Deutschland erfindet sich neu

25. Februar 2011, 17:00
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Im "Manifest der Vielen" haben sich muslimische Intellektuelle zu Wort gemeldet, um die Rolle des Islam in Europa neu zu diskutieren

Wir Kinder der ersten Gastarbeitergeneration wurden von zu Hause aus - ohne pauschalisieren zu wollen - nicht unbedingt auf Selbstbewusstsein getrimmt. Die Unsicherheit unserer Eltern, sich in einem fremden Land mit fremder Kultur und ohne Sprachkenntnisse zurechtfinden zu müssen, wurde - ohne böse Absichten - in nicht seltenen Fällen auf uns Kinder übertragen. Anweisungen wie "Falle weder positiv noch negativ auf!" gehörten zum Standardrepertoire vieler Eltern. Ein unter Türken besonders verbreitetes Sprichwort ist: "Das Lamm, das sich von der Herde entfernt, fressen die Wölfe." Das deutsche Pendant "Das freie Schaf frisst der Wolf" ist im deutschen Volksmund weniger geläufig. Entsprechend wurde uns das Schwimmen mit dem Strom beigebracht. Mit dem Strom aber schwimmen nur tote Fische.

Daher ist es an der Zeit, dass wir uns gewisser Altlasten entledigen, ein gesundes Selbstbewusstsein aufbauen und gegen den Integrationsstrom schwimmen. Wir sollten uns unserer Stärken und Erfolge bewusst werden, aber auch unsere Schwächen kennen und uns dafür nicht schämen oder gar verurteilen. Wenn wir uns für unsere Fehler und Schwächen verurteilen, schwächen wir unser Selbstwertgefühl und damit unser Selbstvertrauen - eine Säule des Selbstbewusstseins.

Anhand alltäglich anzutreffender Beispiele wollen wir uns vergegenwärtigen, welche äußeren Faktoren unser Selbstbewusstsein beeinflussen. Zu diesen zählen nahezu allgegenwärtige Diskussionen über vermeintliche Integrationsverweigerer, Sozialschmarotzer, bildungsferne Menschen, die Kopftuchmädchen produzieren, Leitkultur, Minarett- und Moscheebauten, Parallelgesellschaften, hohe Kriminalitätsraten und Machokultur, Zwangsheirat, Ehrenmorde und Frauenunterdrückung. All das geht an unserem Selbstwertgefühl nicht spurlos vorbei. Wir verfallen nicht selten in den Glauben, nicht liebenswert und wertvoll zu sein - ein K.-o.-Kriterium für ein gesundes Selbstbewusstsein.

Wer aber sind die Übrigen?

Ja, ich komme ursprünglich aus der Türkei, bin aber hier geboren und aufgewachsen. Dies ist immer öfter die Antwort auf eine entsprechende Frage beim gesellschaftlichen oder beruflichen Kennenlernen, so als wolle man sich abgrenzen vom übrigen Pack. Wer aber sind die Übrigen? Die eigenen Eltern?

Der Zusatz, dass man hier geboren und aufgewachsen ist, soll dem Gegenüber klarmachen, dass man dazugehört. Dieser Abgrenzungsversuch signalisiert aber noch viel mehr. Darin schwingt unhörbar Angst mit - Angst, nicht gemocht zu werden und auf Ablehnung zu stoßen. Angst, in dieselbe Schublade gesteckt zu werden wie die Frau mit dem bunten Kopftuch, die stets von hinten zu sehen ist und die Aldi-Tüte in der einen, das Kind in der anderen Hand hält und in den Medien üblicherweise für Nachrichten über Parallelgesellschaften und Hartz-IV-Empfänger herhalten muss. Gleichzeitig offenbart ein solcher Abgrenzungsversuch, dass man sich von den Integrations- und Islamdebatten in höchstem Maße persönlich angesprochen fühlt.

Menschen mit einem gesunden Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl zeichnen sich aber gerade dadurch aus, dass sie kein übertriebenes Bedürfnis haben, von allen anerkannt und gemocht zu werden. Sie besitzen die Selbstsicherheit, mit Ablehnung umzugehen, weil sie eine Ablehnung nicht persönlich nehmen. Ihr Selbstwertgefühl wird durch eine Ablehnung nicht verletzt oder herabgesetzt.

Daher empfiehlt es sich, einen Punkt zu setzen. Entweder kommt man aus der Türkei - Punkt. Oder von zu Hause - Punkt. Außerdem kann man aus Baden-Württemberg, aus Berlin kommen oder ein kölsche Jung sein. Möchte man frech auftreten, kann man auch mit einer Gegenfrage antworten: "Wollen Sie die Wahrheit - oder nur irgendeine Antwort?" Unnötige Erklärungsversuche wie "ja, aber" sind eindeutig fehl am Platz. Man ist wer, ohne Wenn und Aber.

