am 10. Februar um 21.30 Uhr mit den Worten "Get out of my car. I don't drive black women" aus dem Wagen geworfen.

Ein zweiter Taxler, ebenfalls schwarz, habe sie beruhigt, den rassistischen Kollegen zur Rede gestellt, mit ihm einen Streit angefangen - am Standplatz Oper/Kärntner Straße, wo um halbzehn Uhr abends dutzende Kino- und Beislgeher vorbeiflanieren. Anschließend sei der Mercedesfahrer in seinem Wagen davongebraust.

Und das soll nicht rekonstruierbar sein? Zentraler Ort, belebter Gehsteig, lautstarker Streit: Mit ein wenig Willen sollten sich da durchaus Zeugen finden: der hilfreiche zweite Taxler, Passanten, andere Taxikunden, die die Szene mitbekommen haben müssen. Sie ausfindig zu machen, wäre wichtig: Als Bestätigung, dass die US-Sängerin und ihre TheaterkollegInnen, die sich an die Medien wandten, hier nichts erfunden haben - und somit als Schritt gegen das Unglaubwürdig-Machen. Als kleiner Schritt weg von dem Zustand, den die EU-Grundrechtsagentur (FRA) in ihren 2009 und 2010 veröffentlichten, vom internationalen Meinungsforschungsinstitut Gallup erstellten Midis-Umfragen und -Studien herausgearbeitet hat: Nämlich, dass 82 Prozent aller Schwarzen, Roma, Nordafrikaner, Muslime in den 27 EU-Staaten rassistische Übergriffe, die sie erleben, für sich behalten. 

Warum? 65 Prozent von ihnen, weil sie der Meinung waren, es wäre ohnehin sinnlos. 80 Prozent, weil sie keine Stelle wussten, an die sie sich wenden können. Die Medien, wie im Fall Angel Blues, waren leider allermeist kein Ansprechort, denn in der Regel fehlt bei solchen Zwischenfällen jeder "Promifaktor", der die Angelegenheit in die Nähe potenzieller Rufschädigung rückt: Rassistische Beschimpfungen und Entscheidungen, wie bei besagter Brasilianerin, sind derart "normal", dass man Berichten darüber erst gar nicht glaubt.

Irene.Brickner@derStandard.at

Zusatz:

Die Wiener Taxlerinnung sieht bekanntlich keine Chance, ihren - laut der Sängerin Angel Blue - rassistischen Kollegen (50 bis 60 Jahre alt, grauhaarig, Fahrer eines weißen Mercedes) ausfindig zu machen. Es sollen aber noch andere Personen an dem Auftritt beteiligt gewesen sein: der schwarze Taxler-Kollege etwa, der die Sängerin beruhigt haben soll sowie - wahrscheinlich - eine Reihe Passanten.

An sie alle hier der Aufruf: Bitte beim Standard melden! Wir möchten diesem Fall gern gründlicher nachgehen. Vertraulichkeit wird wenn gewünscht zugesichert.

Nochmals Zeit und Ort: Donnerstag, 10. Februar, 21,30 Uhr, Taxistand Oper/Kärntnerstraße in der Wiener Innenstadt.

Nachlese:

Rassistischer Taxler warf­ Sängerin aus dem Auto

Rassistischer Taxler bringt Innung unter Druck

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die US-Sopranistin Angel Blue wird im Theater an der Wien in der Oper "The Rape of Lucretia" gefeiert. Nachdem die Sängerin von einem rassistischen Taxler aus dem Auto geworfen wurde, werden nun dringend Zeugen gesucht.

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