Wahnwitz, Blut und Hitler

25. Februar 2011, 17:56
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"Wenn das der Führer wüßte" - Otto Basils albtraumartige Romantravestie ist neu aufgelegt worden

Es muss Otto Basil Schmerzen bereitet haben, dieses Buch zu schreiben. Körperliche, seelische. Lässt sich die Überwindung nachvollziehen, sich jeden Tag an ein Manuskript zu setzen, in dem Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat und die Welt dominiert? Sein Einflussbereich erstreckt sich von Deutschland über die "Ostmark", vormals Österreich, bis nach Sibirien, Südafrika und beide Amerikas.

Es sind die frühen 1960er-Jahre. Mitten in einer totalitären, perfekt manichäischen Welt aus einem größtenteils erfundenen Pseudo-Germanismus, aus Hetze, blutigem und menschenverachtendem Fanatismus, teutonisch übersteigertem Bürokratiewahn und einem blinden Glauben an den gottgleichen "Führer" bewegt sich Albin Totila Höllriegl, ein sogenannter Strahlungsspürer. Dieser Gyromant dient Basil als Schiebe- und Klappfigur in seiner bitteren Farce, die eigentlich den Titel Wagenburg Deutschland trug.

Doch der Verleger Ernst Molden brachte Basils Text 1966 als Wenn das der Führer wüßte heraus, mit einer beachtlich hohen Startauflage von 25.000 Exemplaren und großem Echo. Denn so wüst, krude, perfide, bösartig, grotesk atemberaubend und durch und durch nicht im Geringsten zur Identifikation einladend - es gibt nicht einen Charakter, der auch nur einen sympathischen Wesenszug aufweist - war damals seit Längerem kein deutschsprachiger Roman mehr gewesen. Nicht mehr seit Günter Grass' Blechtrommel von 1959. Verglichen mit dem Danziger ist Basil trockener. Zugleich aber rabiater. Und in seiner Konsequenz auch selbstpeinigender. Nicht umsonst hat der Literaturwissenschafter Marcel Atze kürzlich den Vergleich zu Quentin Tarantino gezogen. Denn ähnlich wie in dessen Film Inglourious Basterds dreht es sich auch bei Basil um Eruptionen: Eruptionen des Hasses, der Verzweiflung und Verblendung, des Auslöschens, erstarrt zu einer apokalyptischen Kolportagetragikomödie aus Trieben, Blut und Sperma.

Erst ein Jahr zuvor ist Albin Totila Höllriegl von Göringstadt (Oberdonau), vormals Linz, nach Heydrich zwangsversetzt worden, in ein "Kyffhäuserkaff" im Harz. Seine Ambitionen waren von Intrigen durchkreuzt worden, wie er treuherzig-jämmerlich berichtet, von "Wühlmäusen seiner Fachschaft" in Stadl-Paura, das Wien als Hauptstadt ablöste.

Zu seinen neuen Kunden gehören dubiose NS-Granden, ein Auftrag führt ihn nach Berlin und in kafkaeske Ministerien. Als Hitler stirbt, schildert Basil die Grablegung im Kyffhäuser als Evokation der monumentalen Lichterhebungsfeiern à la Albert Speer. Ein berüchtigter Gefolgsmann namens Ivo Köpfler tritt die Nachfolge des rasch an Gottes Stelle rückenden Hitler an.

Es treten Verwerfungen zutage, Kämpfe um Macht, Einfluss und Rang. Diese internen Konflikte nutzt Japan - es bricht ein alles verzehrender Weltkrieg aus, inklusive gewaltiger, richtungslos hin- und herwogender Flüchtlingsströme, die auch Höllriegl mitreißen, abgeworfener Atombomben, Verstrahlung, Flucht von Nazi-Bonzen in sichere Gefilde. Den auf den Tod kranken Höllriegl verschlägt es mitsamt einer Nazine in ein Lager, dann in eine Fluchtcompagnie in die Antarktis, wo sie schließlich von Aufständischen attackiert werden.

Wieso sank dieser Roman vier Jahrzehnte ins Vergessen ab und ist erst jetzt wieder geborgen worden? 1992 veröffentlichte der englische Journalist Robert Harris mit Fatherland einen Bestseller, in dem er Hitler auch hatte siegen lassen. Da er zurückgriff auf das Genre des Kriminalromans, war seine Prosa zugänglicher - Stephen Frys Making History war 1996 eine kaum verschleierte Replik darauf: Was wäre gewesen, hätte Hitler nie gelebt?

War Otto Basils Buch einfach zu böse? Oder vielleicht vom Falschen geschrieben worden? Dabei war Basil (1901-1983) einflussreich und gut vernetzt, in den Nachkriegsjahren infolge der von ihm redigierten Literaturzeitschrift Plan, in der viele, bald bekannte Autorinnen und Autoren debütierten, und, seit der Einstellung des Plans 1948, als Kulturchef der Zeitung Neues Österreich.

Von Basil lässt sich eine direkte Linie ziehen zu Elfriede Jelineks Die Kinder der Toten und, unüberlesbar in einer orgiastischen Wirtshausfestivität, die zu einer Travestie aus Sex, Brutalität und blanker Mordlust mutiert, deren Stück Rechnitz (Der Würgeengel). Eine Höhlenszene reiht sich imposant ein in die Geschichte dieses Motivs in der österreichischen Literatur von Stifter über Jörg Mauthe bis Heinrich Steinfest.

Doch diesem Anti-Historien-Roman mit zahlreichen treffenden Karikaturen - von Doderer bis Heidegger und Josef Martin Bauers So weit die Füße tragen - mangelt es an dramaturgischer Variabilität. Zu selten bricht der Furor des Erfindens durch wie etwa in der atemverschlagenden Lebensbeichte eines Nazistrategen und Konspirateurs, der eigentlich Jude ist. Um Längen zu überbrücken, behilft sich Basil des Öfteren mit Montagen aus wahnwitzig parodierten Radiodurchsagen. Das Virtuose wird ersetzt durch grimme Anstrengung - und durch die Pein und den Schmerz, den Otto Basil beim Schreiben empfunden haben muss. (Alexander Kluy, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 26./27. Februar 2011)

 

 

Ähnlich wie in Tarantinos ,Inglourious Basterds' dreht es sich auch bei Basil um Eruptionen: Eruptionen des Hasses, der Verzweiflung, der Verblendung, des Auslöschens. " "

Anti-Historien-Roman mit treffenden Karikaturen: Otto Basil.

Foto: Schulda-Müller/ÖNB/picturedesk.com

 

 

Am 3. März um 19 Uhr wird der Innsbrucker Germanistik-Professor Johann Holzner in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur (Herrengasse 5, 1010 Wien) aus dem besprochenen Band lesen und diskutieren.

  • Otto Basil, "Wenn das der Führer wüßte". Mit einem Nachwort von 
Johann 
Holzner. € 23,90 / 384 Seiten. Milena-Verlag, Wien 2010
    foto: milena verlag

    Otto Basil, "Wenn das der Führer wüßte". Mit einem Nachwort von Johann Holzner. € 23,90 / 384 Seiten. Milena-Verlag, Wien 2010

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