Ja, ich bin gebürtiger Türke, habe aber die deutsche Staatsbürgerschaft. Ein weiteres, häufig anzutreffendes Phänomen. Besonders deutlich wird es, wenn der erste Teilsatz eher leise und schüchtern daherkommt und die Stimme zum Satzende hin stärker wird. Hinter diesem Abgrenzungsversuch von jenen, die nur Türken sind, stecken ähnliche Motive wie die zuvor angeführten. Die Ursachen sind ebenfalls ähnlich.

Uns wird suggeriert, dass wir nur dann vollkommen integriert sein können, wenn wir eingebürgert sind. Die deutsche Staatsbürgerschaft sei "die Vollendung" und stehe deshalb "am Ende" eines erfolgreichen Integrationsprozesses, ist von ranghohen Politikern oft zu hören. Wir machen uns derartige Statements nicht selten zu eigen und versuchen unser vermeintlich ungenügendes Türkendasein mit der deutschen Staatsbürgerschaft zu schminken. Was aber verbirgt sich hinter der Maske? Unsere Antwort kann unterschiedlich ausfallen: Türke, Deutschtürke, Deutscher, Berliner, Schwabe oder einfach nur Muttis Sohn. Auch hier gilt das Gleiche wie oben: Man ist wer, ohne Wenn und Aber.

Es geht nicht darum, entsprechenden Fragen auszuweichen oder die Unwahrheit zu sagen. Werden Sie explizit nach der Nationalität gefragt, ist der Verweis auf Ihre Staatsbürgerschaft - aber auch nur dann - legitim und auch richtig. Worum es geht, ist, sich selbst bewusst zu sein, wie man sich sieht und letztendlich dazu auch zu stehen. Es geht um ein angstfreies und somit selbstbewusstes Auftreten. Das kann man nur erlangen, wenn man die eigene Antwort - wie immer man sich auch sieht - für sich selbst überzeugend begründen kann.

Was mich betrifft: Ich bin Türke seit 2004 und deutscher Staatsbürger seit dem Jahre 2000. Paradox? Keinesfalls.

Kurz nach meiner Einbürgerung trat ich eine Stelle als Werkstudent bei den Kölner Fordwerken an. Man stellte mir einen Betriebsausweis aus. Nur damit, so sagte man mir, könne ich das Gelände betreten und an den bevorstehenden Betriebsratswahlen teilnehmen. Wenn ich ein Auto kaufen wolle, könne man mir Sonderkonditionen anbieten. Mit einem Ford bekundete man gewissermaßen seine Loyalität zum Arbeitgeber. Schon damals erkannte ich gewisse Parallelen zum Personalausweis, der mir bei der Einbürgerung ausgehändigt wurde: freies Betreten der Bundesrepublik, Wahlrecht, gewisse Sonderkonditionen und eine Loyalitätsbekundung. Einen Unterschied gibt es aber schon, dachte ich mir - damals noch grün hinter den Ohren. Nach meinem Austritt aus den Fordwerken gab ich den Betriebsausweis zurück, mein Personalausweis der Bundesrepublik Deutschland hingegen war für die Ewigkeit bestimmt. Falsch gedacht.

Im Jahre 2004 hat Deutschland über Nacht und ohne vorherige Abmahnung verkündet, fünfzigtausend ausschließlich eingebürgerte Türkischstämmige aus der deutschen Staatsbürgerschaft entlassen zu haben, und deren Personalausweis für ungültig erklärt - ohne Abfindung und sonstige Ansprüche.

Den Grundstein für diese Massenentlassung hatte man bereits im Jahre 2000 gelegt. Mit einer kleinen Gesetzesänderung im Staatsangehörigkeitsrecht - Wegfall der sogenannten Inlandsklausel - wurden Bürger zu Ausländern gemacht, obwohl sie seit mehreren Jahrzehnten in Deutschland lebten und arbeiteten. Beamte verloren ihren Status, abgeleistete Wehr- und Zivildienste wurden aberkannt, staatliche Leistungen rückwirkend für viele Jahre zurückgefordert und Familien in den finanziellen Ruin getrieben. Sie wurden juristisch so gestellt, als seien sie erst vor ein paar Jahren eingereist. Sie mussten sich in der Ausländerbehörde anstellen, um einen befristeten Aufenthaltstitel ausgestellt zu bekommen, sofern sie noch die Voraussetzungen erfüllten. Dass ich meinen Personalausweis behalten durfte, hatte ich lediglich einem Zufall beim türkischen Konsulat während der Ausbürgerung zu verdanken.

