Berufswelt 2.0

Die Arbeit wird alle elf Minuten unterbrochen

25. Februar 2011, 14:30
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    foto: apa/thomas preiss

    Josef Herget, Leiter des Zentrums für Wissens- und Informationsmanagement an der Donau-Universität Krems.

Danach machen 40 Prozent der Mitarbeiter etwas anderes - "Always on"-Mentalität nimmt zu - Experten diskutierten über Chancen und Stolpersteine

Wien - Die rasanten Veränderungen in der Arbeitswelt - getrieben vor allem von der Informationstechnologie - und das Verschwimmen von Berufs- und Privatleben machen eine völlig neue Unternehmenskultur notwendig. Nur so könnte die Produktivität des Einzelnen gesteigert und gleichzeitig die Arbeitszufriedenheit erhöht werden, waren Expertinnen und Experten bei einer Podiumsdiskussion der APA-E-Business-Community gestern, Donnerstagabend, in Wien überzeugt.

"Alle elf Minuten werden wir durch eintrudelnde E-Mails, Telefonate oder Kollegen unterbrochen. Danach machen aber 40 Prozent der Mitarbeiter etwas anderes als zuvor, wodurch massive Produktivitätsverluste auftreten", erklärte Josef Herget, Leiter des Zentrums für Wissens- und Informationsmanagement an der Donau-Universität Krems. Die "Always on"-Mentalität nehme zu und die Krankheitstage wegen Burn-out hätten sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt.

Produktiver auf Kosten der Menschen

"Dieser Trend scheint nicht abzunehmen. Irgendwas läuft da falsch. Wir sind produktiver geworden, aber in vielen Bereichen auf Kosten der Menschen", so Herget. Die Arbeit verfolge uns in die Freizeit. Erholungsphasen würden durchlöchert oder seien gar nicht mehr vorhanden. Die Autonomie im Büro gehe zurück, weil technische Systeme den Arbeitsablauf bestimmen und Wissens- zu Fließbandarbeitern machen würden. "Die totale Kontrolle ist - zum Beispiel im Call Center - Realität, wenn auf die Sekunde ausgewertet werden kann, wer wie viele Gespräche wie lange geführt hat", sagte der Experte.

Um die Zufriedenheit der Mitarbeiter zu erhöhen, müsste man ihnen mehr Autonomie zugestehen - "also wann mache ich was und wie"? Außerdem gehe es um Kompetenzerweiterung durch eine Zusammenarbeit über die Abteilungsgrenzen hinaus. Dadurch könnte ein gewisser Expertenstatus erworben werden. Drittens müssten die Arbeitnehmer das Gefühl haben, etwas zu tun, was Sinn macht, meinte Herget. Dann würden neue Technologien am Arbeitsplatz sowohl die Produktivität als auch die Arbeitszufriedenheit erhöhen.

Eingebürgert

Betriebe und Führungskräfte müssten sich dazu schleunigst etwas überlegen, sagte Silvia Hruska-Frank von der Arbeiterkammer. "Auch wenn es nicht angeschafft wurde, hat sich da viel eingebürgert. Welcher Chef hat früher am Wochenende am Festnetztelefon angerufen und ist davon ausgegangen, dass sofort abgehoben oder zumindest zurückgerufen wird?", so Hruska-Frank.

Die permanente Erreichbarkeit könne auch gesundheitliche Probleme mit sich bringen. Außerdem passe die finanzielle Gegenleistung zumeist nicht dazu, "dass Arbeitnehmer oft nicht einmal wissen, wann sie eigentlich Freizeit haben". Die technologische Entwicklung biete aber durchaus auch Vorteile, zum Beispiel wenn sie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Effizienz und damit die Zufriedenheit im Job verbessere.

Gefahr der Überforderung

"Die Unternehmen haben ja ein Interesse daran, dass die Mitarbeiter nicht ausbrennen. Die Gefahr wird aber größer", meinte Gerhard Laga von der Wirtschaftskammer Österreich. Das müssten sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer erkennen und gemeinsam Richtlinien erarbeiten, um Klarheit und Transparenz über Erwartungen und Verantwortlichkeiten zu schaffen. "Wenn neue Werkzeuge eingeführt werden, müssen auch alte wegfallen. Sonst findet eine Überforderung statt", so Laga.

"Die Technologie haben wir. Aber der Umgang damit ist die Herausforderung. Wie lauten die Spielregeln für die Nutzung, wie funktioniert das?", fragte Alexandra Moser von Microsoft Österreich. Schließlich hätten sich die Ansprüche und die Erwartungshaltung an die Mitarbeiter und an das Büro aufgrund von verschwimmenden Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben geändert.

