Die andere Seite der Ostöffnungs-Medaille

25. Februar 2011, 19:13
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Österreich macht sich Sorgen um Lohn- und Sozialdumping. Die wirklichen Herausforderungen kommen aber auf Osteuropa zu, sagt EU-Sozialkommissar Andor

Wien - Die Öffnung des Arbeitsmarktes mit 1. Mai kann zu einem Problem werden, sagt EU-Sozialkommissar László Andor. Damit teilt er aber nur auf den ersten Blick die Haltung der heimischen Rechtsparteien. Gefahren sieht Andor nämlich weniger für Österreich als vielmehr für die osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten.

Sie könnten in einigen Branchen - vor allem im Gesundheitssektor - einen Fachkräftemangel bekommen, erläuterte der ungarische EU-Politiker am Freitag in Wien, wo er auch an einer Arbeitsmarktkonferenz teilnahm. Zum Teil gibt es den Mangel schon jetzt. Nach dem EU-Beitritt von Polen, Slowenien, Tschechien, Ungarn, der Slowakei, Estland, Lettland und Litauen im Jahr 2004 haben viele Krankenschwestern und Ärzte diese Länder verlassen.

Tschechien beklagte im Vorjahr, 700 offene Arztstellen nicht besetzen zu können, ähnliche Probleme gibt es in Rumänien. Die tschechische Regierung hat erst vergangene Woche Spitalsärzten eine Gehaltserhöhung von 8000 Kronen (330 Euro) zugesagt, um eine Notsituation zu verhindern.

Derartige Entwicklungen müssten weiter beobachtet werden, sagt Andor, der auf ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang hinwies: Zum Teil würden diese Arbeitskräfte unter ihrem Ausbildungslevel eingesetzt - beispielsweise als Krankenschwester statt als Ärztin. Man bilde also teuer Leute aus, deren Fähigkeiten dann nicht genützt würden.

Was den Jobmarkt in Österreich betrifft, erwartet EU-Kommissar Andor "keine besonderen Störungen" nach dem 1. Mai. Konkrete Zahlen, wie viele neue Arbeitskräfte ins Land kommen werden, wollte er nicht nennen. Die in Österreich genannten Schätzungen von 15.000 bis 25.000 seien aber wohl schon das "Maximum".

Wenig Einfluss auf Löhne

Er zeigte zwar Verständnis dafür, dass man in Österreich Angst vor Lohn- und Sozialdumping hat und auch ein eigenes Gesetz dagegen ausgearbeitet hat. Laut den bisherigen Erfahrungen bestehe aber kein Grund dafür: In jenen Ländern, die den Arbeitsmarkt schon geöffnet haben (also alle außer Österreich und Deutschland), sei der Einfluss auf die Löhne bei unter 0,1 Prozent gelegen.

Wie viele andere Experten ist auch Andor der Ansicht, dass jene, die auswandern wollten, es meist schon getan haben. Auch in Österreich gibt es bereits rund 90.000 Arbeitskräfte aus den neuen EU-Staaten (siehe Grafik).

Die Erklärung dafür: Zwar gab es bisher noch keinen uneingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt. Fand sich für eine bestimmte Stelle aber kein Inländer, konnten Firmen bereits in der Vergangenheit Mitarbeiter aus den osteuropäischen EU-Ländern anwerben.

So arbeiten bereits auch 15.000 Rumänen und etwas mehr als 3000 Bulgaren in Österreich, obwohl für diese beiden Länder die endgültige Arbeitsmarktöffnung erst 2013 erfolgt.

Andor würde sogar dafür plädieren, diese Frist vorzeitig aufzuheben. Es bestünde dann weniger Anreiz, "schwarz" zu arbeiten, argumentiert er. Hundstorfer hält aber an der Frist fest.

Europaweit gesehen sieht der EU-Kommissar ein großes Problem bei der Mobilität von Arbeitskräften. Nur 2,7 Prozent würden außerhalb des Heimatlandes arbeiten. Und langfristig bräuchten alle Länder mehr Fachkräfte: Der zusätzliche Bedarf bis 2020 liege bei 16 Millionen Menschen, gleichzeitig würden um zwölf Millionen Niedrigqualifizierte weniger gebraucht.  (Günther Oswald, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27.2.2011)

Kommentar

Stark in der Defensive - Von Günther Oswald

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    In einigen osteuropäischen Ländern gibt es bereits einen Ärztemangel. Das Problem könnte sich laut EU mit der Arbeitsmarktöffnung verschärfen.

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