Ein zufälliger Deutscher

Das ist mein Schlüsselerlebnis und meine Begründung, weshalb ich allenfalls ein zufälliger Deutscher bin und mich lediglich zum Personal der Bundesrepublik zugehörig fühle. Loyalitätskonflikte habe ich, seit ich ein deutsches Fabrikat fahre, nicht mehr. Dieses Wissen verhilft mir zu einem selbstbewussten Auftreten. Wenn ich sage, dass ich Türke bin, so weiß ich, warum, und kann es bei Bedarf darlegen. Machen auch Sie sich Gedanken über Ihre Antwort und begründen Sie es für sich, wie auch immer Sie sich entscheiden. Ihr Ego wird es Ihnen danken.

Ja, ich bin Muslim, bekenne mich aber zum Grundgesetz. Ein weiterer Ausdruck mangelnden Selbstbewusstseins mit teilweise ähnlichen Hintergründen wie zuvor geschildert. Hinzu kommt mangelndes Wissen, Feind vieler Sorgen und Ängste.

In einem solchen Bekenntnis steckt der vermeintliche Gedanke, gängigen Vorurteilen entgegenwirken zu wollen. Nein, ich bin kein Islamist, nicht demokratiefeindlich und für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, möchte man damit zum Ausdruck bringen. Dieses Bekenntnis offenbart bei näherer Betrachtung aber nichts anderes als Fehlinformationen über die hiesige Rechtsordnung.

Prinzipiell gewährt das Grundgesetz allen Menschen die Freiheit, die im Grundgesetz verankerte Meinungsfreiheit aufgrund der Meinungsfreiheit nicht zu mögen, ohne dafür belangt zu werden. Das Gleiche gilt auch für andere Artikel des Grundgesetzes. So kann Ihnen die Meinungsfreiheit zu weit gehen, das Wahlrecht nicht weit genug und die Versammlungsfreiheit sowohl zu weit als auch nicht weit genug - je nachdem. Das alles ist legitim und Ihr gutes Recht. Sie müssen nicht alle Karikaturen mögen. Sie dürfen für das kommunale Wahlrecht für Ausländer sein. Möglicherweise können Sie aber auch nicht nachvollziehen, weshalb die Versammlungsfreiheit nur ein sogenanntes Deutschenrecht ist und nicht auch für Ausländer gelten soll. Gleichzeitig können Sie monieren, dass Rechtsextreme sich auf dieses Recht berufen und sich in der Öffentlichkeit versammeln und marschieren dürfen. Weitere Beispiele ließen sich aufführen.

Warum dürfen Sie das? Weil Verfassungen nicht Sie, sondern den Staat verpflichten. Das Grundgesetz ist Ihr Schutzgesetz gegenüber dem Staat - und nicht umgekehrt. Der Staat ist Ihnen gegenüber verpflichtet, die im Grundgesetz verankerten Rechte zu gewähren. Daher dürfen Sie Ihre Meinung frei äußern und demonstrieren, selbst wenn Sie sich dabei für eine Änderung des Grundgesetzes starkmachen.

Sie sind lediglich verpflichtet, sich an die (einfachen) Gesetze zu halten. Sie dürfen niemanden beleidigen, anschwärzen oder während einer Demonstration gewalttätig werden. Das steht im Strafgesetzbuch. Das sind Ihre Regeln. Daneben gibt es viele weitere Gesetze, die das friedliche Miteinander regeln. Exemplarisch sei hier nur die Straßenverkehrsordnung genannt. Bei Verstößen gibt es Geldbußen bis hin zu Freiheitsstrafen. Eine Sanktion haben Sie aber, wie gesagt, nicht zu befürchten, wenn Sie sich nicht zum Grundgesetz bekennen, da dessen Adressat nicht Sie sind, sondern der Staat.

Bekenntnis zum Grundgesetz

Deutlicher wird es, wenn man sich Entscheidungen der Verfassungsgerichte anschaut. Dort werden Sie keine einzige Entscheidung finden, die gegen einen Menschen als Individuum gerichtet ist, weil nur der Staat in der Lage ist, gegen ein Grundrecht zu verstoßen. Makaber ist, dass selbst der Verfassungsschutz von den Verfassungsgerichten nicht selten verurteilt wird, weil er sich nicht an die Grundrechte gehalten hat.

