Wenn sich Tänzer empören

25. Februar 2011, 17:37
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Zwei Stücke der brasilianischen Choreografin Lia Rodrigues im Tanzquartier Wien

Wien - Die Körper der elf Tänzerinnen und Tänzer werden nackt präsentiert. Das ist kein Spiel mit dem Voyeurismus - vielmehr unternimmt die brasilianische Choreografin Lia Rodrigues mit ihrem Stück Such Stuff As We Are Made Of im Tanzquartier Wien einen Versuch, politischen Aktivismus auf der Bühne umzusetzen.

Da ist Nacktheit ein ganz guter Anfang. Denn der global geltende Bekleidungszwang bezeugt, wie sehr der menschliche Körper von kulturellen Ideologien beherrscht wird. Deswegen ist der unverhüllte Körper immer ein Statement. Rodrigues will mit ihrer kleinen Gruppe die Unterschiedlichkeit von Individuen in Geschlecht, Größe, Hautfarbe und anatomischer Besonderheit sichtbar machen.

Such Stuff As We Are Made Of wurde in seiner ersten Version bereits im Jahr 2000 uraufgeführt und besteht aus zwei gegensätzlichen Teilen, die sich zueinander verhalten wie Ausgangslage und Ereignis: Einem ruhigen Teil, in dem der bloße Körper mit Solo-, Duo- und Gruppenkonstellationen als Ziel politischer Regulationen aufbereitet wird, und einem lauten, aktivistischen, in dem die dann bekleideten Tänzer durch das Publikum wieseln und Begriffe aus aktuellen politischen Zusammenhängen rufen: "Tunesien", "Gaddafi", "Jemen"- oder Marken aus der Konsumgesellschaft wie "Coca-Cola" und "Lady Gaga".

Sie markieren mit Klebestreifen ein Rechteck am Boden und spielen mit vollem Körpereinsatz Aufruhr und Widerstand. Dabei wird auch Stéphane Hessels Buch Indignez-vous! (Empört Euch!) zitiert.

Dass die Zuschauer alle demonstrativ aufklärerischen Strategien in der darstellenden Kunst als bevormundend empfinden, schüchtert die Künstlerin nicht ein. Sie reiht choreografische Bilder aneinander, und die auf den Bühnenboden platzierten Besucher werden nach jeder dieser Szenen freundlich, aber bestimmt angehalten, sich umzusetzen.

Weitere Perspektivwechsel geschehen, weil die Choreografin nicht speziell für den europäischen Kontext arbeitet. Im Lauf des Stücks lernt das Publikum dessen meist in Details verborgene transkulturelle Aspekte kennen und muss seinen Blick entsprechend adjustieren.

Die im Programmtext ausgewiesene Thematik der Unterdrückung der brasilianischen Ureinwohner nach der Eroberung des Kontinents blieb allerdings verborgen. Sie ist wahrscheinlich der Anpassung der Arbeit auf die aktuellen Ereignisse in Nordafrika gewichen.

Am Samstag (26. 2.) zeigt Lia Rodrigues mit Pororoca ein zweites Stück im Tanzquartier. Darin balanciert die Tänzergruppe zwischen Organisation und Verwirrung. Nicht gelungen ist der Choreografin ein selbstkompiliertes Filmprogramm, das in den Tanzquartier-Studios zu sehen ist. Darin bringt sie Ausschnitte von Videoaufnahmen ihrer Stücke mit Trisha Brown, Oskar Schlemmer und Jean-Luc Godard in Zusammenhang. Das wirkt dann doch etwas hochgestapelt. (Helmut Ploebst, DER STANDARD - Printausgabe, 26./27. Februar 2011)

  • Zwei Stücke von Lia Rodrigues sind im TQ zu sehen.
    foto: tq

    Zwei Stücke von Lia Rodrigues sind im TQ zu sehen.

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