Neue Arbeitnehmer-Rechte

Sie sieht mehr Video- bzw. Telefonkonferenzen, gemeinsames Arbeiten an einem Dokument, auf das von überall zugegriffen werden kann, und einen anderer Managementstil auf uns zukommen. Außerdem müssten neue Arbeitnehmer-Rechte in Einklang mit der wirtschaftlichen Realität gebracht werden, dürften den Mitarbeitern aber keine Nachteile einbringen.

"Die große Herausforderung auf dem Weg in Richtung Enterprise 2.0 liegt nicht auf einer technischen Ebene, sondern primär auf der Ebene der Unternehmenskultur", gab sich auch Peter Rass von der A1 Telekom Austria AG überzeugt: "Man muss den Mitarbeitern Vertrauen und Wertschätzung entgegenbringen." Ziel sei, Know-how zu verknüpfen. Früher habe man versucht, Wissen aus Personen mittels Software und Datenbanken zu extrahieren. Das sei grandios gescheitert.

Der Einsatz neuer Kommunikationstechnologien ermögliche es, auch Mitarbeiter in virtuelle Teams einzubinden, die nicht am selben Ort agieren, ergänzte Robert Ludwig vom Systemintegrator NextiraOne. Wichtig sei für Mitarbeiter wie auch Führungskräfte, den Überblick und die Balance zu wahren, damit chaotische Zustände vermieden werden. (APA)

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15 Postings
Hausmeister Heinrich
00
"sinnvolle Tätigkeit..."

Schauen wir es mal ehrlich an. Was muss den der Mensch, der sich in einem Angestelltenverhältnis befindet, heute verrichten?: hauptsächlich geisttötende Arbeit.
Da darf man sich nicht wundern, wenn die Leute jedes Schlupfloch nützen, um da auszukommen.

Mit Konzepten, wissenschaftlichen Arbeiten über Motivationssteigerung etc. kratzt man nur an der Oberfläche herum. Es bräuchte eine viel tiefgreigendere Sicht, alles andere ist nur Augenauswischerei: Was tun wir überhaupt? Mit welchen Motiven wirtschaften wir?

das kleine Massnahmenpaket
00
27.2.2011, 18:42

Zeitverschwendung wegen eintrudelnder Mails, Telefonate, Anfragen von Kollegen..? Wenn man im organisatorischen Bereich arbeitet, ist das Beantworten von Mails, Telefonaten und Anfragen doch eigentlich das Hauptarbeitsgebiet.

Ich bin allerdings der Meinung, dass auch nicht wenig Arbeitszeit durch sinnlose Besprechungen verloren geht, vor allem wenn stundenlang alles im Kreis durchgeredet wird und man nie auf den Punkt kommt. Hab das einmal erlebt: Wöchentliche Besprechung bis zu 3 Stunden am Stück, und am nächsten Tag ist sowieso alles anders entschieden worden.

Minister der Ökomonie
00
27.2.2011, 18:34
Die Produktivität steigern...

...bedeutet, steigende Arbeitslosenzahlen.

Wenn dieselben Menschen in einem Betrieb produktiver werden, wird Personal eingespart und die Arbeitslosenquote steigt. Das müsste auch gesehen werden, in diesem Zusammenhang.

notanaddict
00
28.2.2011, 08:05
???

Darum am besten so unproduktiv wie möglich, dann werden wir wenigstens alle Produktivität und Zeit für Innovation und Verbesserung nach Fernost verlagern. Schöne alte Welt?

cuibono
07
25.2.2011, 21:09
Das Problem ist, dass die ständige Erreichbarkeit der Arbeitnehmer

durch "elektronische Fussfesseln", wie z. B. Diensthandys, die auch privat genutzt werden können, forciert wird. Und die Arbeitsstunden, die in daer Freizeit geleistet werden, werden in der Regel nicht extra als Überstunden mit entsprechenden Zuschlägen abgegolten, sondern sind im Rahmen einer All-in-Vereinbarung pauschal im Gehalt inkludiert. So gehen stückweise über Jahre erkämpfte Arbeitnehmerrechte schlagartig verloren.

Ko Prolyt
02
27.2.2011, 10:06
vollkommen richtig...

und das schönste ist, wenn sich die vorstände mit hochtrabenden artikeln über CSR in irgendwelchen fachzeitschriften wichtig machen und wasser predigen aber wein saufen.

schon klar, dass CSR vielleicht für die vorsitzenden im HQ gilt...

durch produktivitätssteigerungen und optimierungsprogramme hat man die "ausnutzungsgrenze" zwischen den arbeitern (ausländern) und dazugehörigen führungskräften (inländern) eliminiert.

