"Wikileaks hat den Journalismus verändert"

25. Februar 2011, 17:43
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Für den Journalismusprofessor Jeff Jarvis erzwingt Wikileaks mehr Offenheit - Warum Journalisten bei der Veröffentlichung eine zentrale Rolle spielen, erklärte er dem STANDARD

STANDARD: Was halten Sie von Wikileaks?

Jarvis: Wikileaks ist das Symptom für eine Krankheit. Ich glaube, wir kommen zu einer fundamentalen Änderung, wie unsere Gesellschaft operiert.

STANDARD: In welcher Richtung?

Jarvis: Mehr Offenheit. Die Architekturen von Institutionen sind geschlossene Systeme: Das betrifft Regierungen, Unternehmen, Universitäten. Die Architektur des Internets ist dagegen fundamental offen. Das sieht man jetzt auch in Nordafrika, dass man das Internet nicht so einfach abschalten kann. Jetzt gibt es Konfliktfälle: kulturell, operationell, auch rechtlich. Denn das Internet ist die Gutenberg-Presse in den Händen aller. Jeder hat das Werkzeug dazu. Der Fortschritt in Richtung mehr Offenheit ist aber unausweichlich.

STANDARD: Was heißt das für traditionelle Medien? Wenn man Wikileaks anschaut: Die brauchen für ihre Veröffentlichungen Zeitungen.

Jarvis: Im Internet können Menschen Informationen austauschen zu Kosten, die faktisch null sind. Was Wikileaks gemacht hat, ist, Dokumente auf den Markt zu bringen. Aber man hat nicht wirklich Kenntnis davon genommen. Die Macher haben realisiert, dass Journalisten einen zusätzlichen Wert hinzufügen. Damit diese Informationen weitere Kreise ziehen, neue Verbindungen herstellen. Für Wikileaks war auch die Promotion sehr wichtig.

STANDARD: Der britische "Guardian" hat von Wikileaks Dokumente bekommen. Der Historiker Timothy Garton Ash war bei der Auswahl in der Redaktion dabei und hat gesagt, es hätte Tote gegeben, wenn alles veröffentlicht worden wäre. Zeigt das nicht, dass Journalisten auswählen müssen, was veröffentlicht werden kann?

Jarvis: Ja, das ist wichtig. Journalismus kann auch heißen, dass man sich dazu entschließt, ein Dokument nicht zu veröffentlichen. Dafür muss es aber Gründe geben. Wikileaks ist ein Modell, wie es mit Journalismus zusammen funktioniert. Aber man darf nicht akzeptieren, dass Informationen gar nicht zur Verfügung stehen.

STANDARD: Wie hat sich die Medienwelt in den vergangenen Jahren aus Ihrer Sicht verändert?

Jarvis: Die Geschäftsmodelle haben sich für Verleger verändert. Es genügt nicht mehr, einfach nur Nachrichten zu bringen, die man ohnehin schon kennt. Es gibt neue Rollen: Selektion war schon immer eine Aufgabe, die größere Welt zu erklären, das ist eine wichtige neue Rolle.

STANDARD: Müssen Printmedien wieder zurück zu ihren Wurzeln - also mehr Analyse? Interviews?

Jarvis: Vor allem Reporter sind gefragt: rausgehen, schauen, überprüfen. Jetzt gibt es die Möglichkeit, Recherchen zu erweitern, die ganze Welt einzubeziehen. Wenn Journalisten etwa über Twitter bekanntgeben, dass sie an dieser oder jener Geschichte arbeiten und dazu einladen, dazu etwas beizutragen, dann eröffnet das neue Chancen. Wir müssen als Journalisten erst lernen, wie wir mit solchen Serviceeinrichtungen umgehen. Der Guardian hat etwa Dokumente ins Netz gestellt und die Öffentlichkeit gefragt, was sie damit anfangen können, wie sie die darin enthaltenen Informationen einschätzen. Wikileaks hat den Journalismus verändert. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD; Printausgabe, 26./27.2.2011)

JEFF JARVIS (56) ist Journalismusprofessor an der City University of New York. Der Medienberater schreibt den Blog "Buzzmachine" und ist Kolumnist des "Guardian".

Hinweis
Das STANDARD-Montagsgespräch in Zusammenarbeit mit dem World-Information Institute befasst sich am 28. Februar mit Wikileaks, mehr dazu finden Sie hier: world-information.org

Nachlese
"Google zu beschuldigen ist kindisch, dumm und selbstmörderisch"
- Jeff Jarvis, Journalismusprofessor, Blogger und Buchautor, über die Ignoranz der Verleger, Großstädte ohne Zeitungen und die ignorierten Geschäftsfelder des Journalismus im Netz

  • Durch neue Medien wie Twitter eröffnen sich neue Recherchemöglichkeiten, meint Jeff Jarvis.
    foto: epa/robert schlesinger

    Durch neue Medien wie Twitter eröffnen sich neue Recherchemöglichkeiten, meint Jeff Jarvis.

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