Fischers feine Feindschaften

25. Februar 2011, 17:07
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Joschka Fischer liefert im zweiten Erinnerungsband spannende Einblicke in das Innenleben von Rot-Grün in Deutschland - Von Alexandra Föderl-Schmid

Joschka Fischer hat sich lange Zeit gelassen mit dem zweiten Band seiner Erinnerungen. Das Schreiben sei ihm auch nicht immer leicht gefallen, gestand der wortgewaltige langjährige Grünen-Politiker bei der Buchvorstellung in Berlin ein, um zu feixen: "Es ist aber sicher kein Plagiat."

2007 ist der erste Band erschienen, der abrupt mit dem 11. September 2001, den Terroranschlägen in den USA, endete. Es musste also ein zweiter folgen. Gerhard Schröder, Fischers Regierungspartner, hatte seine Sicht der Dinge schon 2006 in einem Band präsentiert - aufgeschrieben von seinem langjährigen Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye.

Fischer hat sich selbst gequält, verfügt aber über genügend schreiberische Fähigkeiten (oder einen guten Lektor), um die Leserin, den Leser am Anfang mitzunehmen: Die sich rasant entwickelnden Ereignisse nach 9/11 tun ihr übriges, um den Einstieg zu erleichtern.

Wie schon in seinem ersten Buch lässt Fischer teilhaben an seinen Treffen mit anderen Mächtigen dieser Welt. Paul Wolfowitz, Vize-Verteidigungsminister der USA, habe ihm sehr bald klargemacht, dass es einen Irakkrieg geben müsse. Und da sich Deutschland zur "uneingeschränkten Solidarität" mit den USA nach den Terroranschlägen verpflichtet hatten, hieß das: mitgehangen, mitgefangen.

Aber Fischer war nicht überzeugt von der Notwendigkeit eines Krieges. Sein "Excuse me, I am not convinced" , ist vielen noch in Erinnerung, das er damals, vor acht Jahren, in sichtlicher Erregung US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bei der Münchner Sicherheitstagung zurief. Zum ersten Mal widersetzte sich Deutschland nach dem Krieg den USA. Für Fischer war das "eine kleine Revolution" , wie der inzwischen im Nadelstreif angekommene Alt-68-er schreibt.

Und er hat doch recht behalten

Dieses Zitat hat er als Titel des Buches genommen: Seht her, ich habe recht behalten. Dieser oft rechthaberische Ton - auch das spricht für die Authentizität - zieht sich durch das ganze Buch.

Obwohl Fischer ein großes Ego hat, sind auch vereinzelt selbstkritische Töne zu finden: zur Innenpolitik, zum Auftreten der Koalition. Wohlgesetzt ist seine Kritik: Während etwa Rumsfeld und Wolfowitz heftig attackiert werden, nennt er keine Namen, wenn es um grüne Parteifreunde geht. Dann heißt es etwa: "Entsprechend zornig war ich auf die Dame und den Herrn." Fischer ficht Feindschaften fein aus.

Das Buch zeigt auch, wie kühl das Verhältnis zwischen Schröder und Fischer eigentlich war: ein Zweckbündnis. Der Vize konnte den Kanzler bei einem Abendessen in Rom am 8. April 2005 nicht davon abhalten, Neuwahlen anzustreben: "Mir war völlig klar, was er anstrebte: einen durch Neuwahlen legitimierten Koalitionswechsel, um dann als Kanzler einer Großen Koalition weiterregieren zu können." Nach der öffentlich bekannt gegebenen Entscheidung war Rot-Grün nach Fischers Einschätzung am Ende. "Nur noch eine leere Hülle, ohne politische Zukunft."

Noch einmal tingelte er im Wahlkampfbus durch die Lande, nachdem zuvor seine Bedingung erfüllt worden war, er werde alleiniger Spitzenkandidat der Grünen. "Obwohl ich bereits damals wusste, dass ich auf jeden Fall innerhalb eines Jahres, egal, wie die Wahlen ausgehen würden, aufhören und die Politik verlassen würde." Genauer beschreibt Fischer den "tobenden Machoauftritt" von Schröder am Wahlabend im TV-Studio. Er selbst erklärte noch seinen Rücktritt, "und dann fuhr ich nach Hause" .

Aber so unspektakulär wollte er sein Buch doch nicht enden lassen, deshalb verfasste Fischer "ein aktuelles Nachwort" , in dem er über die geschichtliche Bewertung von Politiker räsoniert und einmal mehr ein beherztes Plädoyer für die "Vereinigten Staaten von Europa" abgibt. Er hat das Schlusskapitel als Lehrstunde für Angela Merkel konzipiert. Das zeigt: Ganz hat er seine politische Leidenschaft nicht abgelegt, wenngleich Fischer inzwischen als gut bezahlter Berater für Konzerne wie BMW oder Siemens mit nicht immer grün-kompatiblen Aufträgen durch die Welt jettet. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.2.2011)

Joschka Fischer, "I am not convinced - Der Irak-Krieg und die rot-grünen Jahre" . Herausgeber. € 23,60 / 448 Seiten. Kiepenheuer &Witsch, Köln 2011.

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    Joschka Fischer sinniert über sich und die Welt: Im zweiten Band seiner Erinnerungen arbeitet der einstige deutsche Außenminister noch einmal den Irakkrieg auf. Und er nuanciert fein seine Kritik, vor allem wenn es um grüne Parteifreunde geht.

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