Per Schleudersitz aus Gaddafis Pilotenkanzel

25. Februar 2011, 19:24
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Odd Birger Johansen, der Pilot des Diktators, ist geflüchtet

Dem ehemaligen Kampfpiloten Odd Birger Johansen ist der Schleudersitz durchaus vertraut. Der 57-jährige Norweger sah sich angesichts der dramatischen Entwicklung in Libyen genötigt, seinen Arbeitgeber, den libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi mitsamt seinem imposanten Privatjet alleinzulassen.

Der Besuch von Johansens Frau und Tochter in Tripolis in den vergangenen Tagen erfolgte zu einem denkbar unglücklichen Zeitpunkt. Das mag daher auch mit ein Grund gewesen sein, statt in der Wüste lieber im heimatlichen Oslofjord das Weite zu suchen. In einem via Skype geführten Interview mit dem norwegischen Privatsender TV2 gab er bereits am Dienstag unumwunden zu, dass er angesichts der brenzligen Lage seinem Arbeitgeber nicht weiter zur Verfügung stehen und daher türmen wolle.

Nachdem das Interview von TV2 und in der Folge auch von der BBC veröffentlicht worden war, dürfte sich die persönliche Sicherheitslage des Piloten noch zusätzlich zugespitzt haben. Noch dazu wurde der heimlich gebuchte Flug einer britischen Airline gestrichen, und so blieb den Johansens nur noch die Flucht mit einem österreichischen Transport über Wien.

Nach der geglückten Ausreise schimpfte Johansens Frau Kristin Haftorn über den Sender TV2: Dieser habe die Familie in Lebensgefahr gebracht, indem er den Job ihres Mannes als Aufmacher gewählt und dessen Absprungpläne publikgemacht habe. Ursprünglich sei vereinbart gewesen, Johansen bloß als "norwegischen Augenzeugen aus Tripolis" zu präsentieren.

Johansen wurde nach eigenen Angaben erst vergangenes Jahr quasi per Handauslese zum Privatpiloten für Gaddafi und seine Familie auserkoren - um welche Gage, sagte er nicht. Nachdem Johansen früher unter anderem Chefpilot und Ausbildner bei der skandinavischen Fluglinie SAS war und an der Oxford Aviation Academy lehrte, dürfte das Angebot jedoch nicht lumpig gewesen sein.

Doch Geld ist nicht alles. Das dürfte Johansen eingesehen haben, als er beschloss, Gaddafi bei einer möglicherweise schicksalsentscheidenden Flucht den Dienst zu verweigern.

"Ich stehe unter Vertrag, und so gesehen müsste ich im Bedarfsfall wohl brav zur Verfügung stehen. Aber so wie es im Augenblick aussieht, brennt es ein wenig hier rund um mich, und darauf habe ich keine Lust. Ich bin kein Held" , sagte Johansen kurz vor seiner Flucht. (Andreas Stangl/DER STANDARD, Printausgabe, 26.2.2011)

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