TV-Sender berichtet über Streit vor Abflug der Unglücksmaschine
Warschau - Ermittler der polnischen Militärstaatsanwaltschaft
untersuchen einen neuen Aspekt bei den Ermittlungen zum Absturz der
Regierungsmaschine Tupolew 154M im April 2010 bei Smolensk, wie der
Fernsehsender TVN24 am Donnerstagabend berichtete. Vor dem Abflug der
Regierungsmaschine sei es zu einem Streit zwischen dem Piloten Arkadiusz
Protasiuk und dem Befehlshaber der Luftwaffe, General Andrzej Blasik, gekommen.
Der Sprecher der Militärstaatsanwaltschaft, Zbigniew Rzepa, bestätigte, dass die
Ermittler über Aufnahmen aus einer Kamera auf dem Flughafen Okecie verfügen, die
die Auseinandersetzung dokumentieren.
Auf den Aufnahmen ist kein Ton zu hören. Laut TVN24 hat sich Protasiuk
geweigert zu starten, weil er nur eine Wettervorhersage statt einer bestätigten
Information über die Wettersituation in Smolensk zur Verfügung hatte. Blasik
soll ihn mit scharfen und vulgären Worten ermahnt haben.
Gerüchte über Streit
Die Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" hatte bereits im Jänner über unbestätigte
Gerüchte über einen Streit zwischen Blasik und Protasiuk berichtet. Laut der
Zeitung soll Blasik verboten haben, den Präsidenten über das schlechte Wetter in
Smolensk zu informieren.
Das Nachrichtenmagazin des öffentlichen Fernsehsenders TVP gelangte an
Aussagen eines Mitarbeiters des Flugplatzes bei Smolensk, aus denen hervorgeht,
dass die dortige Wetterstation auf die Landung der polnischen Regierungsmaschine
nicht vorbereitet war. In der Station arbeitete am Tag der Katastrophe nur eine
statt drei Personen. Der Meteorologe Michail Ragowski sagte aus, dass er am 10.
April die Aufgaben von drei Spezialisten erfüllt habe, die eigentlich zeitgleich
an verschiedenen Orten des Flugplatzes hätten sein sollen.
Bei dem Flugzeugabsturz waren am 10. April alle 96 Insassen der Maschine ums
Leben gekommen, darunter der polnische Präsident Lech Kaczynski und seine
Ehefrau. An Bord hatten sich auch alle Befehlshaber der polnischen Streitkräfte,
Zentralbankchef Slawomir Skrzypek, Vize-Verteidigungsminister Stanislaw
Komorowski sowie der stellvertretende Außenminister Andrzej Kremer befunden.
Auch mehrere Parlamentarier sowie die engsten Mitarbeiter Kaczynskis waren im
selben Flugzeug gereist.
Das russische "Zwischenstaatliche Luftfahrt-Komitee MAK" hatte im Jänner
seinen Abschlussbericht zu der Katastrophe vorgelegt. Der Bericht sieht die
Verantwortung für das Unglück allein auf polnischer Seite - insbesondere bei den
Piloten, die trotz dichten Nebels einen Landeversuch unternahmen. Eine von
polnischer Seite vermutete Mitverantwortung der Fluglotsen am Smolensker
Flughafen schließt der Bericht aus. Eine polnische Untersuchungskommission unter
der Leitung von Innenminister Jerzy Miller bereitet einen eigenen Bericht
vor. (APA)