Polens Luftwaffenchef soll Piloten zum Start gezwungen haben

25. Februar 2011, 16:45
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TV-Sender berichtet über Streit vor Abflug der Unglücksmaschine

Warschau - Ermittler der polnischen Militärstaatsanwaltschaft untersuchen einen neuen Aspekt bei den Ermittlungen zum Absturz der Regierungsmaschine Tupolew 154M im April 2010 bei Smolensk, wie der Fernsehsender TVN24 am Donnerstagabend berichtete. Vor dem Abflug der Regierungsmaschine sei es zu einem Streit zwischen dem Piloten Arkadiusz Protasiuk und dem Befehlshaber der Luftwaffe, General Andrzej Blasik, gekommen. Der Sprecher der Militärstaatsanwaltschaft, Zbigniew Rzepa, bestätigte, dass die Ermittler über Aufnahmen aus einer Kamera auf dem Flughafen Okecie verfügen, die die Auseinandersetzung dokumentieren.

Auf den Aufnahmen ist kein Ton zu hören. Laut TVN24 hat sich Protasiuk geweigert zu starten, weil er nur eine Wettervorhersage statt einer bestätigten Information über die Wettersituation in Smolensk zur Verfügung hatte. Blasik soll ihn mit scharfen und vulgären Worten ermahnt haben.

Gerüchte über Streit

Die Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" hatte bereits im Jänner über unbestätigte Gerüchte über einen Streit zwischen Blasik und Protasiuk berichtet. Laut der Zeitung soll Blasik verboten haben, den Präsidenten über das schlechte Wetter in Smolensk zu informieren.

Das Nachrichtenmagazin des öffentlichen Fernsehsenders TVP gelangte an Aussagen eines Mitarbeiters des Flugplatzes bei Smolensk, aus denen hervorgeht, dass die dortige Wetterstation auf die Landung der polnischen Regierungsmaschine nicht vorbereitet war. In der Station arbeitete am Tag der Katastrophe nur eine statt drei Personen. Der Meteorologe Michail Ragowski sagte aus, dass er am 10. April die Aufgaben von drei Spezialisten erfüllt habe, die eigentlich zeitgleich an verschiedenen Orten des Flugplatzes hätten sein sollen.

Bei dem Flugzeugabsturz waren am 10. April alle 96 Insassen der Maschine ums Leben gekommen, darunter der polnische Präsident Lech Kaczynski und seine Ehefrau. An Bord hatten sich auch alle Befehlshaber der polnischen Streitkräfte, Zentralbankchef Slawomir Skrzypek, Vize-Verteidigungsminister Stanislaw Komorowski sowie der stellvertretende Außenminister Andrzej Kremer befunden. Auch mehrere Parlamentarier sowie die engsten Mitarbeiter Kaczynskis waren im selben Flugzeug gereist.

Das russische "Zwischenstaatliche Luftfahrt-Komitee MAK" hatte im Jänner seinen Abschlussbericht zu der Katastrophe vorgelegt. Der Bericht sieht die Verantwortung für das Unglück allein auf polnischer Seite - insbesondere bei den Piloten, die trotz dichten Nebels einen Landeversuch unternahmen. Eine von polnischer Seite vermutete Mitverantwortung der Fluglotsen am Smolensker Flughafen schließt der Bericht aus. Eine polnische Untersuchungskommission unter der Leitung von Innenminister Jerzy Miller bereitet einen eigenen Bericht vor. (APA)

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