Raumzauber aus der Trickkiste

25. Februar 2011, 19:34
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Oberösterreichische Pragmatik und absurde Zusatzräume: Das junge Büro Hertl.Architekten aus Steyr kann bereits ein beeindruckend umfangreiches OEuvre vorweisen

Auf den ersten Blick fällt es überhaupt nicht auf. Spaziert man in der wildwasserrauen Kleinstadt Steyr entlang der Enns in Richtung der südlichen Vororte, durch ein entspannt vernachlässigt wirkendes Sammelsurium aus Großhütten, Kleinstvillen und verwilderten Gärten, scheint das schwarze Etwas nur ein weiteres Puzzleteil in einem Durcheinander dunkler Dächer zu sein. Ein kantiges, schwarzes Stück Schiefer, mehr nicht.

Beim Näherkommen die erste leichte Irritation: Es ist zwar ein Dach, aber darunter ist gar kein Haus! Ein paar zögernde Schritte weiter merkt man: Das ist auch gar kein Schiefer. Dafür schimmert das fensterlose Etwas, noch dazu übersät mit weißen Luftblasen und schwarzen Knöpfen, doch etwas zu edel. Man muss schon in Greifweite gelangen, bis sich die edle Oberfläche als Dachfolie aus Kautschuk entpuppt, die Luftblasen als Lichtkuppeln und die runden Knöpfe als sachliche Soganker, die die Folie an Ort und Stelle halten. Nur das Klingelschild neben dem versteckten Eingang weist auf die Bewohner des Dach-Dings hin: eine Medienagentur.

Einige hundert Meter flussabwärts, zwischen Ortszentrum und Bahnhof, lugt ein durchlöcherter Quader über die Häusern heraus, die beim Näherkommen auf ähnliche Art zu schimmern beginnt. Das Ensemble aus einem langgestreckten Riegel und einem zehngeschossigen Turm leuchtet bei Sonnenschein sattgelb, an bewölkten Wintertagen in einem erdigen Bronzeton.

Der Quader, ein ehemaliges Kaufhaus, nennt sich "Südpool" und beherbergt in einem komplett in Schwarz gehaltenen Büro mit Hertl.Architekten die Urheber dieser leichten Irritationen. Das Architektenklischee als Farbkonzept? "Nein, viel einfacher", erklärt Gernot Hertl lachend. "Durch das Schwarz fällt einfach das Durcheinander der Arbeitsutensilien nicht so auf."

Sinnlicher Direktkontakt

Gar nicht schwarz und sehr ordentlich sind dagegen die Holzkisten, die entlang der Wand aufgereiht sind. In jeder von ihnen zeigt sich nach dem Aufklappen ein Stück Fassade aus einem realisierten Bauwerk. Bauherren und solche, die es werden sollen, können so schon unverbindlich in sinnlichen Direktkontakt mit der Materie treten. Beachtliche 20 Exemplare dieser Kisten gibt es bereits, und die Sammlung wächst weiter.

Gegründet 2003, kann das Büro bereits mit einer eindrucksvollen Liste an realisierten Bauwerken aufwarten. Vor allem eine Reihe scheinbar minimalistischer Einfamilienhäuser in Steyr und Umgebung, sorgten für zunehmendes Aufsehen und Auszeichnungen.

So wie der winzige Kleingarten-Holzbau "Onkel Freds Hütte", der sich von seinen rustikalen Nachbarn von der Baumarktstange eben nicht hochnäsig distanziert, dafür durch seine kantige Präzision und meditative Ruhe auf den zweiten Blick um so mehr irritiert.

Eine Präzision, die von den gängigen Oberösterreich-Bildern gar nicht so weit entfernt ist - Stichwort: Vierkanthöfe, Stahlindustrie. Die spezielle Steyrer Variante dieser Mixtur : "Die gewerbliche Mittelschicht, wie sie in Linz und Wels vorhanden ist, gibt es in Steyr einfach nicht. Der große Arbeiteranteil führt außerdem dazu, dass selbst Einfamilienhäuser kaum in Architektenhand gegeben werden", erklärt Hertl.

"Durch die starke Wirtschaft hat man hier einen sehr zielorientierten Zugang. Das heißt, man ist offen für Innovationen, aber dieser Pragmatismus kann auch bremsend wirken, weil "man ja eh weiß, wie's geht".

Ein Spannungsfeld, das eines der jüngsten Hertl-Häuser fast schon genüsslich inszeniert: Die zweiflügelige Anlage, ein ehemaliges Gasthaus, wurde zwischen den erbenden Brüdern aufgeteilt. Beide Teile waren dringend sanierungsbedürftig. Der eine Bruder legte selbst Hand an. Der andere beauftragte die Architekten.

Heute könnten die beiden Teile unterschiedlicher nicht sein. Da in diesem Fall die Kantigkeit des zweigeschossigen Baus zu hart wirkte, umhüllte Hertl kurzerhand das gesamte Haus mit einem dramatisch gefalteten Vorhang.

Genau genommen sind es sogar zwei: "Wir haben den an sich relativ langweiligen Innenraum mit weißen Vorhängen so verändert, dass er weicher wird. Es gibt keine klaren Ecken und Kanten mehr. Zusammen mit der Verschleierung von außen entsteht so ein spannender Raum zwischen den beiden Vorhängen, von dem das Haus lebt", sagt Hertl.

Was der selbst sanierende Nachbar zum Ergebnis sagt, ist nicht überliefert. Der Bauherr jedenfalls war von der bühnenartigen Theatralik äußerst positiv überrascht. Kein Wunder, ist doch die Überraschung ein ständiger Begleiter, wenn man sich durch die Hertl'schen Räume bewegt.

Wohlige Irritation

Etwa wenn sich schmale Treppen und Rampen länger als erwartet durch Altstadthäuser schlängeln, um sich dann plötzlich in riesige Wohnräume zu öffnen. Wenn Fenster nicht da sind, wo sie sein sollten, weil das Haus zum Zimmer um 90 Grad verdreht zu sein scheint. Oft tauchen eigenartige Zwischenräume auf, die für wohlige Irritation sorgen.

"Diese zusätzlichen absurden Räume sind bei uns sehr wichtig", erklärt Gernot Hertl. "Sei es, dass sie eine absurde Höhe bekommen, oder das Licht aus eigenartigen Richtungen einfällt. Dafür muss man Tricks anwenden, um die Räume größer oder kleiner wirken zu lassen, sie intensiver wahrnehmbar zu machen."

Es sind keine plakativen Tricks. Eher erinnern sie an die listigen Manipulationen des surrealistischen Malers Max Ernst, die der Schriftsteller René Crevel einst als den "Zauber der kaum spürbaren Verrückungen" bezeichnete.

Hilfreich dabei: Die Vorliebe für Umbauten bestehender Häuser, deren Charakter die Absurditäten schon suggeriert. Hertl, ganz oberösterreichisch: "Ich bin der Meinung, dass man nicht alles wegreißen muss, was eh gut ist."

Das eigene Büro will Hertl aber so bald nicht umbauen. Trotz wachsender Aufträge sei die Größe mit neun Mitarbeitern ideal. Dafür müssen dann eben die alten Holzboxen in den Keller wandern, während im schwarzen Büro schon die nächsten Trickkisten für neue Fassaden gezimmert werden. (Maik Novotny, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 26. Februar 2011)

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