Korrektheitsfadiane

25. Februar 2011, 17:30
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Das Auftreten einer marokkanischen Herzensbrecherin und eines süddeutschen Herzensbrechers haben in den letzten Tagen für einige Aufregung gesorgt, neben Gaddafi

Das Auftreten einer marokkanischen Herzensbrecherin und eines süddeutschen Herzensbrechers haben in den letzten Tagen für einige Aufregung gesorgt, neben Gaddafi. Zu Ersterer hat Wiens Tanzlehrer in "Österreich" ein kalmierendes Wort von definitiver Gültigkeit gesprochen: Prostituierte sind auch Menschen und wer weiß, wie viele davon sonst am Ball sind."

Etwas schwerer fiel eine gerechte Einschätzung des Dissertanten, vor allem dem Zentralorgan des heimischen Einbildungsbürgertums. Die ausführlichere Betrachtung des Phänomens zu Guttenberg setzte in der "Presse" mit einem Leitartikel ihres Spezialisten Thomas Kramar ein, der sich befleißigte, das, was man aus dem Fall des deutschen Ministers lernen kann, in dem Titel zusammenzufassen: Eine Dissertation ist kein Aufsatz, sondern eine Arbeit. Das klang überraschender, als es war, hat doch der Dissertant selber die Mühe betont, die ihm als jungem, gestresstem Familienvater aus dieser Arbeit erwachsen ist.

Die Bewertung seiner Mühe hängt nach Kramar nicht nur vom Inhalt, sondern auch stark davon ab, was man von einer Dissertation erwartet. Wenn man sie als eine erweiterte Form der Erörterung oder des Besinnungsaufsatzes à la Gymnasium sieht, dann ist das Übernehmen fremder Formulierungen gewiss ein bedenklicher Betrug. Auch wenn es in der akademischen Community nicht viele geben dürfte, die in einer Dissertation je einen Besinnungsaufsatz à la Gymnasium sehen wollten, war es doch wichtig, auf die Gefahr einer solchen Erwartung hinzuweisen. Kramar teilte sie nicht, er kam zu einer überraschenden Erkenntnis. Eine Dissertation sollte aber etwas ganz anderes sein: nämlich eine wissenschaftliche Arbeit. Und dafür nannte er einen herzerfreuenden, wenn auch leicht idealisierten Grund: Eine solche Dissertation ist auch etwas wert. Sie verstaubt nicht nach der Promotion in einem Archiv. Beispiel dafür wäre die Arbeit Gio Hahns, von der Peter Pilz nur zu oft den Staub des Archivs bläst.

Letztendlich frönte Kramar einer Kritik der praktischen Vernunft. Pragmatisch gesehen hat zu Guttenberg auch richtig gehandelt: Wozu soll man sich eigene Gedanken machen, wozu soll man gar eigene Sätze formulieren, wenn das Werk in ein paar Wochen ohnehin niemanden mehr interessiert? Überraschend aber dann doch der Schluss daraus: Diese Geringschätzung darf nicht einreißen.

Diese Kluft zwischen Theorie und Praxis machte sich am nächsten Tag der Chefredakteur zunutze, der als habitueller Übermensch im Fall zu Guttenberg mühelos die Rache der grauen Mäuse erkannte. Es war nur noch eine Frage, wie viele Absätze er brauchen würde, um das teuflische Wirken der Linken im Fall zu Guttenberg zu entlarven. Dazu leitete er zunächst den Untergang des Abendlandes ein. Dass die sexuellen Abenteuer des italienischen Ministerpräsidenten und die akademischen Kalamitäten des deutschen Verteidigungsministers so breiten Raum in der medialen Berichterstattung einnehmen, wird von etlichen Beobachtern - also von Michael Fleischhacker - als Zeichen des unaufhaltsamen Abstiegs von Politik und Medien gewertet.

Zu Guttenberg hätte nur sauber dissertieren und Berlusconi hätte das Kamasutra nur im stillen Kämmerlein durchexerzieren müssen, und schon wäre Ruhe - von so wenig hängt der unaufhaltsame Abstieg von Politik und Medien ab!

Eines sah auch Fleischhacker ein: Man kann zu Guttenberg und Berlusconi schwer vergleichen. Klar: Silvio Berlusconi und Karl-Theodor zu Guttenberg haben weder inhaltlich noch biographisch viel gemeinsam. Aber was wird dann aus dem unaufhaltsamen Abstieg? Daher nur dies, weil irgendwie musste er - vierter Absatz! - zu den Linken finden: Ihr außerordentlicher, für die linken Korrektheitsfadiane unerklärlicher und selbstverständlich auch unerträglicher Erfolg als Politiker beruht drauf, dass sie nicht als Politiker wahrgenommen werden.

Besser war nur der "Offene Brief" eines Urgroßonkels zu Guttenbergs an dessen Doktorvater. Es ist nämlich so: Unsere Linien laufen bei meinem Großvater, Karl Wilhelm Reichsfreiherrn von Tinti, Mitglied des Herrenhauses des Öst. Reichsrates zusammen. Urgroßonkels Anliegen: Ich bin überzeugt, dass Sie die menschliche Größe haben, als ein die Arbeit begleitender "Doktorvater", einen Anteil an den Versäumnissen in der Dissertation meines Urgroßneffen auf sich zu nehmen.

Es gibt eben nicht nur linke Korrektheitsfadiane! (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 26./27.2.2011)

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