Auch Gesetze, die von unseren ranghohen Politikern verabschiedet werden, werden von den Gerichten nicht selten einkassiert, weil sie gegen Grundgesetze verstoßen. Aber nicht nur das. Viele der öffentlich geäußerten Forderungen von Politikern - würden sie umgesetzt - wären ebenfalls verfassungswidrig. Wenn der bayerische CSU-Chef Horst Seehofer beispielsweise einen Zuzugsstopp von Ausländern aus bestimmten Kulturkreisen fordert, macht er im Grunde unmissverständlich klar, dass ihn der Gleichbehandlungsgrundsatz im Grundgesetz stört. Und wenn er im selben Atemzug von Ihnen als Muslim ein Bekenntnis zum Grundgesetz fordert, macht er sich allenfalls lächerlich. Und was meinen Sie, was für ein Bild Sie abgeben, wenn Sie seiner Forderung auch noch nachkommen? Kein gutes. Mehr noch: Sie tun ihm einen Gefallen und bestätigen Vorurteile, die er selbst in die Welt setzt. Mit seiner Forderung an Sie, ein Bekenntnis abzugeben, suggeriert er nichts anderes, als dass Sie verfassungsfeindlich eingestellt sind. Mit Dementis baut man keine Vorurteile ab. Lassen Sie es! Wie geht man aber damit um?

Nein, natürlich bin ich nicht zwangsverheiratet.

Vorurteile, die wir nicht abbauen können, sollten wir hin und wieder bestätigen. Das soll nicht bedeuten, dass wir all das tun sollen, was uns vorgeworfen wird. Je nach Situation kann es aber von Vorteil sein, wenn wir die Kunst des Übertreibens für uns nutzen, um ein Vorurteil dort hinzuziehen, wo es hingehört: ins Lächerliche.

Meine bessere Hälfte und ich waren auf eine Hochzeitsfeier in Kavala eingeladen, einer kleinen griechischen Stadt unweit der türkischen Grenze. Eine deutsche Freundin und ein griechischer Freund wollten sich das Jawort geben. Die Trauungszeremonie in der griechisch-orthodoxen Kirche dauerte an, als ich vor die Tür ging, wo sich weitere geladene Gäste aus Deutschland zu einem Smalltalk zusammengefunden hatten. Ich schloss mich der Runde an, und es war nur eine Frage der Zeit, bis mich jemand fragte, woher ich komme. Ich wusste, worauf die Frage hinauslief, und gab die Antwort, die man hören wollte, weil ich keine Lust auf die übliche Nachfrage hatte. "Aus der Türkei", antwortete ich.

Lautes Gelächter

Eine äußerst sympathische ältere Dame aus Baden-Württemberg sah mich daraufhin entsetzt an und setzte eine mitleidige Miene auf. Ich ahnte Schlimmes. Vor meiner Abreise hatte ich mir Entspannung erhofft und wollte nicht zuletzt dem Integrationsstress entfliehen. Die alte Dame übertraf aber alle meine Befürchtungen. Sie fragte mich auf direktem Wege, ob ich auch zwangsverheiratet sei. In Deutschland hätte mich so eine Frage wahrscheinlich weniger überrascht, vor der griechisch-orthodoxen Kirche in einem kleinen Vorort von Kavala traf es mich doch unerwartet.

Die Verlegenheit und das Peinlich-Berührtsein der deutlich Jüngeren um uns gaben mir ein paar Sekunden, eine Antwort vorzubereiten. Darauf gibt es keine vernünftige Antwort, ging mir durch den Kopf. Keine Chance, mit nur wenigen Sätzen unzählige Titelseiten und Fernsehberichte über Zwangsverheiratungen aus dem Kopf dieser älteren Dame zu löschen. Ich hielt mich an die obengenannte Regel. Ich bestätigte ihre Vorurteile und setzte noch einen obendrauf: "Ja", sagte ich, "mit allen meinen Bräuten. Die anderen drei habe ich aber in Deutschland gelassen." Lautes Gelächter war die Reaktion.

Ohne eine gesunde Portion Selbstbewusstsein und Schlagfertigkeit wäre ich in Kavala womöglich untergegangen. In ähnlichen Situationen befinden wir uns immer wieder. Lernen Sie daher, wenn es die Situation erlaubt, Vorurteile in überspitzter Form zu bestätigen. Auch auf die Gefahr hin, dass Sie mal als nicht integriert eingestuft werden. Denn schaut man sich mal näher an, was Integration bedeuten soll, spielt diese Bewertung keine Rolle.

Ja, selbstverständlich bin ich integriert.

