Ballonfahrt zum Glück

25. Februar 2011, 18:06
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Ein kleines Buchwunder: Die Journalistin Ursula von Arx hat mit Menschen über deren mehr oder weniger geglücktes Leben gesprochen

Das "AB-Päckchen" ist eine praktische, tiefsinnige Erfindung der Pfadfinder. Wer stets Nähzeug, Sicherheitsnadel, einen Kerzenstummel und einen Bleistift mit sich hat, ist gegen fast alles Unglück gefeit, eben: "allzeit bereit".

Auf eine solche Grundausrüstung schwört auch der Zeichner Tomi Ungerer - als Ausdruck seiner Lebenshaltung, stets auf das Schlimmste gefasst zu sein. Ungerer, ein liebenswerter Grantler vor dem Herrn ("Man kann Glück natürlich suchen, bitte. Ich habe nichts dagegen. Aber das ist dann eine Ballonfahrt, bei der man sehr schnell abstürzt.") ist einer der wenigen Gesprächspartner von Ursula von Arx, der konkrete Rezepte parat hat - nicht das Glück zu finden natürlich, wohl aber dem Unglück zu trotzen. Humor wäre ein Weiteres: "Man muss über alles lachen. Hast Du einen Tumor? Nimm ihn mit Humor."

Das Glück, orakelte unlängst das schrille Gelegenheitsmodel Daniela Katzenberger, so weise wie blond, "ist eine Bitch, jeden Tag macht es jemand anderen glücklich." Mit 20 Menschen hat sich die Schweizer Journalistin Ursula von Arx seit jenem Tag unterhalten, an dem sie selbst unglücklich, nämlich arbeitslos wurde. Einige, um im Bild zu bleiben, sind Stammkunden dieser Bitch (wie Daniel Cohn-Bendit, der strahlend von sich selbst sagt: "Ich bin wie Obelix in einen Zaubertrank gefallen"), andere sind ihr nur selten begegnet.

Darunter die Mutter der Autorin, die mit 77 Jahren nach einem traurigen Leben auf dem Land und einer lieblosen Ehe ihren Mann pflegt und ihrer Tochter von ihrer Wehmut erzählt beim Anblick von verliebten Paaren. Mit dieser unerfüllten Sehnsucht trifft sie sich mit dem Benediktinerpater Anselm Grün, der gesteht, sich manchmal, wenn die "Wunde, ohne Frau zu leben", zu sehr schmerzt, selbst zu umarmen. Die Gesprächspartner der Autorin sind prominente Menschen und ganz "gewöhnliche". Einige haben ihr Leben hinter sich, andere vor sich.

Eine bemerkenswer-te Zusammenstellung: Denn vor Glück und Unglück sind alle gleich, und das Leben einer Putzfrau ist nicht weniger faszinierend als das des Selbsterfindungskünstlers Blixa Bargeld. Die gelassene Resignation, mit der sich die Analytikerin Margarete Mitscherlich mit 93 mit dem Alter arrangiert, ist so berührend wie der wiedererwachte Lebensmut der 15-jährigen Schülerin, die gegen ihre Bulimie ankämpft. Entstanden ist so ein kleines Buchwunder: überraschend, aufregend und widersprüchlich wie das Leben selbst. Dass Sex glücklich macht, wird man nach dem Gespräch mit Catherine Millet, die mit über 1000 Männern geschlafen hat, eher bezweifeln. Und Günter Wallraffs glücklichster Moment hatte nichts mit sozialem Engagement zu tun, sondern war ein Augenblick allein im Kajak auf dem Meer. "Das einzig sichere Rezept für Glück ist", sagt Ursula von Arx, "das Glück und Unglück mit anderen zu teilen." Ein Glück, dass sie das mit ihrem Buch getan hat. (Oliver Pfohlmann, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 26./27. Februar 2011)


  • Ursula von Arx, "Ein gutes Leben. 20 Begegnungen mit dem Glück ".
 Kein 
& Aber 2010, € 18,90 / 224 Seiten. Zürich 2010
    foto: kein & aber

    Ursula von Arx, "Ein gutes Leben. 20 Begegnungen mit dem Glück ". Kein & Aber 2010, € 18,90 / 224 Seiten. Zürich 2010

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