Rilkes französische Megakarriere

25. Februar 2011, 17:58
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Enormes Interesse, kultische Verehrung: Rainer Maria Rilke ist in Frankreich ein Literatur-Superstar - Was sind die Gründe dafür?

Gemeinsam mit den Duineser Elegien haben Rilkes Briefe an einen jungen Dichter in Frankreich eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Das Buch gilt geradezu als Ratgeber für ein schöpferisches Leben. Im Internet finden sich begeisterte Reaktionen junger Franzosen, die nach wie vor dieses "bekannteste, beliebteste Werk Rilkes" verschlingen. Bis heute geben französischsprachige Autoren unterschiedlicher Provenienz Rilkes Briefe an einen jungen Dichter als Inspirationsquelle an.

Der österreichisch-französische Literaturwissenschafter Gerald Stieg, der die Arbeit verschiedener Rilke-Übersetzer ins Französische koordiniert hat, spricht von einem Sonderfall und der Notwendigkeit, die "Rilke-Rezeption in Frankreich einmal systematisch zu untersuchen".

Dieses enorme Interesse in Frankreich ist erstaunlich. Wie lässt es sich erklären, dass Rilkes Briefe als Kultbuch gehandelt werden? Das Werk wurde ständig kommentiert, interpretiert, analysiert, auf der Universität, auch schon im Gymnasium gelesen, an junge Leute verschenkt und bei Hochzeitsreden zitiert. Es ist ein Verkaufsschlager ersten Ranges.

In einem neuen Kommentar zu dem Buch geht der französische Literaturwissenschafter Jean-Michel Maulpoix sogar so weit, es von seinem Erfolg her mit dem Kleinen Prinzen von Saint-Exupéry zu vergleichen. Er meint, dass die Briefe ihre Sonderstellung den Lesern verdanken, und das habe dazu geführt, dass sie in Frankreich nicht als Briefe veröffentlicht wurden, sondern als "vollwertiges" Werk, sowohl bei Seuil als auch in der Pléiade-Ausgabe, wo sie als eigenständige Prosawerke aufscheinen, was bei der deutschen Insel-Ausgabe nicht der Fall ist. Warum gerade in Frankreich? Auf diese Frage gibt keiner der vielen Kommentare wirklich eine zufriedenstellende Antwort. Denn alle Gründe, die angeführt werden - leichter zugänglich als die hermetischen Spätwerke Rilkes, Anregungen für junge Leute, die kreativ leben möchten -, gelten ja für andere Länder ebenso. Und sollten wirklich nur prosaische Gründe wie das Wegfallen der Lizenzgebühren und das Aufscheinen auf Leselisten und Lycée-Lehrplänen ausschlaggebend dafür sein? Oder liegt es an den Übersetzungen, die möglicherweise moderner, klarer klingen als die preziöse Sprache des Originals?

Maulpoix meint, dass es bei den Briefen nicht nur um das Schreiben geht, sondern um Verhaltensregeln zum Leben an sich, für junge Menschen, die am Übergang zum Erwachsenenalter stehen. Jeder kann sich in dem jungen Dichter wiedererkennen und Wertvolles über Themen wie Einsamkeit, Geduld, Liebe und Dichtung auf sich beziehen. Obwohl die Briefe auch im deutschsprachigen Raum ein beliebtes Rilke-Werk sind, haben sie im Unterschied zum Cornet, der zu den berühmtesten Dichtungen der deutschen Sprache gehört, niemals einen vergleichbaren Stellenwert erreicht.

Die Literaturwissenschafterin Chantal Guillaume glaubt, dass sich die Franzosen immer schon für Literaturtheorie interessiert haben, für häufig angestellte Überlegungen über die Beweggründe für das Schreiben und die Rolle des Schriftstellers. Eine andere Interpretation, freilich grenzüberschreitend, ist die, dass Rilkes Buch eigenartig quer zu einem auf Hedonismus, Sex and Fun ausgerichteten Zeitgeist steht, wenn er meint, "Geduld ist alles". Oder: "Aber es ist Schweres, was uns aufgetragen wurde, fast alles Ernste ist schwer, und alles ist ernst." (Margaret Millischer, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 26./27. Februar 2011)

Margaret Millischer ist diplomierte Übersetzerin und hat den Kommentar von Jean Michel Maulpoix in einer gemeinsam mit den "Briefen" veröffentlichen Ausgabe ins Deutsche übertragen (Leipziger Literaturverlag).

Am 4. März 2011 diskutieren Gerald Stieg und Millischer über das Buch, und zwar um 19 Uhr im Palais Clam Gallas, Währinger Str. 30, 1090 Wien.

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