Großbaustelle Erwachsenwerden

27. Februar 2011, 17:43
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Im pubertierenden Gehirn ist langfristiges Denken und Planen schwer möglich

Die Pubertät ist zwar keine Krankheit, aber irgendwie fühlt sie sich manchmal so an. Für Teenager genauso wie für ihre Eltern, die einfach nicht fassen können, warum ihre Sprösslinge plötzlich stinkfaul werden, nicht mehr aus dem Bett kommen, und schweigend beim Abendessen sitzen. Warum lachen sie und weinen im nächsten Moment? Warum brauchen Pubertierende mitunter hundert Aufforderungen, um wichtige Sachen zu erledigen? Eveline Crone, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Leiden, weiß, warum das alles so mühsam ist.

Sie erforscht den Zusammenhang von Hirnentwicklung und geistiger Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und breitet diesen hochkomplexen Prozess in seiner ganzen hirnanatomischen Wahrheit vor ihren Lesern aus. Das Buch kann als Spaziergang durch menschliches Denken und Fühlen gelesen werden. Wer erfährt, dass im erwachsenen frontalen Kortex des Gehirns kognitives Denken und damit das Handeln angesiedelt ist, versteht plötzlich, warum im unfertigen pubertierenden Gehirn langfristiges Denken und damit Planen schwer möglich ist. In der Amygdala werden Emotionen verarbeitet: Doch Jugendliche verwechseln häufig Gefühle, deuten Gesichtsausdrücke falsch und treiben sich selbst dadurch in die Verwirrung. Wichtig zu wissen:Pubertierende reagieren viel stärker auf Belohnung als auf Kritik - Crone belegt all diese Erkenntnisse durch Studien und Versuchsreihen. Das Fazit: Konflikte entstehen, wenn man von Pubertierenden Dinge verlangt, die sie aufgrund ihrer Hirnentwicklung nicht leisten können. Parallel haben sie Fähigkeiten, die die von Erwachsenen weit in den Schatten stellen. Und wenn sie nicht aus dem Bett kommen, dann nur, weil das Hormon Melatonin sie in den Dauer-Jetlag verbannt.

Wer hofft, das Buch sei ein Ratgeber, wird enttäuscht werden. Es ist eine wissenschaftlich exakte Beschreibung eines Entwicklungsprozesses, der mit dem zehnten Lebensjahr beginnt und mitunter erst mit 22 (sic!) abgeschlossen ist. (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 28.02.2011)

  • Eveline Crone: Das pubertierende Gehirn. Droemer 2011, 207 S., 15,50 Euro
    foto: standard

    Eveline Crone: Das pubertierende Gehirn. Droemer 2011, 207 S., 15,50 Euro

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