Im Schein der Guttenberg-Galaxis

25. Februar 2011, 17:22
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Interessant ist die Diskussion, weil sie eine Frage aufwirft: Gelten für Politik und Wissenschaft die gleichen Regeln der Aufrichtigkeit?

Im Bundestagswahlkampf 2009 hat Altkanzler Gerhard Schröder vergeblich versucht, "diesen Baron aus Bayern" aus der Erfolgsspur zu bringen. Der höhnische Hinweis auf den Adelstitel sollte den elitären Spross als untauglich für die handfeste Politik erscheinen lassen. Vier Jahre zuvor war Schröder mit dieser Methode noch erfolgreich gewesen. Er nannte Paul Kirchhof, Angela Merkels Mann für die große Steuerreform, so lange verächtlich "den Professor aus Heidelberg" , bis dieser sich entnervt zurückzog. Karl-Theodor zu Guttenberg hingegen ließ zur zunehmenden Verzweiflung der Sozialdemokraten alle Versuche, die Scheinwelt des Adels gegen die ehrlichen Mühen politischer Arbeit auszuspielen, ins Leere laufen.

Seinem kometenhaften Aufstieg hat der Adelstitel nicht geschadet, sondern genutzt. Wie Goethes Götz von Berlichingen erschien er als eine Selbsthelfergestalt, die mit eiserner Hand durchsetzt, was sie für richtig hält, und dabei stets unabhängig bleibt. Wo andere aus machttaktischen Gründen um den heißen Brei herumredeten, nannte er als Erster den Krieg in Afghanistan einen Krieg. So oft wie kein deutscher Verteidigungsminister vor ihm besuchte er die Soldaten im Feld. Ein mitgereister Talkmaster sorgte dafür, dass die Dinge nicht nur im politischen Berlin, sondern im Gespräch mit den Betroffenen am Ort des Geschehens zur Sprache kamen.

Der Antipolitiker ...

Es ist diese medial simulierte Direktheit, mit der sich der Verteidigungsminister das Image eines authentischen Machers schuf, der im Herzen des politischen Systems als Antipolitiker agiert: seinen Überzeugungen folgen, die Dinge einfach beim Namen nennen, handeln.

Wer solche Authentizität verkörpern kann, ist populär und wirkt glaubwürdig, geht aber ein hohes Risiko ein, weil diese Vorstellung, trotzdem sie sich viele als Ideal der Politik wünschen, mit der Funktionsweise komplexer Gesellschaften nichts zu tun hat. In der Sehnsucht nach Authentizität trösten wir uns über diese Komplexität hinweg. Und jeder, der diesen Trost bedient, ist uns willkommen. Aber weil wir insgeheim wissen, dass das Tröstende eine Fiktion ist, sind wir zugleich undankbar und nutzen jede Gelegenheit, die eben noch bewunderte Lichtgestalt in den Sündenbock unserer Sehnsüchte zu verwandeln.

Das muss Guttenberg gerade erfahren. Mitleid verbietet sich, ist der Anlass der hitzigen Debatten doch sein ureigenes Werk oder vielmehr die Tatsache, dass die von ihm verfasste Dissertation zu Fragen politischer Souveränität mehr als berechtigte Zweifel an seiner Autorschaft weckt. Auf 286 von 400 geprüften Seiten hat das Internet-Wiki "GuttenPlag" Plagiate festgestellt. Die in dieser Woche im Deutschen Bundestag vom Minister noch einmal vertretene Version von bedauerlichen "handwerklichen Fehlern" ohne jeden Täuschungsvorsatz hat es nun schwer. Dass die zuständige juristische Fakultät an der Universität Bayreuth von ihren Promovenden keine eidesstattliche Versicherung, sondern nur eine Ehrenerklärung über die Authentizität der eingereichten Dissertationen verlangt, entspannt die Sache juristisch. Das politische Problem des Glaubwürdigkeitsverlustes bleibt.

Interessant ist die Diskussion insofern, als sie ganz grundsätzlich eine Frage aufwirft, über die nur selten so leidenschaftlich gestritten wird: Gelten für Politik und Wissenschaft die gleichen Regeln der Aufrichtigkeit? Die Rhetorik derjenigen Guttenberg-Unterstützer, die verlauten lassen, Deutschland habe Wichtigeres zu tun, als sich um ein paar Fußnoten zu kümmern, ist durchschaubar. Und passt doch gut zur antiintellektuellen Professorenschelte à la Schröder.

Guttenberg selbst bedient dieses Ressentiment mit der ebenso überflüssigen wie formal unmöglichen ‚Rückgabe‘ seines Doktortitels nach dem Motto: Für gute Wissenschaft hat es eben nicht gereicht. Nun widme ich mich, ganz der Alte, meiner eigentlichen Bestimmung zum Handeln, bei der mich die akademische Abstraktion ohnehin nur behindert hat. Und die Kanzlerin? Sie stellt sich mit dem Hinweis hinter Guttenberg, "einen guten Verteidigungsminister und keinen wissenschaftlichen Assistenten" eingestellt zu haben.