40 stundenwoche lt. vertrag: 60-80h/woche (inkl. wochenende) sind realität. ...und wehe man pocht einmal auf das recht auf familie oder erholung...

gell, HR. VEIT SORGER??? WIR erwirtschaften das was SIE mit ihrem GELDADEL-PACK verjubeln!

Peter Haas
09
25.2.2011, 20:12

"Drittens müssten die Arbeitnehmer das Gefühl haben, etwas zu tun, was Sinn macht, meinte Herget."

Noch besser fände ich, den Mitarbeitern nicht nur das Gefühl zu geben, sondern sie wirklich was sinnvolles machen zu lassen.

scrollradl
 
01
25.2.2011, 17:33
ich benutze erst dann ein handy . .

. . . wenn es drei für mich essentielle grundbedingungen erfüllt:
1. als feuerzeug nutzbar
2. als bieröffner brauchbar
3. zigarettenspender als app verfügbar

briefträger
07
25.2.2011, 16:30

Es wäre doch viel einfacher, wenn man die Arbeitnehmer nicht immer als Sklaven sehen würde.
Ein Unternehmen lebt von der Motivation seiner Mitarbeiter, das müsste man einmal in die Hirne der Unternehmer oder Führungsebenen kriegen.
In der heutigen, immer kurzlebig werdenden Zeit, muss alles besser und schneller gehen. Das alles natürlich nur auf Kosten der Mitarbeiter.
Für die Unternehmer gibt es nur noch eines, jedes Jahr bessere, höhere Zahlen schreiben. Dies natürlich auch auf Kosten der Löhne der Arbeitnehmer.

Die Einzige Motivation die es am Arbeitsplatz gibt, ist eine angemessenen Bezahlung.

sotho talker
 
00
26.2.2011, 12:39
das sehe sich nicht so

geld ist ein thema, aber beileibe nicht das wichtigste.
(amüsantes video dazu)
http://www.youtube.com/watch?v=u6XAPnuFjJc

die rezepte seh ich also weniger auf "geld" bezogen sondern wie es oben vorgeschlagen wird, mehr auf autonomie, möglichkeiten der kompetenzerweiterung und das wichtigste dem gefühl sinnolle arbeit zu leisten.

briefträger
13
26.2.2011, 13:59

Seien Sie doch ehrlich, wofür geht der Mensch heute arbeiten? Doch nur um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und der ist bei vielen sehr Karg geworden.

Ja früher war das anders, da hat man noch zu einem großen Teil auch für das Unternehmen gearbeitet. Denn da war in den Augen des Unternehmens die Mitarbeiter noch wichtig und ein Personalabbau kam nur dann in Frage, wenn es unbedingt nötig war.
Heute sieht es doch eher so aus:
Die Mitarbeiter sind dem Unternehmen völlig egal, wenn die Zahlen nicht so sind wie sie Prognostiziert wurden, werden als erstes die Mitarbeiter abgebaut.

Die Gewerkschaft spielt dabei natürlich mit. Früher gab es einen Kündigungschutz währen des Krankenstandes, dieser wurde still und heimlich einfach abgeschafft.

HKLE
14
25.2.2011, 17:04

Hohe Mitarbeiterfluktuation ist in vielen Unternehmen anscheinend kein Thema. Ich kenne nur vereinzelt Unternehmen, die ihre Mitarbeiter nicht nur am Papier wertschätzen. Dazu gehört neben einem sozialen Miteinander wohl auch die angemessene Bezahlung. Bin schon gespannt, wie die Unternehmen beim voraussichtlichen Umschwung - zuwenig qualifizierte Mitarbeiter - reagieren werden. Momentan ist jedenfalls Sklavenmentalität ziemlich weit verbreitet ...

Ko Prolyt
00
27.2.2011, 10:11
leider...

hat imho die ignoranz und selbstsucht unserer altvorderen uns heute die wichtigsten mittel genommen um unsere interessen durchzusetzen. welche firmen haben denn überhaupt noch einen betriebsrat?

seit bald 25 jahren bekommt man eingetrichtert: sei froh wenn du überhaupt einen job hast...ist doch gar nicht wahr!!! mittlerweile können die unternehmen froh sein, wenn sie überhaupt noch qualifizierte mitarbeiter bei deren preisvorstellungen bekommen.

zitat VEIT SORGER: immerhin stellen wir MANAGER den leuten die arbeitsplätze zur verfügung, daher sollten wir auch die boni bekommen und die arbeiter sich mit ihren löhnen zufrieden geben...

Hausmeister Heinrich
00
Das Ganze fängt schon bei der falschen Begrifflichkeit an:

Eigentlich gibt der "Arbeitnehmer" ja seine Arbeitskraft,ist also Arbeitgeber.

Und eiegntlich NIMMT der "Arbeitgeber" ja eine Arbeit der Angestellten entgegen, ist also Arbeitnehmer.

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