Schwere Vorwürfe gegen Kaprun-Richter

25. Februar 2011, 19:18
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Ehrenbeleidigungsprozess: Angeklagter Journalist weckt Erinnerungen an Unglück

Graz - Hubertus Godeysen, massiger, weißbärtiger Journalist norddeutscher Herkunft, dachte auch vor Gericht keine Sekunde daran zurückzustecken. Ja, er werfe dem ehemaligen Richter des "Kaprun-Prozesses", in dem die Brandkatastrophe mit 155 Toten, verhandelt wurde, Folgendes vor: Er sei "der schwächste Richter" für diesen bedeutenden Prozess gewesen, "oberflächlich, formbar und hochgradig befangen".

Starker Tobak, den Godeysen nicht nur in Zeit-Artikeln zu Papier gebracht hatte, sondern auch bei einem Ehrenbeleidigungsprozess am Freitag in Graz, den der angegriffene Salzburger Richter Manfred Seiss angestrengt hatte, auftischte. Der Kernpunkt Godeysens Kritik: die Gutachter, die Seiss unkritisch habe werken lassen und die letztlich den Freispruch aller Angeklagten erwirkt hätten. Der erste Gutachter, der die seiner Meinung nach wahren Gründe rechtzeitig ausfindig gemacht hatte, dass nämlich der Heizlüfter unsachgemäß montiert worden sei, also ein Versagen des Unternehmens naheliege, sei gemobbt worden und habe sich zurückziehen müssen. Seiss habe ihn nicht beschützt. In dem Moment aber, als die neuen Gutachter auf den Plan getreten seien, habe sich das Blatt gewendet, und plötzlich sei der deutsche Hersteller des Lüfters verantwortlich gewesen. Dieser Schwenk hätte dem Richter auffallen müssen. Ziel der Gutachter sei gewesen, Österreich zu entlasten. Seiss sei auch als nebenberuflich in der Tourismusbranche Tätiger befangen gewesen, auch hätte er angeben müssen, dass der Aufsichtsratschef der Gletscherbahnen mit ihm im Lions Club gesessen sei.

Es sei zudem wenig sensibel gewesen, dass er als Richter eines Prozesses, wo es um 155 Tote ging, bei einer deutschen Gerichts-TV-Show teilnehmen habe wollen. Godeysen: "Vielleicht sehe ich das als norddeutscher Protestant etwas strenger." Wie auch Seiss' Bekanntschaft zu einem Bordellbesitzer. Godeysen: "Wenn es in Österreich üblich ist, dass Richter mit Bordellbesitzer bekannt sind, nehme ich das zurück." Godeysen glaubt, dass die Gutachter mit Seiss "gespielt" hätten: "Vielleicht war ja auch er ein Opfer."

Prozess endete mit Vergleich

Der Verhandlungs-"Marathon" dauerte bis 18.30 Uhr. Es sei ein Vergleich geschlossen worden, wonach sich Godeysen für seine beim Brandschutzforum getätigten Äußerungen heute bei Richter Seiss entschuldigt habe, informierte Gerichtssprecherin Silvia Krainz. Der Beklagte habe sich verpflichtet, einen "Abgeltungsbetrag" von 5.000 Euro an Seiss zu zahlen und die Prozesskosten von rund 2.400 Euro zu begleichen. "Daraufhin zog Seiss die Privatklage zurück", erklärte die Sprecherin des Bezirksgerichtes Graz-Ost. (APA/Walter Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.2.2011)

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