Ebenfalls eine Phrase ohne tieferen Sinn. Worin sind Sie integriert? Oder anders gefragt: Ist ein seit vielen Jahren arbeitsloser Hochschulabsolvent mit perfekten Deutschkenntnissen integrierter als ein ausländischer Gastarbeiter am Fließband, der nur spärlich Deutsch spricht und im Alltag die Muttersprache bevorzugt? Ersterer schaut Tagesschau, zahlt keine GEZ-Gebühren und liegt auch sonst der Allgemeinheit auf der Tasche. Der Fließbandarbeiter hingegen zahlt seine Steuern, finanziert die Produktion der Tagesschau seit über dreißig Jahren mit und schaut nach Feierabend Heimatsender. Wer hat sich für die Allgemeinheit eher verdient gemacht?

Eine allgemeine Feststellung, dass man integriert sei, ist und bleibt eine Floskel. Integration hat viele Facetten. Man kann in den Arbeitsmarkt integriert sein und sich privat lieber zurückziehen. Auf der anderen Seite kann man arbeitslos sein, sich aber kein gesellschaftliches Ereignis entgehen lassen. Und selbst dort müsste man weiter unterscheiden: Welches Zelt suchen Sie auf, wenn Sie zum Oktoberfest gehen? In welche Zelte lässt man Sie überhaupt rein?

Die Suche nach Antworten auf diese Fragen wird Sie mit der Frage konfrontieren, was Integration überhaupt ist. Sie werden zu der Erkenntnis kommen: nichts weiter als eine leere Worthülse, die insbesondere Politiker nach Gutdünken verwenden und gerade deswegen kein Interesse daran haben, konkreter zu werden. Sie eifern einem unbestimmten Etwas nach, das von niemandem erreicht werden kann.

Lassen wir es. Wir müssen uns nicht integrieren. Denn Deutschland ist nicht nur ein demokratischer und sozialer Rechtsstaat. Es ist auch ein freiheitlicher Staat, der Ihnen das Recht auf freie Entfaltung Ihrer Persönlichkeit gibt.

Sie dürfen sich kleiden, wie es Ihnen gefällt, Sie dürfen einkaufen, wo Sie wollen, Sie dürfen schauen, was Sie wollen, Sie dürfen wohnen, wo Sie wollen, und Sie können an gesellschaftlichen Veranstaltungen teilnehmen oder einfach zu Hause bleiben - ganz wie Sie es wollen. Nicht Sie sind das Problem, wenn Sie diese Freiheit in Anspruch nehmen, sondern diejenigen, die das grundrechtlich geschützte Recht nicht akzeptieren wollen.

Streben Sie stattdessen eine Symbiose an. Sie bezeichnet die Vergesellschaftung von Individuen unterschiedlicher Arten, die für beide Partner vorteilhaft ist. Bringen Sie sich ein, tun Sie etwas für das Gemeinwohl, seien Sie nett, höflich und zuvorkommend und ein Vorbild für die Jüngeren. Tun Sie das mit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, haben Sie allen Grund, der Integrationsforderung selbstbewusst die kalte Schulter zu zeigen und sich nicht vor den Karren anderer Leute spannen zu lassen. (Ekrem Senol/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.2.2011)

Zur Person

Ekrem Senol, geb. 1975 in Gummersbach, ist Chefredakteur von MiGAZIN. Er studierte Rechtswissenschaften in Köln. Mit dem Schreiben begann er 2005 in Form seines Blogs. 2007 zitierte das Bundesverfassungsgericht daraus und erkannte erstmals eine Internetquelle offiziell als zitierfähig an. Ende 2008 gründete er das MiGAZIN mit dem Ziel, Themen anzusprechen, die vom Mainstream nicht beachtet bzw. verzerrt dargestellt werden.

www.blumenbar.de

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    "Ja, ich bin gebürtiger Türke, habe aber die deutsche Staatsbürgerschaft": Zwischen Vorurteilen und Ablehnung gibt es wenig Selbstvertrauen.

  • Hilal Sezgin (Hg.), "Manifest der Vielen. Deutschland  erfindet sich  neu". Blumenbar- Verlag 2011. Mit Beiträgen von: Hatice Akyün, Naika Foroutan, Pegah Ferydoni, Navid Kermani, Ilija Trojanow, Feridun Zaimoglu u. v. a.
    foto: blumenbar verlag

    Hilal Sezgin (Hg.), "Manifest der Vielen. Deutschland erfindet sich neu". Blumenbar- Verlag 2011. Mit Beiträgen von: Hatice Akyün, Naika Foroutan, Pegah Ferydoni, Navid Kermani, Ilija Trojanow, Feridun Zaimoglu u. v. a.

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