Eindeutige Fehler und wiederkehrende Grenzfälle

25. Februar 2011, 18:36
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Mode ist ein Teil unserer Alltagskultur, mit dem wir uns beruflich jenseits jeweiliger Vorlieben zu befassen haben

Einerseits ist die Sache ja einfach: In der gegebenen politischen Lage müssen wir nicht lange nachdenken, wir haben uns auf den Nahen Osten und Nordafrika zu konzentrieren. Andererseits kann man bei dem atemberaubenden Tempo der Entwicklung dort leicht ein Detail übersehen. Ein solches Detail war eine Infobox über Bahrain in einer Grafik. 34,5 Millionen Menschen sollten sich nach dieser Darstellung auf der rund 711 Quadratkilometer großen Insel dauerhaft aufhalten. Tatsächlich leben dort nach jüngsten Schätzungen etwas mehr als eine Million Menschen.

Wie es zu einem solchen Fehler kommt, ist schnell erklärt. Wir zeigten eine Landkarte der Region und gaben in Textboxen Informationen zu einzelnen Ländern. Arbeitstechnisch wird so eine Textbox erst einmal grafisch entwickelt, dann mehrfach kopiert, auf der Landkarte platziert und schließlich mit den richtigen Inhalten befüllt. Der letzte Schritt ist im Fall Bahrain leider unterblieben. Die für dieses Land ausgewiesenen Werte waren deshalb ident mit jenen für das erste Land, für das die Infobox gebaut wurde – Algerien. Immerhin macht dieser Fehler aber auch etwas deutlich: Wir verzichten gern auf Instantgrafiken, wir erarbeiten unsere Info-Elemente mit einigem Aufwand tunlichst selbst.

Es lässt sich aber auch weniger aufwändig stolpern. In der Berichterstattung über das verheerende Erdbeben auf Neuseeland haben wir das zerstörte Christchurch irrtümlich zur zweitgrößten Stadt in Australien gemacht. Wohl in Gedanken daran, dass die Menschen dort heuer schon unter Heimsuchungen zu leiden hatten. Auch wurden wir darauf hingewiesen, dass nicht Kathedrale von Christchurch, sondern die Basilika nachhaltig beschädigt wurde. Gegenüber solchen Tragödien ist es schwer, von Erfolgen zu berichten. Wie schwer zeigte sich in einem Artikel über die ORF-Jahresbilanz 2009. Der Gis (Gebühren-Info-Service) habe „dem ORF für das Vorjahr 573,34 Euro abgeliefert (ohne Steuer, aber noch mit 3,25 Prozent Abwicklungsgebühr)“, informierten wir. Da fragt sich mancher, wozu der ORF die Tochter Gis noch braucht bei diesem matten Ergebnis. Und ehe wir nun darüber räsonieren, wie schwer es ist, Schwarzseher zur Anmeldung ihrer Geräte zu bewegen, sei klargestellt, dass es sich um 573 Millionen Euro handelt.

Hungerhaken

Die Modeberichterstattung der vergangenen Tage lässt ein zwar bekanntes, aber womöglich kaum lösbares Problem vor unseren Augen auftauchen: Was – oder richtiger: wen – darf man zeigen? Es ist eine wahre Bilderflut, die auf uns nach den Defilees in London, New York und Mailand niedergeht. Wir sehen schrille und weniger originelle Kreationen an – und das ist jetzt das Problem – mehr oder weniger dünnen Models. Es herrscht Einverständnis in der Redaktion, dass wir Hungerhaken keine Bühne bieten wollen.

Immer wieder Streitfälle

Wo aber liegt die Grenze? Was in den Augen der einen ein gerade eben nicht mehr magersüchtiges Model ist, hat es in den Augen der anderen noch lange nicht zu gesunden Rundungen geschafft. Die Couturiers machen uns nicht die Freude, ihre interessanten Kreationen an Models zu präsentieren, die für alle akzeptabel sind. Wir machen uns die Entscheidung aber nicht leicht, wir wägen das Für und Wider jedes Bildes ab – und wir finden oft genug nicht zum Konsens, die Waagschale neigt sich einmal der einen, das nächste Mal der anderen Sichtweise zu.

Mode ist ein Teil unserer Alltagskultur, mit dem wir uns beruflich jenseits jeweiliger Vorlieben zu befassen haben – in all seiner Widersprüchlichkeit. Vielleicht hilft es ja zu wissen, dass wir mehr als nur die oberflächliche Originalität eines Entwurfs in Rechnung stellen, wenn wir uns über ein Bild den Kopf zerbrechen. Auch wenn das Ergebnis vielleicht diskussionswürdig ist. (Otto Ranftl, Leserbeauftragter, DER STANDARD, Printausgabe, 26.2.2011)

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