Von der Bahn bleibt nur noch die Straße

25. Februar 2011, 18:12
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Auf einer der ältesten Bahnlinien Österreichs wurde Anfang Februar der Frachtverkehr eingestellt. Wie die ÖBB dabei vorging, kommt den betroffenen Unternehmen ein wenig eigenartig vor

Mattersburg - Frägt in Mattersburg ein Fremder nach dem Weg zu Jesus, wird keiner ihn zur steilen Kirchentreppe hinaufschicken. Sondern hinüber ins eingemeindete Walbersdorf. "Folgen Sie nur dem Wegweiser zum Betonwerk."

Diesem Wegweiser folgend, biegt man in die Walbersdorfer Bahnstraße. Und dort ist man - rechterhand, fast schon bei der Marzer Straße unten - bei Jesus. "La Casita" nennt sich diese kulinarische Vorzüglichkeit, die bis nach Eisenstadt und nach Wiener Neustadt als Geheimtipp gehandelt wird. Weil da das Spanische auch wirklich spanisch schmeckt.

Auf die Straße gestellt

Seit dem 7. Februar wissen das auch die weniger ortskundigen, also auf die Wegweiser vertrauenden Lkw-Fahrer. Denn mit diesem Datum hat die ÖBB den Frachtverkehr auf der Mattersburger Bahn eingestellt. Die Verladestellen in Mattersburg und dem nahen Wiesen wurden aufgelassen, die Unternehmen im Wortsinn auf die Straße gestellt. Und eine davon - die ironischerweise eben Bahnstraße heißt - führt am Tempel des Jesus Picallo vorbei.

"Wir fahren eh anders", sagt Josef Koch, der Chef des Betonwerks. Dieser Weg ist freilich weder gekennzeichnet noch wirklich Lkw-tauglich. Bei Gegenverkehr wird es haarig. Ein paar Schritte entfernt mündet ein Gleis ins Werk, aber das ist seit Anfang Februar zu einem musealen Dasein verdammt, dabei "haben wir erst voriges Jahr 40.000 Euro in die Sanierung der 800 Meter langen Strecke gesteckt".

Spricht man mit Josef Koch, dem größten Bahnkunden, über die ÖBB, kann es leicht passieren, dass man an presserechtliche Grenzen stößt: So groß ist der Zorn. Oder eigentlich: das Erstaunen eines ja auch im Wind des Wettbewerbs stehenden Mannes angesichts dieses Gegenübers.

Allein einen Ansprechpartner zu finden sei eine Herausforderung gewesen; eine "Rechnungskorrektur" durchzuführen ein Hürdenlauf; sich auf bestellte Wagons zu verlassen praktisch unmöglich. Dabei habe das Betonwerk Koch zwei Wagons dauergemietet, einer fuhr im Pendelverkehr zwischen dem Zementwerk in Mannerdorf und Mattersburg. Oft seien bestellte Wagons woanders gelandet, insgesamt also: "Jede Fuhr' war ein Erlebnis."

"Einfach nicht konkurrenzfähig"

Ein Erlebnis, das Bernd Berghofer durchaus bestätigen kann. Der frühere Marketingchef der Fußball-Bundesliga leitet nun den Mattersburger Industriebetrieb: Felix Austria. Man habe auf die Bahn gesetzt, immerhin wurde die Brücke, über die das Anschlussgleis verläuft, unlängst erst aufwändig saniert. Der Anteil am Bahntransport ging dennoch stetig zurück, "das war in der Abwicklung einfach nicht konkurrenzfähig". Aus ÖBB-Sicht klingt das ähnlich, nur in der Bewertungsrichtung, quasi der Schuldzuweisung, gegenteilig. Zuletzt, sagt ÖBB-Sprecher Christopher Seif, "hat es jährlich nur 511 Wagons gegeben, das ist um gut 60 Prozent zu wenig".

Das leuchtet den Mattersburger Unternehmen durchaus ein. Was Berghofer, Koch und deren Kollegen irritiert, ist die Vorgangsweise. "Wenn der Umsatz zurückgeht, muss ich doch schauen, dass er wieder steigt", meint Berghofer. Und Anton Bauer von der Regionalstelle der Wirtschaftskammer meint das auch.

Stattdessen hält er ein ÖBB-Schreiben in Händen, in dem dekretiert wird, dass in ganz Österreich 59 Verladestellen ganz eingestellt werden und bei 67 weiteren "Sonderbedienungsfrachtbedingungen" gelten. "Das heißt: ein Zuschlag von 150 Euro und eine Mindestabnahme von vier Wagons, die auch zu bezahlen sind, wenn man nur einen braucht."

Fristverlängerung

Anfang Dezember des Vorjahres wurde Anton Bauer ins Eisenbahnwesen involviert. Ende November kam die ÖBB-Mail, dass der Frachtverkehr mit Fahrplanwechsel Mitte Dezember eingestellt werde. Bauer erwirkte im Verein mit Orts- und Landespolitik eine Fristverlängerung bis Februar. Und das Versprechen der Bahn, auf die Kunden zuzugehen, Alternativlösungen zu suchen. Aber: "Diese Außendienstmitarbeiter haben sich nie bei den Unternehmen gerührt." Vielleicht, spekuliert er, liege das am "Interregnum". Damals hat man ja die Fracht-Vorstände in die Wüste geschickt, die Zuständikeit lag beim Generaldirektor, und der hatte und hat, wie Bauer natürlich weiß, sonst auch noch einige Probleme.

Einen Teil dieser Probleme haben jetzt Regionen wie Mattersburg zu tragen. Im niederösterreichischen Traisental steht Ähnliches im Sommer bevor. Dort demonstrieren die Menschen schon. In Mattersburg - das fällt auch dem Anton Bauer auf - nicht einmal die Grünen, die damals, als die Kirchenstiege renoviert wurde, Feuer geschrien haben, weil dafür ein paar Bäume gefällt werden mussten. Jetzt, da selbst die Lkw-Fahrer den Weg zu Jesus erfragen, höre man nichts.

Jesus aber, meint die von der ÖBB auch nicht dirket informierte Bürgermeisterin Ingrid Salamon, habe eh nichts zu befürchten. "Wir haben da ja die neue Straße errichtet."

Jetzt bräuchte man nur noch die Wegweiser. Dann ließe sich sogar der Wortwitz mit der Bahnstraße vermeiden. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27.2.2011)

  • Museumsstück: Die 1847 eröffnete Bahn mit dem bekannten "Probeviadukt" 
für den Semmering hat frachtmäßig ausgedient.
    foto: standard/weisgram

    Museumsstück: Die 1847 eröffnete Bahn mit dem bekannten "Probeviadukt" für den Semmering hat frachtmäßig ausgedient.

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