Wer Migrant ist, bestimmen wir

25. Februar 2011, 19:43
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Wie wichtig ist eigentlich die "Signalfarbe" einer qualifizierten und klugen Frau in den Medien? Über Widersprüche der Ethnoquote

Symbolkultur ist eine wunderbare Sache, solange sie nicht jene Wirklichkeit ersetzen will, die sie symbolisieren soll. Zappte man Mitte der 90er- Jahre durch deutsche Fernsehkanäle, hätte man damals schon glauben können, es sei am Ende doch noch alles gut geworden. Schimanski sprach den türkischen Bandenchef mit "Bruder" an, damit ihm der die Pistole überreiche und von ihm dann kostenlose Sozialberatung in der nächsten Kneipe bekomme, ehe die Handschellen klickten, in der Lindenstraße war die totale Zivilgesellschaft ausgebrochen, und schöne orientalische Moderatorinnen zeigten nicht nur, wie gut Deutschland ist, sondern wie weit es assimilierungswillige Fremdlinge bringen können im liberalistischen Wettbewerbsparadies.

Über all dem schwebte jener verlogene pädagogische Geist, der im Verständnis gesellschaftlicher Widersprüche über Lessings Ringparabel nie hinausgewachsen war. Diese Chimäre einer multikulturell geläuterten Gesellschaft war durchaus ehrlich und aufklärerisch gemeint, von einer kleinen Schicht ehemaliger 68er, die es in die Kommandozentralen der Unterhaltungsindustrie geschafft hatte.

Doch sie schufen nicht nur Parallelwirklichkeiten, sondern echte Fassaden, die sich vor eine Gesellschaft legten, in der gerade die größten rassistischen Ausschreitungen stattfanden seit Untergang der NS-Diktatur (Rostock, Hoyerswerda, Mölln, Solingen ...). Kritische Geister wurden mit dieser Fassade ebenso beruhigt wie die Rechten, die in ihren neuen adretten Lieblingsausländern die Ausnahmen von der Regel gern haben durften.

Affirmative Action für benachteiligte Gruppen ist eine zivilisatorische Notwendigkeit, das ewige Gegenargument von der Qualifikation des Einzelnen eine Lüge angesichts ungleicher Startchancen. Viel wichtiger jedoch ist die Frage nach der Qualifikation innerhalb der Gruppe und wer wen darin repräsentiert - und auch, wer die Definitionsmacht darüber hat, wer und was diese Gruppe überhaupt ist. Antirassistische Bestrebungen nach migrantischen und ethnischen Sektoren innerhalb von Medien und Unterhaltung sind selbst nicht gefeit vor dem unterschwelligen Rassismus, der sich in den Vorstellungen organischer Ethnizität erhält.

Das gilt besonders dann, wenn sich geförderte Migranten mit migrantischen Themen auseinanderzusetzen haben. So wie Spike Lee niemals seinen Malcolm X von Roberto Blanco hätte spielen lassen, wäre Yilmaz Güney nie auf die Idee gekommen, Erol Sander für einen seiner Filme zu casten. In deutschsprachigen Ländern wie Österreich ist das anders. Weil dort jeder Migrant bis zur siebten Generation - im Vergleich zu uns Individualkonsumenten - Prophet des Kollektivschicksals seiner Abstammungsgemeinschaft zu sein hat.

Diskriminierung als Pose

Schön zeigt sich dieser Rassismus in der so genannten Migrantenliteratur, wo jedes schreibende Bürgersöhnchen oder -töchterchen mit exotischem Namen für den Kulturmarkt zum wütenden Megafon des Ghettos gemacht wird, in das er oder sie sich nie getraut hätte, in diese Position aber dankbar hineinwächst und darin mindestens so überzeugend ist wie ein weiland rappender Peter Alexander. Auch die raren Planstellen im ethnischen Mediensegment werden nur allzu schnell von jenen okkupiert, die der Förderung am wenigsten bedurften und die plötzlich halb schamvoll, halb karrieregeil den unwichtigsten Aspekt ihrer Identität, den distinkten Namen, als Ticket in die Medienburgen nutzen können. Der kroatischstämmige Unternehmersohn mit Publizistikabschluss etwa, der nun über die sozialen Probleme jener Roma schreiben muss, die ihm eigentlich genauso zuwider sind wie dieser oder jener Partei, welcher er seinen Job verdankt, oder die Germanistikabsolventin aus der Istanbuler Hautevolee, die mit der Lebenswelt kurdischer Flüchtlinge so viel gemein hat wie die Givenchy-Tasche mit einem Gefängnisdress.

Pech gehabt, Sister

Bevor man sich fragt, inwiefern die Ethnoquote ein liberales Feigenblatt ist, sollte darüber darüber nachgedacht werden, ob dieses Blatt aus den Hinterhöfen der strukturellen Benachteiligung oder auf den Dachterrassen der City wuchs.

Würden jene Migranten nämlich, die wissen, worüber sie schreiben, sprechen und rappen, in die Posten vordringen, die ihnen oft von den kulturalisierten Bürgerkindern weggenommen wurden, könnten sie uns erzählen, dass all die kulturellen Konflikte soziale sind, auch wenn ihre Kulturalisierung mehr lebensweltliche Differenz verspricht und darum besser vermarktbar ist.

Der Gipfel des Rassismus aber ist es, die Anstellung einer Österreicherin mit afrikanischer Mutter als TV-Moderatorin als antirassistischen Durchbruch zu feiern. Eher mit peinlichem Schweigen sollte diese verspätete Selbstverständlichkeit vonstatten gehen, die nichts am vorherrschenden Rassismus der Straße ändern wird:

Der Grillgeruch, der im Türkei-Urlaub mehr Wollust bereitet als der dortige Flirt, wird uns im Gemeindebau weiter bedrohen, und die Kiesbauer Arabella ist noch immer a ganz a Liabe, während der Neger dort unten schon viel zu lange amtsunbehandelt herumsteht - wo bleibt denn die Polizei, wenn man sie braucht? Denn nicht nur die Schikanierung von Afrikanern und US-amerikanischen Sportlehrern durch Polizisten ist Rassismus, sondern auch, wenn dazu der neue österreichische Polizistenkollege mit dunkler Hautfarbe zu Rate gezogen wird, weil der sich angeblich besser in die Pigmentseele seines Stammesbruders hineinzufühlen versteht.

Claudia Unterweger hat in TV-Media die richtigen Worte gefunden: "Der ganze Rummel um meine Person als schwarze Nachrichtenmoderatorin zeigt, wie weit der Weg ist, den dieses Land noch vor sich hat. Soweit ich informiert bin, haben meine Leistung beim Casting und zehnjährige journalistische Erfahrung überzeugt." Yo, Sister, Pech gehabt. Ihre Einladung zur farbechten Eröffnung der Blaxploitation-Filmtage Hollabrunn wird sich nicht vermeiden lassen. Wir leben in Österreich, wo die Nürnberger Rassegesetze selbst bei jenen nachwirken, die gegen Fekter und Strache sind, und der Weg zu einer farbenblinden Gesellschaft von allen politischen Farben nach wie vor verhindert wird. (Richard Schuberth/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.2.2011)

Zur Person

Richard Schuberth, Jg. 1968, lebt als freier Autor in Wien. Sein Theaterstück "Wie Branka sich nach oben putzte" wird im Mai uraufgeführt.

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