Dieser Halbsatz liegt nur auf den ersten Blick voll auf der Guttenberg-Linie. Er ist viel kühler, als es dem Darsteller des Antipolitikers, der sein Selbsthelferimage wieder aufpolieren möchte, recht sein kann. In ihrer nüchternen, analytischen Art hat die promovierte Physikerin Angela Merkel, die in einer früheren Lebensphase selbst Teil des Wissenschaftsbetriebes gewesen ist, die Systemgrenzen zwischen Politik und Wissenschaft benannt. Was ein guter Politiker ist, das bestimmt das politische System nach der Rationalität der Macht. Das System der Wissenschaft dagegen folgt dem Leitbegriff der Wahrheit. Natürlich können wissenschaftliche Wahrheitsfragen politischen Machtcharakter annehmen. Guttenbergs Doktorarbeit ist ohne Zweifel so ein Fall. Gleichwohl behalten beide Systeme ihre je eigene Rationalität. Wenn Guttenberg sich nunmehr ganz für die eine Seite entscheidet, dann nimmt ihn die Kanzlerin mit offenen Armen auf und lässt ihn und die Öffentlichkeit zugleich spüren, dass er von nun an ein Politiker wie jeder andere ist. Effektiver kann Merkel ihren einzigen ernsthaften Konkurrent um das Kanzleramt nicht in Schach halten.

... und moralische Scheinkritik


Dass die Opposition nun versucht, den Freiherrn, der auszog, bürgerliche Politik zu machen, genussvoll als einen verschlagenen Ehrgeizling vorführt, der mehr scheinen will, als er ist, gehört zum politischen Geschäft. Den politisch interessierten Beobachter muss diese moralische Scheinkritik trotzdem ärgern, weil sie die Guttenberg'schen Authentizitätsfestspiele mit vertauschten Rollen fortsetzt, anstatt dem Minister politisch zu begegnen.

Es wundert ja doch, dass Guttenberg im Bundestag zwar bildungsbeflissen als Felix Krull beschimpft wurde, dass aber niemand den für den Angegriffenen schlimmsten Fall zu denken wagte. Was wäre, wenn er gerade kein Hochstapler ist, sondern die Wahrheit über seine Doktorarbeit sagt? Wenn er also nicht vorsätzlich getäuscht, sondern tatsächlich die Übersicht über seine Quellen verloren und gar nicht gemerkt hat, dass sein Werk nichts Eigenes hat? Dann würde aus Goethes genialischem Ritter mit der eisernen Faust im Handumdrehen der Eduard aus den Wahlverwandtschaften, "ein reicher Baron im besten Mannesalter" , der am Ende des Romans erkennen muss: "Was bin ich unglücklich, dass mein ganzes Bestreben nur immer eine Nachahmung, ein falsches Bemühen bleibt" .

Anstatt die Frage zu stellen, ob jemand, der nicht merkt, dass er abschreibt, der richtige Mann für die anstehende Bundeswehrreform und den Krieg in Afghanistan ist, wird weiter so getan, als könnten und sollten Politiker schlicht authentisch sein und als sei die Wissenschaft mit ihren strengen Regeln zur Zitation fremder Werke nichts anderes als ein moralisches Vorbild für Aufrichtigkeit. Der Sinn dieser Regeln liegt nicht in der Erziehung der Gesellschaft. Sie sind notwendig, weil in der Scientific Community jeder einen Namen braucht, den andere adressieren können. Nur so lässt sich Wissen vermehren.

Allerdings hat die Wissenschaftspolitik in Deutschland durchaus ihren Guttenberg-Effekt. Die "Exzellenzinitiativen" des Bundes haben den Druck auf die Forscher an den Universitäten extrem verstärkt. Bücher, die früher einfach geschrieben wurden, werden nun in Form immer neuer, meist zusammengeschriebener Drittmittelanträge zu Welterklärungsprojekten aufgeblasen. Das führt zwangsläufig zur Scheinwissenschaft. Böse Zungen behaupten, bald werde man mit solchen Drittmittelanträgen kumulativ promovieren können. Vielleicht erhält Guttenberg dann eine zweite Chance. (Thomas Weitin/DER STANDARD, Album, 26./27.2.2011)

Thomas Weitin, geb. 1971, ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Konstanz, einer seiner Schwerpunkte ist Literatur und Recht.

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    Wo viel Licht, da auch viel Schatten: Natürlich können auch wissenschaftliche Wahrheitsfragen politischen Machtcharakter annehmen. Guttenbergs Doktorarbeit ist ohne Zweifel so ein Fall.

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